Kap41: Minnie’s Gedanken

((Achtung, dieses Mal wieder mit Bildern die nicht jugendfrei sind, Ihr seid gewarnt.))

Das Bett fühlte sich an wie ein Kleid das nicht passte. Ungemütlich. Jegliche Entspannung, jegliches Hinweggleiten in einen erholsamen Schlaf verhindernd. Immerhin, der Käfig war weg. Dafür hatte Minnie nun ein Bett, eine kleine Kommode (in der sich nichts befand als eine Tube Panthenolsalbe, einige Kekse und Mineralwasser, da er ihr sämtliche Kleidung weggenommen hatte), und einen Ofen für die kalten Herbstnächte.  Sowie zwei Pflanzen, die wegen Lichtmangel in dem fensterlosen Dachboden einzugehen drohten. Unruhig wälzte sie sich, wie in fast jeder Nacht, auf den Kissen herum. An Schlaf war nicht zu denken. Wieder einmal!

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Je unausgeruhter Minnie in ihre Tage startete, desto weniger gelang es ihr in der menschlichen Form zu bleiben. Hatte sie doch von jeher schon Schwierigkeiten gehabt, ihre Dämonenohren, (die die meisten Menschen glücklicherweise für Elfenohren hielten, und davon ausgingen das Minnie schlicht in einer gewissen Art von Extravaganz künstliche Ohren als modisches Accessoire trug), zu verbergen, so gelang es ihr nun auch nicht mehr mit den Tätowierungen. Lediglich ihre Flügel konnte sie die meiste Zeit verbergen. Aber auch das wurde zunehmend schwierig, sie war ausgebrannt. Sie verfügte über keinerlei Energie mehr.

Seit Redbarnes sie mit nach hause genommen hatte, war viel geschehen. Inzwischen sah sie klar. Nur half das nicht, ihre Situation zu verbessern! Im Gegenteil. Je klarer sie sah, desto klarer erkannte sie in welche Klemme sie sich manövriert hatte.
Dabei hatte sie damals doch einfach nur nach einem Strohhalm greifen wollen. Aber Hyppolite Barnes war alles andere als ein rettender Anker.

Genervt über ihre Erinnerungen seufzte Minnie auf, drehte sich zur Kommode und schaltete das Licht ein. Sicher, inzwischen war der Dachboden ein wenig ausgebaut worden. Während die Handwerker ein antiquiertes Waschbecken und eine Toilette installiert, den Käfig zerlegt und das Bett aufgestellt, sowie einen Vorhang installiert hatten, war sie von Hyp auf dem zugemauerten Balkon eingesperrt worden. „Und wage Dich nicht, einen Ton von Dir zu geben – nicht wenn Du morgen noch die Sonne aufgehen sehen willst!“
Also war sie still geblieben. Was hätten die Handwerker auch ausrichten können? Redbarnes hätte eher auch die beiden Männer ins Jenseits befördert als sich seine Pläne vereiteln zu lassen!

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Blicklos starrte Minnie die Wand an, während sie ihren Gedanken nachhing. Alles war besser, als auf diesen Alkoven zu schauen in dem sich die Behandlungsliege befand. Dieses hochtechnisierte, piepsende, kaltes Licht aussendende Ding – es machte ihr Angst. Es fehlte noch eine leistungsfähige OP Lampe. Hier oben im Dachboden gab es kein Fenster. Selbst wenn, Tageslicht reichte nicht aus für die Dinge die er mit ihr vor hatte. Aber alles was er sonst benötigte war vorrätig. Irgendwie musste Minnie es schaffen zu entkommen. Und zwar bevor der Technokrat seine OP Lampe kaufen würde.

