Kap40: Heureka!

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Das Wetter sorgte für Irritationen. Es schien mit jedem Kilometer den Jamie hinter sich brachte umzuschlagen. Schließlich war die Sonne untergegangen, und auch wenn das „Bier“ der Kräuterhexe aus dem Pub ihm gute Dienste geleistet hatte – in totaler Finsternis waren nunmal keinerlei Spuren auszumachen. Sie waren sowieso kaum zu sehen……Jamie hatte die Spur sehr oft verloren und mühsam im Kreis herum gesucht um sie wieder zu finden. Bei einer alten, verwitterten Ruine hatte er schliesslich versucht, ein wenig Schlaf zu finden.
Sie bot zwar kaum Deckung, aber da ein sehr freundlich anmutender Wieselgeist hier wohnte, machte Jamie einen Deal: Er befreite das Wiesel von einem lästigen Fluch, welcher dafür gesorgt hatte, dass die oberen Fangzähne des Geistes tausendmal schneller nachwuchsen als er sie abnutzen konnte. Sie ragten weit aus dem kleinen Maul und bogen sich derart nach unten, dass sie dort fast wieder in den Unterkiefer hinein bohrten. Es hätte nicht mehr lange gedauert bis sie eine Wunde verursacht hätten. Der Wieselgeist versprach im Gegenzug, Jamie aufzuwecken sobald sich irgendwer oder irgendwas nähern würde.

Als der Magus am anderen Tag erwachte, war der Geist treu und dankbar auf seinem Posten und gerade dabei, den Rest einer Ratte zu verzehren. Die Sonne lugte ab und an durch ziemlich düstere Wolken, und es war deutlich kälter als am Vortag.

Auch die Landschaft hatte sich leicht verändert. Kein roter Sand knirschte mehr unter seinen Stiefeln, dafür raschelte ein hartes, fast vertrocknetes Gras, dessen Halme spärlich und stellenweise verdorrt waren, unter ihnen.
In diesem Gelände nun, war es unmöglich, noch Spuren vom Wolf zu finden, Isar’s kleine Pfoten hatten hier sowieso nichts hinterlassen. Zu klein, zu leicht um auf dem staubtrockenen Untergrund Spuren zu machen.
Nachdem er sich vom Wiesel verabschiedet hatte, lief Jamie ein paar hundert Meter um frustriert wieder inne zu halten. Wie sollte er auch nur die Andeutung eines Hinweises auf den Verbleib der Gesuchten finden?

Isar’s Seele befand sich in seinem Seelentier, dem Welpen.
Wäre es da nicht naheliegend, das Seelenband zu checken? Jamie brachte seine Gedanken zum Schweigen und fühlte in sich hinein…….und ja! Es war nicht wie gewöhnlich, es schien dünner, weniger deutlich, auch irgendwie hibbeliger. Aber es war spürbar. Probeweise ein paar Schritte machen……….nein, da liess es nach. Ein paar Meter in die andere Richtung………. ja! Nun wurde es wieder deutlicher.

Also folgte er seinem Gespür für das Band und achtete nicht mehr auf den Boden. Irgendwann war die Sonne zur Gänze verschwunden, und der Wind gewann an schneidender Schärfe. Als Jamie den Mantel dichter um sich zog, schien dieser eine sonderbare Art von Luftpolster um seinen Leib zu legen, es fühlte sich beinahe an als föhne irgendetwas die nackte Haut an Brust und Bauch warm. Oh Red, Du hast aber auch an alles gedacht. Was für eine geniale Rüstung!

Es war gegen Abend, als die ersten Schneeflocken fielen. Der Magus fluchte. Er würde sich heute früher nach einem Unterschlupf umsehen müssen, schließlich konnte er nicht darauf bauen wieder einen hilfreichen Geist zu finden. Und wie lange die Rüstung ihn in einem Schneegestöber schützen würde war unklar. Die dichten Wolken ließen nur noch ein sonderlich kupferfarbenes Licht durch, das einen surrealen Kontrast zu den weissen, langsam herabrieselnden Flocken bildete.

