Mel bleibt.

Es wird mal wieder Zeit eins der Settings von offenschreiben aufzunehmen! Heute soll es die Nr. 49 sein, die da vorgibt:

Setting:

Dein/e Protagonist/in ist Musikerin. Mit seinem/ihrem Instrument kann er/sie eine Art Zauber heraufbeschwören, der alle in seinen Bann zieht. Dennoch spielt er/sie immer noch in einer kleinen Bar und bekommt einen Hungerlohn. Warum hat er/sie sich nie auf die große Bühne getraut? Was hält ihn/sie von seinem Durchbruch ab?

Gegenstände:

wackeliger Stuhl, dreckiger Boden, Schnapsflasche

Personen:

verzauberte Leute, Wirt, Frau mit Regenschirm

guitar player 2_001

Mel bleibt.

Das Geräusch ist nicht laut. Aber unbeliebt. Und allzu vertraut.
Es zerreisst einem keine Trommelfelle, aber Nerven.

Mel wendet den Kopf von seinem Monitor ab, dreht sich mit dem Schreibtischstuhl weit genug nach links um seine Gitarren sehen zu können. Es hilft nicht die Augen zusammenzukneifen, hier von der anderen Seite des Zimmers kann er nicht erkennen, welches seiner Instrumente betroffen ist.
„Ich wette es ist eine A-Saite“, murmelt er während er sich unwillig erhebt und näher geht.

Oh verdammt! Nicht die Konzertgitarre!
Der Musiker hat das Geräusch traumwandlerisch sicher als das Reißen einer Gitarrenseite identifiziert, allerdings ist es dann doch nicht die A- sondern die D-Saite, die nun schlaff nach unten hängt und nicht mehr mit dem Wirbel verbunden ist.
Ausgerechnet! Weder seine E-Gitarre noch die zwölfseitige Westerngitarre wird Mel heute Abend brauchen! Seine heissgeliebte Yamaha Konzertgitarre allerdings ist unabdingbar für den Freitag Abend Gig in Ed’s Bar. Und er hat keine Ersatzsaiten mehr.

Hilft nichts, er wird seine Tagesplanung umwerfen müssen und sich auf den Weg zu Magda’s Musikalienhandlung machen. Seit Wochen hatte er sich vorgenommen einen neuen Vorrat an Saiten zu besorgen, aber es kam wie es immer kommt: Irgendwas war permanent wichtiger gewesen. Vor drei Wochen hätte er Zeit und Muße gehabt, allerdings war sein Budget mal wieder total erschöpft gewesen – Ed ist  kein Krösus. Und auch wenn der Wirt der „Sound Spelunke“ Mel mehr als schätzte…. die Bezahlung ließ zu wünschen übrig.  An den Tagen mit Poetry Slams blieb sie völlig aus, da gehörte die Bühne den Möchtegern-Schreiberlingen, nicht den Musikern. Also sozusagen nicht einmal ein Vollzeit Engagement.

Es ist August. Und das ist ein Segen.
Erstens kann er auf die Straßenbahn verzichten und mit dem Rad zu Magda fahren, und zweitens ist der Sommer die einzige Jahreszeit in der Ed seinen Biergarten für Konzerte und Poetry Slams öffnet. Mel genießt es, nicht in der dunklen, nach abgestandenem Bier und verschütteten Drinks müffelnden Bar auftreten zu müssen, sondern seine Songs in lauer Sommenachtsluft darbieten zu können!

Mit einigen schnellen Schritten kehrt er zum Rechner zurück und schreibt die letzten drei Sätze seiner Absage an Sony.
„Wenn Ed endlich aufhören würde, Demotapes von meinen Gigs zu verschicken! Es wird Zeit das ich ihn mir nochmal kaufe!“

Die Absage gesellt sich nahtlos zu denen an Warner und MBM. Während der Rechner herunterfährt und der Monitor schwarz wird, gibt Mel ein leises Seufzen von sich. Es bricht ihm immer wieder das Herz. Natürlich will er Ruhm. Natürlich will er einen Vertrag! Natürlich will er ‚groß rauskommen‘, und  ausgerechnet von drei so berühmten Labels Vertragsangebote erhalten zu haben bauchpinselt ihn nicht übel.

