Second Life und Vorurteile. Oder: Das Kreuz mit SL

Seit ich in SL bin fällt mir eines immer wieder auf: Man spricht lieber nicht öffentlich darüber. Denn die weitaus meisten Zeitgenossen hören „Second Life“ und winken sofort mit leicht angewidertem Gesicht ab. Günstigstenfalls bekommt man zur Antwort „Ich brauche kein zweites Leben, ich hab‘ bereits eins!“
Dabei haben sie doch keine Vorstellung, um was es bei SL überhaupt geht und wie unterschiedlich es genutzt werden kann! Das ist wie wenn jemand ein Essen nicht mal geschnuppert oder gesehen hat – nur den Namen des Gerichts hört und dann die Nase rümpft.

living in deserts of concrete, steel and glass

Der wichtigste und vermutlich maßgebliche Grund für diese Reaktionen dürfte in der Tatsache liegen, dass es nichts Vergleichbares gibt.
Dinge für die man keine Schablone hat, steckt man in irgend eine dieser unzähligen Hinterkopfschubladen die man so hat. Denn Dinge, auch die die man nicht kennt, möchten eingeordnet werden.
Das mag dann bei A die Schublade „Computerspiel“ sein. Sein Argument wäre „Ach hör mir auf mit dem Mist, immer diese Hypes…World of Warcraft hab ich nur zwei Tage getestet und dann war ich bedient. Computerspiele sind nix für mich!“
Hallo? Das ist eindeutig Äpfel und Birnen. Aber gut – Unbekanntes möchte eingeordnet sein.
Nein, Second Life ist KEIN SPIEL. Auch wenn man darin durchaus spielen kann. Und zwar auf sehr unterschiedliche Art und Weise.

Bei B öffnet sich die Schublade Sex. „Damals als die ganze Presse drüber berichtete wurde ja schon schnell klar um was es geht – Ficken! Und sogar Kinderpornographie soll dort stattgefunden haben.“
Wieso bei vielen Menschen gerade das Schmuddelimage das einzige ist, was von der Berichterstattung hängen blieb ist mir schleierhaft. Ja, es gibt Sex in SL. Und ja es gibt auch dort (ebenso wie in der realen Welt) schwarze Schafe. Die Dinge tun die ein absolutes NoGo sind. Aber verurteilt man auch Motorradfahrer generell, bloss weil einige wenige davon sich im Straßenverkehr gefährdend verhalten oder „Hells Angels“ sind? Verurteilt man ein Einkaufszentrum weil es unter den dreißig Läden darin einen Beate Uhse Shop gibt?

Night Peace

Bei C ist zwar kein Vorurteil im moralischen Sinne vorhanden – aber das einzige was er erinnert sind die Bilder aus den Anfängen von SL. Als die Avatare noch hölzern liefen, die Grafik nach heutigen Standards gemessen unter aller Sau war, und als die Bedienung voller Tücken schien. Da wollte man sich auf einen Stuhl setzen und saß stattdessen aus völlig unerfindlichen Gründen – wie peinlich – dem Gegenüber auf dem Kopf.
Und die Avatare selbst waren …….. ziemlich unbeschreiblich. Jedenfalls nicht wirklich halbwegs realistisch. Aber hey Leute – das ist über vierzehn Jahre her!
Genau deshalb taugt es nicht um in der Gegenwart abzuwinken.

Sl_history_website_2002
Quelle: http://wiki.secondlife.com/wiki/History_of_Second_Life

Kommen wir zu D! Bei D ist es die Angst zuviel Gefallen zu finden, die ihn abwinken lässt. „Ich kenn‘ mich! Wenn ich mit sowas anfange kann ich nicht mehr aufhören. Ich bin froh das ich mir inzwischen abgewöhnen konnte alle Viertelstunde auf mein Handy zu starren!“
Okay. Akzeptiert! Gültige Schublade.

