Schubladendenken und Genderkram

Zugegeben, ich hasse es wenn Menschen in Schubladen denken. Ich sitze mit einer Bekannten im Speisewagen und die deutet mit dem Kinn in Richtung einer ziemlich dicken Frau, die genüsslich ein Stück Torte verzehrt während die Sahnehaube auf ihrer heißen Schokolade langsam schmilzt. „Kein Wunder das die so aussieht, ne? Wahrscheinlich lebt sie nur von Zucker und Fett!“

himbberberndc12

Quelle: „Cami’s Magic World“    (http://wittcami.de/ )

Hat das außer mir jemand gehört? Wenn ja, ist Fremdschämen angesagt. Fakt ist doch: Wir wissen nicht warum die Dame gegenüber so dick ist. Klar, kann gut sein sie hat einfach keine Selbstdisziplin und ernährt sich absolut falsch, bewegt sich kaum und lässt das Abendessen täglich wegen einer Tüte Chips ausfallen. Kann aber genau so gut sein, dass sie eine Stoffwechselerkrankung hat oder sonst einen Grund extrem anzusetzen. Und vielleicht hat sie jahrzehntelang ergebnislos wie verrückt gegen ihre Pfunde gekämpft, ständig sich kasteiend ohne das Ziel zu erreichen – und eines Tages beschlossen „Nee! Einmal pro Woche erlaube ich mir eine Sünde, denn sonst sterbe ich im Zustand grimmiger Selbstkontrolle und ohne jahrzehntelang die kleinste sinnliche Freude gehabt zu haben“.

Wir wissen es nicht. In Schubladen zu denken, kommt also einer Wertung recht nahe. Um nicht zu sagen einer Vorverurteilung. Je nachdem um was es geht.

Warum also tun wir es?

Der Mensch muss sich in seiner Umwelt irgendwie gedanklich positionieren. Erst wenn er das erledigt hat, kann er von seiner Position aus Stellung zur Umwelt beziehen. Das ist wichtig. Unter Umständen überlebenswichtig.
Der Hund vor Dir knurrt und fletscht die Zähne? Schau zu, dass Du Land gewinnst, das bedeutet Gefahr.
Meistens zumindest. Da sind wir wieder bei den Normen. Aber es gibt ja immer Ausnahmen von der Regel. Was also hindert uns daran, erst einmal auf Sicherheitsabstand zu gehen, und besagten Caniden dann aus der Ferne zu beobachten um herauszufinden ob er wirklich aggressiv auf uns reagierte, oder ob er aus einem anderen Grund knurrend die Zähne zeigt? Ich weiss nicht was DICH hindert………bei den meisten Menschen ist es reine Bequemlichkeit, respektive Hilflosigkeit.

Die Kisten sind nützlich so lange wir uns nicht darauf ausruhen. Sie dienen einem „ersten Einordnen“, wenn wir jedoch nicht mehr mit wachen Sinnen wahrnehmen, prüfen, denken, beobachten, dann sind Denkschubladen eine Falle. Denn wir gehen mit der Zeit automatisch davon aus, sie würden eine allgemein gültige Wahrheit abbilden. Nur – leider gibt es keine allgemein gültige Wahrheiten.

Sicher, es ist angenehm es sich einfach zu machen. Bequem. Und vor allem vermittelt es uns ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. „Ich weiß bescheid, mich überrascht nix mehr!“ Von wegen. Denn kaum hat der Homo Sapiens es sich gemütlich gemacht in seinem Lebensraum aus Schubladen und Kisten, kommt garantiert etwas daher, was in keine Schublade passt. Unverhofft kommt oft.

Gott zum Gruße, Conchita Wurst! (und falls Du das zufällig irgendwann lesen solltest, wovon nicht auszugehen ist, aber man will ja für alle Fälle gerüstet sein……I really adore you! Vor allem Deinen Mut!)

Die Menschheit ist es gewohnt, sich in zwei Geschlechter einzuordnen. Alles was nicht eindeutig nach Männlein oder Weiblein aussieht verstört. Verunsichert. Polarisiert.

dee-32_001

Wir wissen einfach nicht, was wir davon halten sollen. Wir können uns nicht in Sekundenschnelle positionieren, unser Weltbild bebt und bröckelt, Ratlosigkeit stellt sich ein. Soll ich diese Person nun mit „Sir“ oder mit „Madam“ ansprechen?  wäre noch eine der leichtesten Ratlosigkeiten.
(Und im Übrigen einfach zu lösen: „Guten Tag, gestatten…..mein Name ist XY. Und wie darf ich Sie ansprechen?“ Das auf diese Weise befragte Alien wird uns einen Namen nennen, und wenn wir Glück haben ist er nicht genderneutral wie „Pat“ oder „Vic“, sondern eindeutig wie Michael oder Monika.Und schon haben wir einen Teil unserer Unsicherheit eliminiert.)
Was, wenn sich diese Person ans Urinal nebenan stellt? Oder in der Damentoilette aus der Tür gegenüber tritt?

