Kap43: Rundblick

IM HAUS DES TECHNOKRATEN

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Nachdem das Haus in Ordnung gebracht war, hatte sie sich ins Bad begeben und die Türe hinter sich verriegelt. Etwas, das sie eigentlich nicht durfte. Aber sie riskierte es…….dem Wolf zuliebe!
Nachdem es so erstaunlich leicht gewesen war, Redbarnes auf ihn anzusetzen, und nachdem dieser es so verblüffend eilig hatte, sollte sie ihn warnen. Das war nicht mehr als recht und billig – der Wolf sollte vorbereitet sein. Ein Kampf mit einem Technokraten war schließlich kein Kinderspiel!

Minnie kauerte sich auf den Stuhl und versuchte ihren Körper zu verlassen; einen Avatar, also eine Art holographisches Ich ins tiefe Umbra zu senden, und siehe: Es gelang!
Allerdings war das Gespräch mit dem Wolf nicht geeignet, ihre Zuversicht wachsen zu lassen. Meine Güte, nicht einmal mehr auf Wahrträume konnte man sich heutzutage noch verlassen! Offenbar war der Traum ein Hybrid wie sie selbst. Ein Hybrid aus Wahrtraum (denn die Höhle gab es wirklich und der Wolf befand sich tatsächlich dort) und Wunschdenken (er hatte sie weder Minnie Me getauft noch kannte er sie überhaupt.)!

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Nach langem Hin und Her, bei dem sie auf glühenden Kohlen sass, weil Redbarnes jeden Moment versuchen könnte das Bad zu entern, bzw. zum Aufbruch zu blasen, hatte sich herausgestellt das Minni Me ein Welpe war, der die Seele eines Satyrs beherbergte, und der im tiefen, hinteren Teil der Höhle bei einem jungen Magus im Arm schlief.

Aber dennoch würde ihr der Wolf helfen! Sie hatte ihm versprochen, den Technokraten so weit als möglich zu behindern und ihn so spät als möglich an die Höhle gelangen zu lassen. So würde Sig, wie der Wolf sich nannte, Zeit haben einen Schlachtplan zu entwerfen. Es war noch nicht alles besprochen, als sie auch schon Redbarnes‘ Stimme und seine Fäuste gegen die Badezimmertür hämmern hörte. „Minnie, was soll das? Seit wann erlaube ich Dir, Dich einzuschließen? Mach‘ sofort auf!“

Unwillig war sie in ihren Leib zurück geschossen, und mit einem heftigen Anfall von Schwindel war sie vom Stuhl gesprungen, hatte die Tür entriegelt, ihn eingelassen. Wortlos war sie dann zur Toilettenschüssel gehechtet – vorgebend ihr sei übel und sie müsse sich übergeben. Tatsächlich hatte die kleine Hybriddämonin es geschafft, ein wenig Galle hoch zu würgen.

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Stirnrunzelnd hatte Hyppolite Redbarnes sie dabei beobachtet, und nachdem sie fertig gehustet hatte, nuschelte sie auf dem Weg zum Waschbecken „Tut mir leid Hyp, ich…………wollte nicht, dass Du mich SO siehst! Hab wohl das Steak nicht vertragen…..“, dann drehte sie flugs das Wasser auf um sich das Gesicht zu waschen. Auch dabei ließ er kein Auge von ihr. Kaum hatte sie sich gesäubert, hakte er die Kette in die Öse ihres Halsbandes und zog sie aus dem Bad. „Wir gehen! Los, zeig mir den Weg.“

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Minnie hatte so getan als habe ihre Übelkeit sie geschwächt, sie taumelte mehr hinter ihm her, als das sie ihn führte. Als sie das Haus verlassen hatten, begann sie ihn erst einmal ins tiefe Umbra zu lotsen, wobei sie Umwege machte und auf Zeit spielte. Er wurde immer ungeduldiger. Doch bei jedem scharfen Wort, versicherte sie ihm kokett und strahlend, das sie halt lange keine solche Reise mehr unternommen habe und schlicht aus der Übung sei. Und das sie den Wolf mit Sicherheit finden würde.

 

JAMIES ZUHAUSE

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Der alte Schamane war beunruhigt.
Seit Jamie sich auf die Suche nach Isar gemacht hatte, hatte er kein Lebenszeichen mehr erhalten. Weder Lung Ninurta noch er selbst schafften es, sich mit dem Jungmagus zu verbinden. Und das war höchst seltsam und so noch nie vorgekommen. Lediglich ein einziges kurzes Mal hatte er es geschafft (auf einem eher unüblichen und für ihn auch ungeübten Wege) seine Stimme physisch zu Jamie zu transportieren und ihn zu rüffeln. Dieser liebesblinde Tölpel! Nicht einmal den Stab den er ihm mitgegeben hatte, hatte Jamie zuvor auf seine Fähigkeiten geprüft! Nur ein Narr warf sich in einen Kampf ohne seine Waffe zu kennen! Hoffentlich fand er nun heraus wie man den Riss generierte, der ihn, Isar und den Wolf zurück nach hier bringen würde!