Doch – was war das da hinten……….war das nicht eine Bewegung hinter den Bäumen? Vorsichtig schlich Jamie näher, die Hand fest am magischen Stab.

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Der Weg schien dort an einer Felswand zu enden. Durch zusammengekniffene Augen machte Jamie erneut eine Bewegung aus, zeitgleich schien das Seelenband sich heftig in sein Herz zu bohren und sich dabei zu straffen.

Da saß jemand. Und neben ihm…………..ein schwarzweisses, wuselndes Etwas! Mit Mühe unterdrückte Jamie einen Freudenschrei. Den Wolf auf diese Weise zu erschrecken, könnte fürchterlich nach hinten losgehen……….! Während sein Herz rasend zu pochen begann, und der unterdrückte Schrei schmerzhaft seine Kehle wieder hinab anstatt hinaus wanderte, schaffte Jamie es sich nach außen hin den Anschein von Gelassenheit zu geben. Als sei es das Natürlichste, schlenderte er fast wie ein Spaziergänger auf einer Uferpromenade gemütlich auf die beiden zu.

Der Wolf hockte in seiner menschlichen Gestalt mitten im Schnee und hatte den Kopf gebeugt, offenbar war Jamie noch nicht bemerkt worden. Etwas Dunkeles lag vor ihm und von Jamie’s Standort führten purpurrote Spuren dort hin……….dann erkannte der Magus was vor sich ging. Sigursons Stimme brummte ein „Nu komm schon, Magus. Du musst auch essen“, derweil seine Hand kleine Bröckchen aus einem Kadaver riss und sie dem Welpen hinwarf. Ob es der Kadaver war, der im blütenweissen Schnee so dampfte, oder der Leib des hitzigen Wolfs, das blieb Jamie im dichten Schneegestöber verborgen.
Jamie biss sich auf die Lippen, offenbar war der Garou immer noch der Ansicht, Jamie stecke in dem kleinen Hund. Um so verwunderlicher, dass er ihn so umsorgte!

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„Wolf, bist Du das?“

Sigurson hob den Blick, stutzte als er Jamie erkannte, und starrte dann auf den Welpen, der sich plötzlich wie wild gebärdete und ein lautes Gebell anstimmte. Nun gab es kein Halten mehr. Vorsicht hin, Garou her……….Jamie machte einige lange Schritte auf die Beiden zu  und konnte sich gerade eben noch zürückhalten in den Schnee zu sinken und sich über Isar zu werfen…………
Stattdessen blieb er im Abstand von drei, vier Schritten stehen und sagte ruhig, als sei es nichts Besonderes die Zwei hier anzutreffen: „Ich habe mich Dir nie vorgestellt, mein Mitkämpfer. Ich bin Jamie.“
Der Garou ließ den Kleinen hinunter, der sofort losraste und wild bellend Jamie zu umkreisen begann, dann erhob er sich langsam. Meine Güte, er war imposant, wirklich groß! „Also warst Du doch nicht Mini Me.“

„Nein. Mini Me ist der, den ich in der Höhle retten wollte.“ Er bückte sich und ohne den Wolf aus den Augen zu lassen fummelte er so lange mit der Hand am Boden herum bis er Isar fühlen konnte, kraulte ihn beruhigend und auch gerührt zwischen den Öhrchen. „Oder……mini you…..wie auch immer. Hast du einen Namen?“
Der Mann der ein Wolf ist, beobachtete Jamie eine Weile, während der Welpe sich an Jamies Hand drückte und überschwänglich in dessen Finger zwickte. Schließlich gab der Garou sich sichtlich einen Ruck.
„Mohammed Sigurson. Und da Du hier bist, gehe ich mal davon aus, dass es nicht noch mehr Plagengeister gab.“