Aber was nicht geht, geht nicht!

rocking soul

 

Während Mel in die Pedale tritt schwirren ihm Gedanken über die Vergangenheit durch den Kopf.
Anfangs war er nicht mehr als ein recht talentierter Hausgebrauchsgitarrist gewesen. Ed hatte ihm nach einem Probeauftrag hart aber herzlich mitgeteilt:
„Sorry Mel – für den Geburtstag meiner Oma würde ich fünfzig Euro springen lassen, sie würde Dich sicher anbeten. Aber in meiner Kneipe brauche ich Musiker, keine Möchtegerns! Geh‘ üben! In einem Jahr höre ich Dich gern noch einmal an.“

Während er seine Gitarren in den Koffern verstaut hatte, entstand aus Mel’s Enttäuschung ein dicker Frust. Und aus dem dann eine gelinde Wut. Genervt hatte er gegen eine am Boden liegende Rootbierflasche getreten – sie rollte ein Stück weg aber dabei machte sie ein sehr sonderbares Geräusch. Stirnrunzelnd wollte Mel sie aufheben als ein Poltern der Nebentüre ihn aufschauen ließ.

Sie war wunderschön. Fast zu schön um wahr zu sein!
Während sie ihren Regenschirm ausschüttelte und schließlich zusammen klappte, glitt sein Blick über die trotz Schirm durchnässte, weisse Hemdbluse.
Das sie keine Unterwäsche trug war unschwer zu erkennen. Man hätte denken können, sie wäre schnurstracks von einem „Wet T-Shirt Contest“ hergekommen. Nachdem sie den Schirm zusammengeklappt und in einen Ständer geschoben hatte, der ein rostiges Dasein unter den Haken der primitiven Garderobe fristete, trafen ihre Augen die des Musikers.
Ihm gefror fast das Blut in den Adern!

Die Augen der jungen Frau waren von einem leuchtenden Bernstein. Doch ihre Pupillen eindeutig nicht menschlich. Einem katzenartigen Raubtier hätten sie vortrefflich gestanden, lang und elliptisch.
„Du solltest nicht so roh mit meiner Behausung umgehen!“
Auch wenn Mel den Sinn der Worte nicht greifen konnte, die Stimme war dunkel, rauchig und auch wenn sie keinen erkennbaren Akzent sprach rollten die „R“ wie schnurrende Perlen auf einer Gebetskette durch ihre blasse, wohlgeformte Kehle.

„Bitte? Verzeihung ich………“
„Mein Heim. Die Flasche die Du gerade achtlos weggetreten hast. Darf ich mich vorstellen – Rinkaja, Dschinn der vierzehnten Begharl Dynastie, Tochter von Rahana und Tronkal Begharl.“
Mel schaffte es nicht seinen staunend aufgerissenen Mund wieder zu schließen.

Fast fährt er bei der Erinnerung gegen einen Laternenpfahl, erst im letzten Moment taucht dieser in seinem Bewusstsein auf und er bremst heftig, kommt schließlich schlingernd in Sichtweite von Magda’s Laden zum Stehen. Einige Passanten bedenken ihn mit Schimpfwörtern à la „Rad Rowdy!“

Zwei Sätze Saiten für jede seiner Gitarren sind schnell erstanden, als ihm Magda einen Chai anbieten möchte, stottert er etwas durcheinander eine lahme Entschuldigung und stürzt fast fluchtartig aus dem Laden. Die würzige Sommerluft tut gut. Tief einatmen!

Mel erinnert sich daran, wie er den Flaschengeist dabei beobachtet hatte in die Flasche zu schlüpfen, und dass er hernach vier Tage lang versucht hatte aufzuwachen obwohl er wach war.
Es hatte ihm natürlich keine Ruhe gelassen. Und so besuchte er eines Abends die Kneipe, trank ein Pils und spähte dabei nach der Flasche aus. Sie ruhte dicht neben dem Schirmständer. Während er so tat als wolle er das stille Örtchen aufsuchen, hatte er sie an sich genommen, und dann die Kneipe durch den Hintereingang verlassen.