Red schob den Stecker in die Dose, und die kleinen Lichter an dem hölzernen Rentier verbreiteten ein warmes Licht am Eingang zum Wohnraum. Sein Kollege Tekko schlief oben im Gästezimmer den Jetlag aus, und Mel und Aidan waren noch nicht angekommen. Shamoni hatte abgesagt. Sie hatte wohl keinerlei Kapazitäten für Krisensitzungen frei.

Aranza hatte Jamie offenbar Teile ihres Sofas vermacht, aber für Red war das absolut zu bodennah, er hatte Probleme so tief zu sitzen.
Er konnte nicht länger verleugnen, dass er mit Riesenschritten auf die Siebzig zuging.

Also hatte er es mit Tekko gemeinsam in den Keller geschafft und die Möbel des Vormieters wieder herauf geholt. Die Nervosität besänftigte er indem er während der Wartezeit auf Mel’s Ankunft ein wenig Adventsstimmung im Haus verbreitete – war er im Keller doch über eine Kiste mit Dekorationsdingen gestolpert.

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Schließlich hatte er sich mit einer Tasse Chai an den Kamin gehockt und vor sich hin gestarrt. Er war verantwortlich für Jamie! Aber nicht nur das machte ihm Kummer. Sollte Jamie Isar wirklich finden, so blieb die große Frage wie man den Dämon bekämpfen sollte, der Isar’s Körper benutzte. Wie ihn überhaupt auftreiben??

Während er den Tee schlürfte, wurde es draußen schon ein wenig dämmrig. Noch 24 Tage bis Weihnachten! Verdammt, wie gerne würde er Isar und Jamie eine Lösung schenken! Ganz davon abgesehen, das die erfolgreiche Beseitigung dieses Monsters auch die Welt retten würde………Sorgenfalten. Tiefe Sorgenfalten.

Hoffentlich würden Mel, Tekko, Aidan und er gemeinsam eine Strategie ersinnen können. Manches konnte man einfach nicht alleine bewerkstelligen. Auf der Treppe erklangen Tekko’s schwere Schritte. Genau in dem Moment als er den langhaarigen Schamanen aus Kanada die Treppe hinablaufen sah, klingelte es an der Tür und auch sein Handy gab Laut.

Red nahm das Gespräch entgegen während Tekko ihm nur zunickte und Richtung Haustür trabte um Mel zu öffnen. Aidan erklärte am Telefon, er habe einen Todesfall in der Familie und würde ebenfalls nicht kommen können. Verdammter Bockmist.
Tekko hatte Mel eingelassen während Red kondolierte, und beide wurden mit einer Tasse Chai bedacht und aufs Sofa gebeten. Der alte Schamane verkniff sich ein Grinsen. Denn ein unterschiedlicheres Paar Magier bekam man selten auf einem Sofa serviert!

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Während man Tekko den Magus schon von Weitem ansehen konnte, sei es an seinen langen Haaren, dem Amulett, oder der Tatsache, dass er liebend gern den Damen Feuer gab in dem er schlicht zwei Finger aneinander rieb oder auch einfach mal Federn im Haar trug, hätte Mel in seinem perfekt gebügelten und frisch gestärkten Streifenhemd und der Hose aus einem edlen, leicht glänzenden Stoff ein erfolgreicher Immobilienhai sein können. Vielleicht auch ein Banker. Er war mit seinem 911er Porsche angereist, während Tekko einfach den Daumen in den Wind gehalten hatte und erfolgreich einen Flug als blinder Passagier überstand.

Red begrüsste die Beiden mit dem Satz „Houston, wir haben ein Problem!“ und berichtete seinen alten Freunden dann von dem Dämon, der in Gestalt eines unschuldig wirkenden, auf eine verblüffende Weise niedlich wirkenden, blonden Satyrs beschlossen hatte die Welt heimzusuchen.
Nachdem er geendet hatte, machte Tekko dicke Backen während Mel mit den Fingern seine Bügelfalten quälte. Eine lange Weile herrschte nachdenkliches Schweigen, das nur vom Prasseln des heimelig flackernden Kaminfeuers unterbrochen wurde. Danach vom Klingeln des Pizzaboten. Und dann schließlich vom Rufen des Eulengeistes, der den Caern bewachte.

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IM TIEFEN UMBRA

Jamie fror. Auch wenn der Mantel, der zu der Rüstung gehörte die Red ihm hatte zukommen lassen, magisch wärmte, so wurde das Schneetreiben vor der Höhle immer arger. Auch der zweite Eingang, der zuvor in eine Sommerlandschaft geführt hatte während am ersten Eingang schon Schnee lag, zeigte nun blendend weisse Pracht.