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Die letzten Wochen waren der reinste Alptraum gewesen! Nachdem Hyp ihr die beiden Chips in den Unterarm injiziert hatte, klärte er sie über deren Zweck auf. Minnie rollte sich auf den Rücken und stöhnte gequält bei der Erinnerung – es war der Zeitpunkt gewesen, an dem sie begann klar zu sehen.
„Die sind noch nicht für das Funktionieren Deiner neuen, kybernetischen Gliedmaßen, Minnie. Sie dienen lediglich dazu, dass ich Dich jederzeit orten kann. Und zwar völlig egal wo Du bist. Per GPS. Das ist wichtig, denn solltest Du in der Zukunft einmal eine Funktionsstörung haben, muss man Dich ja finden können! Der zweite Chip ist eine Art Notfallschalter, er wird später dafür sorgen, dass man Dir die für den Betrieb Deiner kybernetischen Körperteile nötige Energie entziehen kann.“

Eine Funktionsstörung………. !
Ihr war klar geworden, dass er nicht etwa ihr absonderliches (und zuweilen nicht kontrollierbares) Hybridentum zwischen Mensch und Dämonin beenden würde. Denn das war es, was Minnie sich erhofft hatte, nachdem sie ihn in diesem Club kennenlernte. Damals, im Frühsommer.
Nein! Hyppolite Redbarnes wollte einen Cyborg aus ihr machen!! Wie hatte sie nur so blind sein können?
Dabei hatte er ihr nie etwas vorgelogen, niemals expressis verbis behautpet er wolle sie zu einer ordentlichen Dämonin machen! (Die wie jeder andere Dämon auch, ihre Kräfte gescheit kontrollieren und einsetzen konnte, und die den Wechsel in die menschliche Form perfekt beherrschen würde.)

Minnie hatte ihn in ihrer Betroffenheit lediglich permanent fehlinterpretiert. Sie hatte geglaubt, der hübsche Mann mit den intensiven, stahlblauen Augen hätte einen Narren an ihr gefressen und helfe ihr aus Zuneigung heraus. Einfach weil er es konnte.
Ein bitteres Lachen hallte durch den Dachboden. Wie verblendet sie gewesen war!  Wie sie es hasste, so selten Tageslicht zu sehen!

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Sobald Redbarnes das Haus verließ, oder sich schlafen legte, wurde sie hier oben eingesperrt. Ihre Kleidung hatte er konfisziert. Sogar das Nachthemd, welches sie jetzt trug, hatte sie sich mühsamst erkämpfen müssen. (Und an Tagen, an denen sie ihre Flügel nicht verbergen konnte, half ihr das innen wollig warm aufgerauhte Satinhemd nichts, denn er erlaubte ihr nicht, es am Rücken umzunähen.)

Lediglich während er arbeitete, las oder sich am Computer entspannte, durfte sie unten in der Wohnung sein. Dort war sogar das Tragen eines mit Rüschen besetzten Minikleids erlaubt. Mehr aber auch nicht. Nicht einmal Unterwäsche.

Redbarnes erwartete täglich um 17:30 Uhr ein warmes Essen vorgesetzt zu bekommen. Also kochte sie für ihn. Nicht, dass sie das besonders gut beherrscht hätte. Aber für den Hausgebrauch reichte es offenbar, er beklagte sich jedenfalls selten.

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Die Tatsache, dass er Eintöpfe sehr mochte, half ihr diesen „Job“ zu bewältigen, denn die waren in der Regel recht einfach herzustellen. Sie durfte sogar im Internet nach Rezepten suchen, allerdings hockte er dabei meist lesend in einem Sessel und sah ihr über die Schulter. Sonderbarerweise achtete er sehr darauf, das der Tisch ansprechend gedeckt und dekoriert war. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten schien er dann oft ein völlig anderer zu werden.
Oh er konnte galant sein, amüsant, voller Witz und Esprit. Aber diese Eigenschaften setzte Redbarnes ein wie ganz gezielte Mittel zur Manipulation. Er wusste offenbar genau, dass er sie irgendwie bei Laune halten musste, wenn er keine kleine Rebellin züchten wollte. Und so lange sie ihn ihn verliebt gewesen war, hatte das auch bestens funktioniert.

Wenn ein Gericht ihm besonders gut gemundet hatte (was zugegebenermaßen seltenst der Fall war), belohnte er sie damit, dass sie eine Nacht mit ihm in seinem Schlafzimmer verbringen durfte. Sie liebt das. Auch wenn die asiatischen Gemälde von Herren und Sklaven über dem Kopfende, ihr oft ein Stirnrunzeln entlockten. Bondage. Offenbar gefiel ihm das. In diesen Nächten hielt er sie einfach nur im Arm. Dann schien er ausgeglichener als sonst.