Die „bezaubernde Rinkaja“ war nicht sonderlich begeistert, als sie zwei Tage später ihre Flasche verließ und sich unversehens in Mel’s Altbauwohnung wieder fand. Als sie so plötzlich aus einem magischen Licht- und Farbwirbel auftauchte, wäre er fast von dem wackligen Stuhl gekippt auf dem er hockte und einige Riffs übte.
Wütend hatte sie ihm erklärt, dass sie nicht aus Spass an der Freude in der Kneipe von Ed lebte, sondern weil dieser Platz seit Tausenden von Jahren das angestammte Reich der Begharls sei. Und an keinem anderen Ort könne sie ihre magischen Fähigkeiten nutzen! Er möge sie doch zurück bringen.

Mel jedoch war viel zu begeistert einen Flaschengeist zu „besitzen“ und hatte sich geweigert. Ein halbes Jahr lang lag die Flasche auf seinem Trophäenregal. Rinkaja jedoch hatte sich in der ganzen Zeit kein einziges Mal blicken lassen. Schließlich wurde es Mel langweilig, er hockte nächtelang vor der Flasche und bettelte sie solle sich zeigen – Nichts! Als er sich nicht mehr anders zu helfen wusste, schrieb er ein Lied für die hübsche Dschinn, in dem er sie bat zu erscheinen.
Offenbar hatte das Wirkung, jedenfalls begann die Flasche zu beben und nach einigen Momenten mit Feenstaub in der Luft des bohemen Altbauzimmers, stand sie vor ihm. Nackt.

„Wenn Du mich nicht zurück bringst, werde ich nie wieder aus meiner Flasche hinaus können. Meine Magie reicht gerade noch um einmal zurück zu schlüpfen! Ich flehe Dich an, kerkere mich nicht auf Deinem Regal ein!“

Schließlich hatten die beiden einen Deal gefunden – recht clever hatte Mel die Schöne davon überzeugt, die ganze Nacht ausserhalb ihrer Flasche zu verbringen und mit ihm das Bett zu teilen.
Überraschend schnell hatte sie sich darauf eingelassen. Man trank eine Flasche Burgunder. Was dann genau geschehen war, vermochte der Gitarrist nicht mehr zu erinnern.

Nur das er nie wieder versuchen würde einen Flaschengeist zu beglücken, dieser Entschluss blieb fest in seinem Hinterkopf. Was auch immer geschehen war, es hatte ihm eine ganze Woche Schmerzen in den Kronjuwelen beschert!
Rinkaja jedoch schien von der Nacht so begeistert zu sein, dass sie ihm versprach sie würde ihn mit einem magischen Geschenk segnen sobald er sie zurück gebracht hatte. Er möge auf jeden Fall Ed noch einmal vorspielen.

Seltsamerweise war der Wirt einverstanden als Mel das vorschlug.
An jenem denkwürdigen Abend war die Kneipe brechend voll! Als Mel zu spielen begann, legte sich das Stimmengewirr der Gäste jedoch in Windeseile. Es gab nicht einen einzigen Gast, den alten Ed einbegriffen, der nicht völlig verzaubert dem Spiel des Musikers gelauscht hätte. Wie in einem Bann, begannen die Augen des Publikums zu leuchten und ihre Herzen für den jungen Songwriter zu brennen! Nie würde er den frenetischen Applaus vergessen. Und auch nicht die unglaubliche Müdigkeit, die ihn nach der vierten Zugabe ergriff.

Mel hatte es versucht………aber an keinem anderen Ort als in Ed’s Kneipe reagierten die Zuhörer in dieser Weise. Weder wenn er versuchte als Straßenmusiker sein Budget aufzupeppen, noch in anderen Lokalitäten. Nein, er würde Ed nicht verlassen können! Er musste wirklich daran denken dem Wirt klar zu machen, dass er aufhören musste seine Gigs aufzunehmen und Demo Tapes zu verschicken!

+++

(Natürlich hat die Frau auf dem Bild keine Katzenaugen. Ganz einfach deshalb weil es diese Geschichte noch nicht gab als ich es machte, und weil ich im Augenblick in SL kein Geld ausgeben möchte um ein Kostüm einer bezaubernden Jeannie zu kaufen. Ich baue daher auf die Toleranz meiner Leser, es mit dem Bild nicht allzu genau zu nehmen 🙂

 

 

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