Kommen wir zu E – der erinnert lediglich das es mal hiess man könne in SL richtiges, hartes Geld verdienen. Und das eine Menge namhafter Global Player damals Land in SL erstanden um einen virtuellen Firmensitz zu etablieren.
„Sie alle waren dann ja ganz schnell wieder weg vom Fenster……..sei es Addidas, Mercedes Benz oder sonst einer der unzähligen Großkonzerne. Und ach ja, klaaaar! Anshe Chung! Dieeeee hat ja dann fast ganz Secondlife aufgekauft (serverplatz-landtechnisch) und sich durch Vermietungen eine goldene Nase verdient. Ja klar, konnte man doch überall lesen.“
Hm. Konnte man? Nun gut, angenommen es war so; was sagt das über die Frage aus ob du hier und heute in SL Spass haben könntest?

Und F? Der hat einen Mangel an Phantasie. Er kann sich einfach nicht vorstellen, dass sich jemand mit seinem Avatar so weit identifizieren könnte, um das was er in einer virtuellen Welt erlebt als real zu betrachten. Zumindest auf der Emotionalebene.
Immersion ist ihm ein Fremdwort, und häufig argumentiert er mit Sätzen wie „Ich mag schon im richtigen Leben keine sogenannten Rollenspiele! Nichtmal als Kind war ich wild auf „Cowboy, Indianer, Prinzessin und Co“!“
Wenn man ihm dann erklärt „Aber man identifiziert sich irgendwann so weit mit dem Avatar das ein Flug mit einem virtuellen Gleitschirm einem unglaublich real vorkommt!“ dann wird er vermutlich nie wieder vor der Tür stehen. Weil er dich als absoluten Spinner und Sonderling abgetan hat und dich zukünftig lieber meidet.
Erwähnte ich schon, dass er auch bei der Lektüre eines Buches niemand ist der sich mit dem Protagonisten (oder Antagonisten) identifizieren kann, und daher die meisten Bücher grottenlangweilig findet? Im Kino wird man F auch niemals antreffen. 🙂

On The Edge 2.jpg

Fakt ist und bleibt jedoch:
Wie unterschiedlich die Hintergründe für diese Ablehnung auch sein mögen – wenn man versucht mit einem Außenstehenden über SL zu sprechen wird man in neun von zehn Fällen scheitern. Mit viel Glück wird man nicht zum Spinner erklärt.

Das ist nicht nur meine eigene Beobachtung, sondern auch wenn ich mit Freunden aus SL darüber spreche stelle ich fest: Sie haben alle die gleiche Erfahrung gemacht.
Hin und wieder kommt es vor das man jemandem begegnet, der aufgeschlossen reagiert. „Ach ja, Second Life. Da war doch mal was………wow das gibt’s noch?“ Und dann Fragen stellt. Geneigt ist sich Bilder anzuschauen. Oder einem günstigstenfalls sogar Löcher in den Bauch fragt. Wie gesagt. Einer von zehn.

Second Life ist nicht beschreibbar! Es ist lediglich erfahrbar.
Das ist jedenfalls meine ständige Rede und die Erklärung für die Crux von det Janze.

Warum es nicht beschreibbar ist?
Nun weil es zu komplex ist. Und weil jeder Mensch der sich darin wohl fühlt, das aus einem anderen Grunde tut.
Der eine sucht soziale, virtuelle Kontakte, möchte chatten, Party machen, mit anderen abhängen. Ein anderer findet Spass daran sich selbst völlig neu zu erfinden. Vielleicht endlich mal schön und attraktiv und jung zu sein.
Ein Dritter sammelt alle möglichen Autos und Fahrzeuge, weil er im RL schrecklich gern ein Auto Museum aufmachen würde aber dafür natürlich weder Zeit noch Schotter hat.
Ein vierter möchte es genießen seine sexuellen Fetische auszuleben und dabei den Schutz der Anonymität gewahrt wissen, was im richtigen Leben kaum ginge.
Dann die unzähligen Sänger und Songwriter die in SL life performen und endlich ein Publikum finden welches sie aus unterschiedlichsten Gründen im richtigen Leben nie erreichen konnten…….
Die User die sich um die Kultur im weitesten Sinne in SL kümmen – sei es durch Kunst Installationen, sei es durch Autorenlesungen, sei es durch das Drehen von Machinima.