Jamie beäugte die Überreste des Wildschweingeist Kadavers, packte den Welpen am Nackenfell, nahm ihn auf den Arm, presste ihn sowas von fest an sich und atmete auf.
„Danke das du meinen Gefährten ernährt und beschützt hast. Ich nehme an, mir den Kopf abreißen hat noch ein Weilchen Zeit? Du weisst schon, dass ich Dir aus dem Umbra raushelfen kann, eh?“
Er küsste Isar zwischen die Ohren auf die Stelle am Schädel, wo Hunde so gut riechen. „Wir hatten sie alle erwischt. FAST!“ dem Satz folgte ein Knurren.

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Sigurson beobachtete recht indifferent, wie der Welpe jeden Teil von Jamie ableckte, den er erreichen konnte und sich dabei vor Glückseligkeit auf eine Weise wandt,  wie es nur Welpen können. Der Wolf blieb eine Weile still, schien zu überlegen.

Der Magus beobachtete derweil  den Mann, die Augenklappe von Red macht dessen Aura noch besser sichtbar als Jamie sie ohne Hilfsmittel hätte sehen können. Sie reichte fast bis zu ihm hin. Das Gefühl Isar an seiner Brust zu bergen ließ ihm die Augen feucht werden, und er hoffte inständig, dass Sigurson das nicht bemerken würde, er blinzelte und brummelte was von „Schneegestöber“.
Sein Gegenüber riss mit bloßen Händen noch etwas Fleisch aus dem dampfenden Kadaver vor sich, biß etwas davon ab. Deutete dann mit dem blutigen Klumpen auf Jamie „Also gut. Du bringst mich hier raus und ich erlege dir den letzten Geist. Den Deal kann ich machen“

Jamie ließ fast den Welpen fallen „Das dürfte ein harter Ritt weden, Sig“………der fremdländische Name ging im schwer über die Zunge, also kürzt er. „Vor allem……….ich habe keine Ahnung ob das eine gute Idee ist. Ich sollte dir dazu was erläutern……“

Nach einigem Hin und Her zogen sich die Männer in die Höhle zurück, deren Öffnung Jamie hinter dem Garou ausgemacht hatte. Dieser schleppte den Kadaver mit hinein, und erkärte sie hätten innerhalb von drei Tagen lediglich einen Kaninchengeist erbeuten können. Sicher. Für einen Mann dieser Größe war das mehr als mager.

Während Jamie ihm berichtete, was nach seinem Fall ins Tiefe Umbra geschehen war, wechselte Sigurson in eine Wolfsgestalt, die Jamie so noch nicht kannte. Kein überdimensionales Kampfmonster! Einfach nur ein sehr schöner, großer, geschmeidiger Wolf. Der nicht sprechen konnte, den Magus aber aufmerksam ansah während er sich wieder über seine Beute hermachte, und die Ohren aufstellte um kein Wort zu verpassen. Hin und wieder schleuderte er „Mini Me“ ein paar zarte Innereien entgegen, doch der schien darüber nicht allzu begeistert. Sich über ihn beugend raunte Jamie leise:

„Gebarft zu werden scheint nicht Deine Lieblingsdiät zu sein…….keine Sorge, wir kriegen das alles irgendwie hin, und Du kannst sicherlich bald wieder Frappucino schlürfen.“

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Schliesslich beendete er seinen Bericht mit den Worten „…..und ich muss gestehen, ich habe keinen Dunst wie man diesen wildgewordenen Dämon aus den Satyrkörper werfen kann. Aber mal was anderes…….gehe ich recht in der Annahme, dass Dir zum Verlassen des Umbra ein Spiegel gute Dienste leisten würde?“
Der Wolf schluckte  und versuchte sich in Körpersprache, die irgendwo zwischen einem Kopfschütteln und einem Schulterzucken daherkam, was völlig unverständlich aussah.
Schließlich gab er auf und verwandelte sich zurück, der Geist war eh zur Hälfte gefressen. „Aus dem Umbra komme ich allein. Aber ich muss zuerst dorthin finden. Das tiefe Umbra hat so viele Pfade und bisher habe ich noch keinen ins nahe Umbra gefunden.“

