Kap39: Die Suche nach dem Welpen im Heuhaufen

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Tatsächlich!
Als Jamie erwachte, hockte Shan auf dem Sitzkissen, hatte den Tisch näher zu sich gezogen und verzehrte mit dem gleichen Apetitt wie zuvor den Bagel eine riesige Portion Shawarma, in der Version wo das Fleisch in eine Art Fladenbrotwrap gewickelt ist. Kaum hatte der Satyr registriert, dass Jamie die Augen offen hatte, schon erhob er sich, schlenderte hufklappernd zu dem altersschwachen Herd, öffnete das Backrohr, angelte nach einem Topflappen und fischte den warmgestellten Teller hervor.

Jamie war überrascht, hatte er bisher nie etwas von dieser Speise gehört. Die Zubereitung war wohl sehr ähnlich dem was er als Döner bezeichnete, aber es war eben die arabische Version davon, mit einer deutlich größeren Auswahl an Fleischsorten, einer anderen Würze und anderen Gemüsen. Noch nackt hatte er es sich schmecken lassen, aber kaum war das Mahl verzehrt, gab es kein Halten mehr. Er wusch sich flüchtig am Küchenwaschbecken, sprang in seine Kleidung, schlang einen Arm um Shan während er ihn mit dem anderen freundschaftlich und auch dankbar schulterklopfte, und brummelte „Sei so gut und lasse  -wie nanntest du ihn…….Big O.? – wissen, dass ich nun auf dem Weg bin und seinen Sohn finden werde. Und wenn ich dabei draufgehe. Ich schwor ihm damals auf Isar zu achten. Und ich breche meine Eide nicht.“
Wie pathetisch das klang, war Jamie nicht bewusst.

Dann fiel die Tür mit einem leisen Quietschen hinter ihm zu.
Schon stand er draussen auf dem Platz unter der Eiche und überlegte während seine desinteressierten Augen über die Fassade des Peepshow Hauses glitten, wie er nun am besten vorginge. Es war Abend und eine Menge Passanten begegneten Jamie, aber kaum einer würdigte ihn eines Blickes. Hey, das war New York. Die Leute waren größere Kuriositäten gewohnt als einen gutaussehenden Sunnyboy in einem Fantasy Kostüm……..

Jamie beobachtete die Menschen, und dabei wurde ihm die Funktion der seltsamen Augenklappe klar, die Red ihm als Bestandteil der Rüstung hatte zukommen lassen: Er sah die Auren der Vorbeieilenden in einer extremen Klarheit, viel deutlicher als wenn er sich um die entsprechende geistige Sicht bemüht hätte.
Der Magus verzichtete auf das Auto und schritt zügig in die Richtung in der er die sonderbare Kneipe wähnte, die als Übergang zwischen den Welten bekannt war. Red hatte ihn zwar davor gewarnt, aber er hatte beschlossen, dass dies nun schneller gehen würde als bis nachhause zum Caern zu düsen.

Er fand sie. Und er fand auch das Portal das ihn ins Tiefe Umbra brachte. Dank der Hinweise seines Lehrers, landete er auch tatsächlich punktgenau an der ersten Adresse der drei Möglichen.

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Wie irritierend doch diese Übergänge immer waren………..seine Wahrnehmung verschob sich, sobald er Boden unter den Füßen fühlte. Nichts war wie man es von der Erde gewohnt war, und dennoch so ähnlich. Es war verdammt schwer in Worte zu fassen.
Die Sonne schickte sich gerade an, unterzugehen. Lange Schatten und dräuende Wolken am Horizont, als nahe ein Gewitter. Die Vegetation war dem Ort seines Traumes in der Tat überaus ähnlich. Doch so sehr sich Jamie umschaute (und dabei auch eine Viertelstunde lang herumwanderte), nirgends gab es es dichte Bäume oder eine solch markante Klippe!