Last not least die vielen Rollenspieler die es extrem unterhaltsam finden einmal „Schauspieler“ zu sein und spontan Theater zu spielen. Denn nichts anderes ist Rollenspiel in Second Life: Man denkt sich einen Charakter aus und schlüpft hinein, trifft in einem abgesprochenen, fiktiven Welt- und Gesellschaftsrahmen (sei es nun Mittelalter, Steampunk oder Sci-Fi) andere Charaktere und stellt mit ihnen spontan eine Handlung her.
Und natürlich sollte ich auch nicht die unzähligen Content Ersteller vergessen. Denn Second Life wurde ja niemals von Linden Lab als fertige Welt angeboten. Alles, was darin existiert, wurden von Usern selbst hergestellt. Das fängt bei den Haaren an die ein Avatar trägt, geht über Augen und Unterwäsche, über Schuhe und sogar die Farbe seiner Haut bis hin zu dem Auto welches er fährt, der Yacht die er besitzt, das Bett in dem er schläft und  dem Haus in dem er wohnt.
Jeder Grashalm, jede Blume, jeder Baum, jeder Vogel und jeder herumfliegende Stein………alles von Leuten wie Dir und mir erschaffen.

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Und dann die Menschen die im RL unter unglaublichen Einschränkungen leiden, die sie in Second Life mal für ein paar Stunden vergessen können.
Die Frau mit Multipler Sklerose, die so gern tanzte als sie noch gesund war und nun endlich wieder das Tanzbein schwingen kann.
Der Mann der nach einem Unfall querschnittsgelähmt ist und seinen Computer mit dem Mund-Joystick bedient.
Die fast achtzigjährige Britin, die nach dem Tod ihres Gatten in ein tiefes Loch fiel…….die nicht wusste womit sie sein Fehlen würde ausfüllen können. Bis eines Tages ihr Enkel Ferien und somit viel Zeit hatte, bei ihr erschien, ihr beibrachte wie man einen Computer bedient, ihr Second Life aufspielte und sie in den ersten Tagen beim Erstellen ihres Avatars begleitete.
Heute ist sie zuständig für Tanzanimationen in einem amerikanischen Country Club. Und fühlt sich wieder jung und schön. (Erwähnte ich schon, das das Innere eines Menschen ab einem bestimmten Punkt, -meist liegt er zwischen dreißig und vierzig Jahren-, nicht mehr weiter altert? Es ist nur der Körper der das Alter dann zeigt…..innerlich sind die weitaus meisten Senioren nicht faltig und bewegungseingeschränkt!)

😀

Wie dem sei – das Kreuz mit SL ist die Tatsache, dass es viel zu groß ist um es zu beschreiben, viel zu komplex um es in drei Sätze zu fassen und viel vielseitiger als man sich je vorstellen könnte wenn man es nicht erlebt hat!
Auch wenn ich das weiss und verstehe – es tut jedesmal wieder aufs Neue weh wenn ein netter Mensch hört, dass man durch SL tourt und sich dann an die Stirn tippt. Abwinkt. Und einen in eine Kiste schiebt.
Liebe NICHT SL USER, lasst das doch zukünftig bitte bleiben. Weil…………Ihr habt ja keinen blassen Schimmer! 😉

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2 Kommentare zu „Second Life und Vorurteile. Oder: Das Kreuz mit SL

  1. Das eigentliche Killerkriterium bleibt meiner Meinung nach zweigeteilt: Erstens ist die Performance grottig (und das kann sich naturgemäß auch nicht ändern. Usergenerierter Content undso. Da laden halt ´ne Menge viel zu großer Texturen und viel zu detaillierter Meshes!) und zweitens ist die Bedienung ein Verkehrsunfall. Da muss niemand drüber diskutieren – jeder SL-Viewer ist im Vergleich zu jedem Computerspiel einfach nur ein unintuitiver Overkill. Niemand mag ein Zweitstudium Viewerbedienung machen. 🙂
    SL bleibt Nische für Liebhaber. Für Spinner, Gammler, Freaks. Und das gefällt mir wirklich gut. 😀

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