Menschen haben „Shortcuts“ für „richtiges Verhalten“ gelernt. Dieser Vorgang ist allgemein als Sozialisierung bekannt. Hier aber versagen diese erlernten Verhaltens-Schemata. Es gibt schlicht keinen Shortcut dafür. Die enstehende Unsicherheit löst ein Gefühl der Bedrohung aus, denn der Versuch die Situation einzuordnen, misslingt. Woher soll ich wissen, ob dieses Individuum mich nicht gleich mit gefletschten Zähnen beißen wird?
Könnte es ein Alien sein? Bin ich überhaupt noch in meiner Welt, oder hat mich eine nicht näher bekannte Anomalie in ein Wurmloch gesaugt und in einem Paralleluniversum wieder ausgespuckt?
Fragen über Fragen. Und das Perverse daran: Es gibt keine Antworten. Nichts, woran ich mich festhalten könnte. Nichts, das dafür sorgt, dass ich mich sicher fühle, kein Gerüst welches mich davon abhalten kann zu straucheln und hinzufallen.

dee-31_001

Der Mensch, der seine Notdurft verrichten möchte und plötzlich am Urinal neben sich dieses Alien sieht, hat keinerlei vorprogrammiertes Verhalten erlernt. Was soll er tun? Seine Ohren fangen das Plätschern nebenan auf, während seine Augen wie hypnotisiert an den Fliesen vor ihm kleben – nur – das handelsübliche Fliesenanstarren mit leicht erhobenem Kopf um Diskretion zu signalisieren,  das hilft hier nicht.

Denn da ist die Neugierde. Hat das Alien wirklich einen Zipfel oder ist es dann doch eine Frau mit einem etwas zu heftigen Damenbart, die mit einer Stehpinkelhilfe für Damen hier einen auf superemanzipiert macht? Der Mensch würde zu gern mal rüberschielen. Was aber wenn „Es“ ihn dabei ertappt? Es könnte ja auch eine Transgenderperson mitten im Wandel sein……aber dafür müsste man genau hinschauen, was sich durch die erlernten Shortcuts für Anstand absolut verbietet.

Außerdem ist das Shirt pink! Jeder weiss doch, dass Pink für männliche Augen krebserregend ist! Gefährlich! Der Kopf will in die andere Richtung wandern und sich ratlos abwenden, doch zu spät, nun steht auch dort ein Gast am Urinal, den man genau so wenig anstarren kann. Am Ende hält der Typ einen für schwul!
Also starrt der Mensch weiterhin die Wand vor sich an wie ein hypnotisiertes Kaninchen, und ist froh als die Blase leer ist, so schnell hat er noch nie abgeschüttelt und den Zipper wieder hochgerissen, fast fluchtartig verlässt er die Toilette. Draußen stellt sich dann dieses typische „Gerettet! – Gefühl“ ein. Erleichtert atmet er tief durch. Dass er das Händewaschen vergessen hat, ist gegen das eben Erfahrene ein reines Kavaliersdelikt…….die Hälfte der Menschheit vergisst das mal.

Wir fürchten, was wir nicht einordnen können. Dinge die nicht in Schubladen passen, machen uns Angst. Und nun?

Es gibt zwei Zauberworte.

Nummer Eins ist „Selbstbewusstsein“. Entspann Dich! Ja, da ist etwas das Du nicht kennst. Aber traust Du Dir selbst so wenig über den Weg, dass Du fürchten musst, nicht adäquat reagieren zu können? Und selbst wenn……..das Gegenüber weiss doch, dass es in keine Schablone passt! Es rechnet also mit Deiner Verunsicherung und wird Dir nur dann einen Strick aus einem Fehler drehen, wenn es selbst noch nicht gelernt hat hinter sich zu stehen und sich anzunehmen so wie es ist!
Selbst ein Fehler ist kein Beinbruch – wir sind Menschen. Und niemand ist perfekt, wir alle machen Fehler. Fehler sind toll, man lernt daraus! Ohne kämen wir nicht wirklich weiter auf dem Weg durch die Evolution!

Nummer Zwei ist „Abenteuerlust und Forschergeist“. Und das Bewusstsein, dass es auf den Charakter ankommt, nicht auf die Hülle in der er sich durch die materielle Welt bewegt. Sind es nicht die Seele und das Herz, die einen Menschen ausmachen? Egal in welcher physischen Form jemand durchs Leben geht…….unsere Interaktionen mit ihm sind gesteuert von seiner Sicht der Welt, seinen Einstellungen und seinem Verhalten. Und das ist absolut unabhängig von seiner Physis! (okay, ich gebe zu, die Horomone spielen auch eine Rolle und bestimmen unser Denken und unsere Emotionalebene. Aber wir wissen, dass jeder Mann eine innere Frau hat und jede Frau einen inneren Mann. Die Frage ist lediglich wie die Beiden gewichtet sind.)

Fazit: Physische Geschlechter werden überbewertet. Es ist der Mensch der zählt, nicht seine Form!

Abschliessend möchte ich Euch einige Bilder des oben gezeigten Avatars anbieten, in welchen ich ihn immer wieder leicht abwandele. Und er wird jedes Mal anders wirken. Immer androgyn aber mal mehr zur männlichen, mal mehr zur weiblichen Seite neigend. Es hängt von so vielem ab wie man einen Menschen geschlechtlich einordnet: Kleidung, Farben derselben, Frisur, Körperhaltung und -sprache. Die Figur des Avatars und das Gesicht ist immer gleich, und dennoch….es hängt so vieles davon ab wie man gekleidet und frisiert ist….aber seht selbst und lasst die Bilder wirken! Nochmal: Am Körper habe ich nicht das Geringste geändert.

dee-17_001

dee-19_001

dee-26_001

dee-15_001

dee-38_001

dee-39_001

dee-41_001

dee-42_001

dee-43_001

dee-45_001

dee-46_001

dee-48_001

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s