Er schien sich schlicht in einer Art felsiger Einöde zu befinden, in der sich buttergelbe Blumen an den Fels klammerten und in der es nicht einmal einen Hauch vom Duft wilden Thymians gab.
Er trat mit einem unterdrückten Seufzen den Rückweg an, um das nächste Ziel anzusteuern. Das gelang diesmal nicht auf Anhieb, er landete erst einmal in einer Art Thronsaal einer mittelalterlich wirkenden Burg. Als einige Wachen auf ihn zustürmten, nahm er den Adrenalinkick gerne an und nutzte dessen Energie für einen möglichst flinken Rückzug.

Der Pub hatte sich geleert. Normalerweise fiel es dort im Gewühl nicht auf, wenn sich jemand materialisierte. Es war ein Ort für den Weltenwechsel. Und einige Türen führten zu den unglaublichsten Sphären. Sollte man eine verfehlen und mitten im Schankraum aufschlagen, ging das meist im Trubel unter. Doch im Augenblick gab es nur eine Person, und da Jamie in der Hektik den Wachen zu entkommen, wohl einen Fehler gemacht hatte, landete er mitten im Raum. Die Person hockte an einem Bistrotisch und grinste.

Verlegen hatte Jamie sich geräuspert, da erklang auch schon ihre Stimme: „Kein Grund verlegen zu sein, Magus.“
Die dunkle, weibliche Stimme verwirrte ihn kurz, hatte er den Gast doch für einen sehr androgynen, zierlichen jungen Mann gehalten. Doch als er genauer hinsah, zeichneten sich unter dem Shirt die Andeutungen zweier Brüste ab, und sie war auch leicht geschminkt. Magus? Woher wusste sie……….? Die Verwirrung schien ihm nun recht deutlich im Gesicht zu stehen.

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Jedenfalls lachte sie dunkel und deutete auf den anderen Stuhl „Hey, komm setz‘ Dich! Und vor allem entspann‘ Dich, ist doch niemand hier ausser mir!“
Jamie machte einen zögerlichen Schritt auf sie zu und grummelte „na das reicht doch schon! Woher weisst Du………kennen wir uns?“
„Noch nicht. Aber schön, Dich gerade kennenzulernen. Ich bin Dee, einer der Besitzer dieses Pubs. Daher weiss ich was der Pub ist und daher kann ich sehen. Also nicht wundern.“
„Nett von Dir aber…… ich bin in Eile……..!“
„Das ist mir nicht entgangen, Du wärest sonst wohl definitiv nicht hier herein geplatzt sondern in einem der geheimen Räume gelandet. Komm, so eilig kann man es gar nicht haben, nimm einen Drink. Geht aufs Haus!“

Jamie trank keinen Alkohol. Schon gar nicht wenn er eine Mission hatte. Und er hatte wenig Lust, sich hier nun aufzuhalten. Andererseits – es könnte unter Umständen hilfreich sein, Kontakt zu einer solchen Person zu haben. Möglicherweise könnte sie ihm beim Reisen assistieren, ihm noch nicht bekannte Tricks verraten oder überhaupt einfach nur ein Fels in der Brandung sich überlappender Welten mit Todesgürteln sein. Ausserdem würde sie wohl eine hervorragende Quelle für Klatsch und Tratsch abgeben. Zögerlich ließ er sich neben ihr nieder. „Ich bin Jamie. Danke, sehr freundlich aber ich habe keinen Durst.“

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Dee schob das Frühstückstablett fort, offenbar hatte sie gerade erst die Schicht angetreten und er war ihr ins Frühstück geplatzt. „Na man muß doch keinen Durst haben, um etwas zu trinken, Genuss ist der Schlüssel, nicht Durst!“