Ein langer Seufzer entrang sich des Magus‘ Kehle. „Okay, auch ich habe keinen gefunden und bin mit dem Wechseln der Dimensionen leider nicht sehr vertraut.“ Es fiel ihm nicht ganz leicht, so freimütig seine Schwächen zu offenbaren, aber wenn sie nach hause wollten, so mussten sie kooperieren.

Er versuchte Lung Ninurta zu rufen; war sein Geistführer doch immer ein guter Pfadfinder! Aber warum auch immer, es gelang ihm nicht, den Kontakt herzustellen.
Plötzlich erscholl eine laute Stimme, die von den Höhlenwänden zurückgeworfen wurde, und sowohl der Garou als auch Jamie zuckten zusammen. Letzterer allerdings nicht sonderlich nachhaltig, da er schnell Red’s Stimme erkannte. Er war zwar verblüfft, das sich die Stimme physisch im Raum manifestierte, anstatt in seinem Kopf zu erklingen, aber auch die Verblüffung wurde flugs verdrängt. Denn Sigurson griff bereits nach seinem Riesenschwert, dessen silberne Klinge im düsteren Licht der Höhle viel zu hell schimmerte.
„Schhhhh, nur mein Lehrer, keine Gefahr!“
Jamie………..Du hast Dich nicht mit dem Stab befasst, eh?
„Red, erschreck uns doch nicht zu Tode! Nein hab ich nicht. ich hatte zuviel damit zu tun das Versprechen einzulösen und Satyre zu vögeln…….warum?“
Weil der Stab, wenn Du ihn richtig anwendest, genau das Gegenteil des Spaltes durch den der Garou samt Hund hier herein plumpste öffnen wird. Ihr könntet alle drei sofort zur Erde kommen. Aber du musst selbst herausfinden wie das geht……….ich hatte gehofft, du übst damit bevor du losmarschierst! Ein leises Seufzen hallte von den Wänden.
„Fuck, woher weisst Du denn wie Isar herkam?“
Du hast mir berichtet wie der Wolf verschwand, ich habe eins und eins zusammen gezählt. Dann herrschte Stille…

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Sigurson drehte sich langsam um sich selbst. Seine Miene und die gefletschten Zähne machten deutlich, dass er kurz davor war, in Kampfform zu gehen.
„Hey ……..chill mal! War nur mein Lehrmeister …….wieso so laut weiss ich auch nicht, aber keine Gefahr für Dich!“ Sicherheitshalber machte er einige Schritte vom Wolf weg.
„Ich sag‘ dir was wir tun:Wir machen was du vorschlugst und übernachten hier! Morgen werde ich herausfinden, wie der Stab so einen Riss generieren kann. Sobald ich das herausgefunden habe, werden wir sofern mein Lehrer sich nicht verkalkuliert hat, da landen wo wir uns erstmals sahen“

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Gesagt getan. Jamie übernahm auf Anweisung Sigursons die erste Wache, nachdem er für sie beide ein dickes Fell materialisiert hatte, welches die Nacht in der Höhle deutlich komfortabler gestalten würde. Während er an die Felswand gelehnt die beiden Höhleneingänge im Blick behielt, gegen seine Müdigkeit ankämpfte, und immer wieder verliebt den schlafenden Welpen beobachtete, betete Jamie dafür, dass er morgen wirklich herausfinden würde wie dieser Zauber, der sie alle schnell und heil zurückbringen würde, wohl auszulösen war.

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(Und was dem Wolf während seiner Wache so durch den Kopf ging, könnt Ihr HIER lesen.)

 

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