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Sex war für Hyp offenbar kein Mittel um Zuneigung oder auch nur Harmonie zu zeigen oder zu erzeugen. Sie hatte festgestellt, dass ihn offenbar nur eines erregte: Seine Arbeit. Seine „Mission“. Denn zuweilen untersuchte er sie oben auf dem Techno-Tisch. Meist in ihrer geflügelten Form.
Wenn er damit begann, war er ganz Wissenschaftler.
Minnie war sich über die mysteriöse Funktionsweise des Tisches nicht im Klaren. Sie war immer der Meinung gewesen, das man für ein EEG dem Patienten eine Art Netzhelm aufsetzen musste, in dem sich Elektroden befanden. Das man dem Patienten kühles Kontaktgel auf die Kopfhaut aufbringen musste…….nicht so hier!
Er legte sie einfach auf den Tisch, befahl ihr ruhig zu liegen und drückte ein paar Knöpfe. Sofort erschien ein Bild auf dem Monitor, das sehr an eine Kernspintomographie ihres Hirns erinnerte. Oder aber es zeigten sich pulsierende Linien, wie ein EEG Gerät sie auf Papier drucken würde.

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Es begann immer mit einer absolut professionellen Untersuchung. Aber sobald sich diese dem Ende zuneigte, wurde sein Atem schneller. Dann schien er sich der Tatsache bewusst zu werden, dass Minnie nackt war, und ihm ausgeliefert. Inzwischen konnte sie fühlen wenn es so weit war. Häufig, nicht immer, schnallte er sie dann auf dem Tisch fest. Entledigte sich seiner Kleidung in Windeseile und mit einem verblüffend unbewegten Gesichtsausdruck.

Meist war es schummrig in dem Alkoven, da es ja noch an einer ordentlichen Beleuchtung mangelte. Wenn er sich über sie hermachte, war es anders als am Anfang.
In den ersten Tagen und der ersten Verliebtheit hatte sie selbst seine kalten, schnellen, seelenlosen „Begattungen“ genossen, für die er sich in der Regel nicht die Mühe machte sich auszukleiden.
Jetzt aber fühlte sie sich einfach nur benutzt. Sie wollte es nicht mehr, und es erregte sie auch in keinster Weise. Ausserdem erfuhr Minnie jedes Mal Schmerzen, denn da sie bar jeder Erregung war, blieb sie trocken wie ein Blatt Sandpapier. Doch das hielt ihn nicht ab. Er händigte ihr lediglich hinterher eine Tube Panthenolsalbe aus, damit die Fissuren schnell wieder abheilen konnten.

Sie schien ihm völlig egal zu sein. Redbarnes reduzierte sie in diesen Momenten offenbar auf ihr Geschlecht. Sie war schlicht ein Loch für seinen Schwanz. Was ihn aufgeilte wusste sie nicht genau, aber sie vermutete das es das Gefühl der Macht war. Meist drückte er sie auf den Bauch und nahm sie von hinten. Es dauerte nie lange. Drei, vier Minuten vielleicht. Selten mal zehn. Zärtlichkeit kam nicht vor. Sie hätte ebensogut eine Gummipuppe sein können. Ein Spielzeug, dessen er sich bediente wenn ihm danach war.

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Minnie schloss dann die Augen und versuchte, sich geistig weg zu beamen. Beim letzten Mal hatte sie diesen Klartraum gehabt……………

Oft zog er sie auch an das Fußende des Behandlungstisches, dann überstand sie es indem sie sich auf seine unglaublich gut gemachten, und mehr als die Hälfte seiner Haut bedeckenden Tätowierungen konzentrierte. Ihr Geist erfand Geschichten von Seeschlangen, Wassermännern und Korallenriffen während er sie gnadenlos hart und schnell fickte, wobei er ganz und gar auf sich selbst, seine Lust und sein Vergnügen fixiert schien.
Die ganze Zeit über musterte er sie dabei mit diesem wissenschaftlich interessierten Blick, selbst wenn er kam, schloss er nur für Sekundenbruchteile die Augen und knurrte unterdrückt. Es half ihr nicht mehr, dass Redbarnes ein überdurchschnittlich attraktiver Mann war. Denn Minnie suchte vergeblich nach seiner Seele. Also halfen die Tattoos. Sie hatten mehr Seele als der Mann, der sie trug! Sie waren das Hilfsmittel zur geistigen Flucht.