Am Tag zuvor hatte Jamie die Höhle erkundet, da er Abstand von Sig und Isar halten wollte während er versuchte, diese Risse zu generieren, den direkten Heimweg zu ermöglichen. Er kannte den Stab einfach nicht gut genug um ein Risiko einzugehen. Und siehe da, es gab einen weiteren Raum in der Höhle, die größer war als vermutet. Und ein langer, gewundener Gang führte zu einem dritten Ausgang. Man hatte sich in diesen Teil der Höhle zurückgezogen, nachdem Jamie eine Menge Risse generiert hatte, die aber allesamt nach kürzester Zeit wieder kollabierten. Zu kurz, um hindurch schlüpfen zu können.Hier waren sie sicherer, da der lange, schmale Zugang zu dem Raum deutlich besser zu verteidigen war und weniger kalte Luft einließ. Mit dem letzten Rest magischer Kraft hatte der Jungmagus eine Feuerschale materialisiert. Auch wenn das Feuer den recht ungünstig belüfteten Teil der Höhle mit Rauch füllte, so wärmte es und spendete Licht.

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Der Wolf hielt im ersten Raum Wache, während Jamie versucht hatte auf den Fellen zu schlafen, aber Isar ruderte permanent unruhig im Traum mit den Pfoten herum, und so fand er keine Ruhe. Er setzte sich eine Weile auf und starrte ins Feuer. Seine Versuche sich mit Red zu verbinden schlugen allesamt fehl. Das war in der ganzen Zeit in der er seinen Lehrer kannte noch nie vorgekommen.

Schließlich hatte er sich erneut hingelegt, aber zuviele Gedanken kreisten in seinem Kopf. Und noch nie war er so lange im tiefen Umbra gewesen. Ein Gefühl der Unwirklichkeit lag über allem, fast als könne er jeden Moment aus einem bösen Traum erwachen. Es war der kleine, warme Welpenleib in seinem Arm, der Jamie die Kraft gab durchzuhalten.

Sicher, er hatte einen Pakt mit dem Changeling. Dennoch wäre es fahrlässig ihm uneingeschränktes Vertrauen zu schenken. Sig brauchte Jamie um das tiefe Umbra zu verlassen, aber je mehr Versuche zum Generieren des Risses fehlschlugen, um so rissiger wurde der Pakt. Jedenfalls in Jamies Wahrnehmung.

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„Ich will nach hause, Isar!“ raunte er dem schlafenden Welpen zu. „Morgen schaffe ich es! Versprochen. Und wenn ich dabei den Stab verschleisse, aber morgen werden wir einen Durchgang in ‚unseren‘ Caern generieren! Und dann gibt es Kakao! Mit Rum. Mit jeder Menge Rum!“

Kurz hatte Jamie den Eindruck als würde sich Sig im Nebenraum der Höhle mit jemandem unterhalten, aber als er hinüber rief was los sei, bekam er die nichtssagende Antwort „Erzähl ich Dir morgen!“. Vermutlich hatte er mit seinem Totem geredet, dieser kleinen schwarzweissen Katze.

Jamie hatte keine Ahnung, was sich draussen im Schneegestöber abspielte, als er nun doch in einen leichten Schlummer sank, Isar fest und schützend an die Brust gepresst…………

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Minnie hatte es nicht länger hinauszögern können. Sicher, ein paar Stunden wusste der Wolf nun bescheid. Hoffentlich reichte das. Die Schneeflocken stachen wie kleine Nadeln in ihre nackte Haut, aber sie fror nur sehr wenig. Ausnahmsweise schien das Hybridentum etwas zu taugen, jeder normale Mensch hätte sich zu Tode gebibbert!

Hyppolite beäugte die Höhle misstrauisch. „Da isser drin?“ Sie nickte nachdrücklich „Ja, da drin. Keine Ahnung wie groß die Höhle ist aber ich schwöre, da isser drin.“ Des Technokraten Augen fielen auf den Feuerplatz, an dem bereits Brennholz aufgebaut war. Er prüfte die Windrichtung mit einem nassgeleckten Zeigefinger, brummte dann „Im tiefen Umbra weiss man nie…….. aber wenn der Wind so bleibt, weht der Rauch von der Höhle weg. Zünde es an, Minnie, denn ich werde Dich hier anketten und es wäre nicht gut wenn Du ein Eiszapfen bist wenn ich nach erfolgreicher Jagd wieder heraus komme.“

Sie hatte sich hingehockt und das Feuer entfacht, was eine Weile dauerte da das Holz vom Schneegestöber sehr feucht war. Aber jede Verzögerung war ihr mehr als recht. Schliesslich befestigte Redbarnes die Kette an einem Baumstamm und versiegelte den Knoten magisch, sodass Minnie ihn nicht würde lösen können.

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Als es endlich brannte, kauerte sich Minnie auf das Fell am Baumstamm und versuchte, erregt-fröhlich zu wirken. Offenbar gelang es, jedenfalls nickte Redbarnes ihr zu und griff in seine Jacke um einen sehr kleinen aber sehr potenten Stab hervor zu ziehen.

„Und du wirst keinerlei Laut von Dir geben bis ich zurück bin. Klar?“

„Klar.“

Ihre Augen folgten ihm als er sich langsam auf den Eingang zu bewegte, die Umgebung immer wieder mit den flinken, stahlblauen Augen sondierend, und schlieslich langsam und unhörbar hinein schlich.

Zum ersten Mal in ihrem Leben begann Minnie zu beten. Zu Luzifer. Auf dass sich alles zum Guten wenden möge!

 

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