Flucht! Minnie wusste sie würde, falls es gelang, so schnell wie möglich diese Mikrochips in ihren Unterarmen loswerden müssen!

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Wenn es überstanden war, schnappte er sich seine Klamotten und ging wortlos nach unten um zu duschen, nur selten fuhr er ihr vorher leicht mit der Hand über den Scheitel, das Maximum an Zärtlichkeit……….Sie konnte das Wasser seiner komfortablen Dusche rauschen hören, derweil sie sich in dem Halbdunkel des Dachbodens am Becken säuberte. Nicht einmal ein Spiegel………und nur kaltes Wasser.

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In diesen Momenten hasste sie ihren Körper, hasste seine Attraktivität, die schweren, großen Brüste mit den hübschen Brustwarzen, und besonders ihre Vagina!
Danach hockte sie sich oft erschöpft und mit hängendem Kopf auf das Bündel Feuerholz am Ofen, und versuchte ihr erforenes Herz mit Hilfe der Ofenwärme irgendwie wieder aufzutauen, während ihr Schoß noch von der trockenen Reibung seiner gnadenlosen, knochenharten Männlickeit brannte.

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Meine Güte wie naiv sie doch anfangs gewesen war!

Die gemeinsamen, fast romantisch zelebrierten Mahlzeiten hatten Minnie über lange Phasen hinweg hoffen und die Füße stillhalten lassen. Vielleicht war er ja nur ein verbitterter Mann, der auftauen würde sobald sie sich näher kamen……….

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Wieder stieß die Schlaflose ein zynisches, hartes Lachen aus. Ja klar, und von was hattest Du wohl nachts geträumt hm? Klaaaar, er war ja nur ein armes, gebranntes Kind das die wahre Liebe bei dir finden und sich dann um hundertachzig Grad drehen würde! Brainfuck!
Jetzt kam es darauf an, ihn nicht merken zu lassen, dass die Hoffnung in ihr gestorben war. Verreckt wie ein Gnu das in der Trockenzeit den Weg zum Wasserloch nicht mehr findet……
Sie hatte ihn durchschaut, erkannte klar wie und womit er sie hatte manipulieren können. Schauspielerisches Talent war gefragt! Auf keinen Fall durfte Hyp bemerken, dass ihre ‚Verliebtheit‘ nur noch eine Maske war.

Besonders jetzt, nach diesem Klartraum! Jetzt, da sich der Plan in ihrem Kopf zu entwickeln begann! Jetzt, da ihr verhasster Urahn im Leib eines hübschen, blonden Satyrs Zugang zu dieser Welt gefunden hatte, in der sie sich vor ihren dämonischen Verwandten sicher gefühlt hatte! Und da nun dieser Wolf  aus dem tiefen Umbra heraus Kontakt mit ihr aufgenommen hatte. Sie sah das Bild des Traums vor sich……, hörte seine Stimme: „ „Ich werde dich Mini-Me nennen.“ Was für ein hübscher Kosename. Klar, im Vergleich zu ihm war sie klein. Auch wenn sie keine Ahnung hatte, welche Botschaft er ihr mit  „In the afternoon they came unto a land in which it seemed always afternoon.“ hatte vermitteln wollen. Möglicherweise ging es darum, dass der Nachmittag die beste Tageszeit für ihre Flucht war…..

Minnie liebte diesen Wolf schon jetzt! Er war nicht nur ihr vermutlicher Befreier, nein, er hatte wohl auch die Fähigkeiten sie (und natürlich auch die Welt, die ihre Wahlheimat war) von ihrem verhassten Urahn zu befreien. Ihr Plan reifte. Sie wusste, dass Redbarnes jede Chance ergreifen würde, einen Wolf zu erlegen. Und sie kannte den Ort, an dem er sich aufhielt.

Der nächste Strohhalm war gefunden.

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