Ein wenig Smalltalk, dann fragte Dee gerade heraus „Du bist wirklich unruhig, Jamie. Was ist denn so wichtig, dass Du solche Eile hast?“
„Ich suche eine Nadel in einem Heuhaufen. Lange Geschichte.“ Eine abwinkende Handbewegung als wolle er andeuten das das nicht soooo wichtig sei. Doch die jungenhafte Wirtin mit den breiten Schultern und überraschend schmalen Hüften, liess nicht locker. Ihr irgendwie athletisch wirkender Körper (Jamie musste kurz an die asiatische Türsteherin des Lethe denken), richtete sich auf. Sie reckte und streckte sich wie jemand der gerade erst wach ist und erhob sich dann „Wenn Du eine Nadel im Heuhaufen suchst, brauchst Du eine Lupe. In welcher Welt befindet sich denn der Heuhaufen?“
„Im tiefen Umbra.“
„Na komm……….ich gebe Dir jetzt ein Bier, das ich lange nicht jedem ausschenken würde. Es wird Dir eine Lupe sein.“
Der Gesichtsausdruck mit dem Jamie sie anstarrte, sprach wohl Bände, jedenfalls brach Dee in ein schallendes Gelächter aus. „Okay, ich gebe zu, wer mich nicht kennt und nicht weiss, was ich tue, MUSS jetzt konsterniert sein. Komm erst mal mit zur Bar, Magus! Wenn weitere Gäste auftauchen die NICHT sehen – dann kann ich dir keine Lupe mehr anbieten!“

Sie hatte es geschafft, Jamie’s Neugierde war geweckt! Also folgte er ihr langsam zur Bar hinüber während er, immer noch etwas verblüfft über ihren Körperbau, jede ihrer Bewegungen beobachtete.

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Auf dem Weg zur Bar klärte sie ihn auf: „Okay, Du musst wissen, ich habe ein Händchen für Kräuter. Wenn ich Dir eine Lupe anbiete, so wird es ein Kräuterbier sein, welches Deinen Blick schärft. Als Verbena betreibe ich einen florierenden Handel mit dergleichen……ach by the way, welchem Paradigma gehörst Du an? Ich bin mir sicher, dass Du kein Technokrat bist, aber ich sehe auch sonst keine Anzeichen Dich einzuordnen.“ Mit diesen Worten hatte sie die Theke erreicht und wandte sich mit einem etwas neugierigen Blick dem Magus voll zu. „Du wirst verstehen das ich weder Technokraten noch Angehörige des Celestischen Chorus bedienen würde……“

Gegen einen Hocker gelehnt murmelte Jamie „Eine Verbena……..hm…….verstehe. Was mich angeht – ich habe mich noch nicht entschieden.“
Die Verbena ließ das Glas fallen das sie sich gerade gegriffen hatte, klirrend ging es auf den alten Holzbohlen zu Bruch, während ihr ein „Shit!“ entfuhr. Beide schwiegen während sie die Scherben aufsammelte. Dann schüttelte sie verblüfft den Kopf.

„Ich habe schon viel Sonderbares gesehen, aber noch keinen Magus ohne Paradigma. Du bist erwacht! Also wirst Du doch irgend einen Lehrer haben?“
„Traditionen werden überbewertet, Dee. Sicher habe ich einen Lehrer. Aber mein Erwachen war nie geplant. Er ist Schamane, er orientiert sich am hawaiianischen Schamanismus. Aber ich lasse mich ungern einsperren, in Formen pressen, festlegen! Natürlich ist mir das Schamanische am nächsten. Aber ich bin zu direkt um zu glauben, dass ich für alles Geister brauche! Ich bin zu selbständig dafür. Wenn ich Dich jetzt mit einem Feuerzauber treffen will, ist es viel zu umständlich dafür erst Feuergeister anzurufen, da verliert man kostbare Zeit! Nein, ich möchte meine Magie sehr gern mit Hilfe der Geister ausüben und sie sind nützlich und praktisch. Zumindest die freundlichen unter ihnen – aber das muss ich einer Magierin nicht erklären. Aber ich hasse es von dem Gutdünken irgendwelcher Geister abhängig zu sein. Und so weigere ich mich bisher erfolgreich, einer Disziplin anzugehören. Ganz nebenbei bemerkt ärgern mich auch die Kämpfe der Traditionen untereinander. Keine, nicht eine dieser Traditionen hat begriffen, dass die Welt nur dann ein besserer Ort werden wird, wenn alle an einem Strang ziehen!“

„Oh heilige Scheisse, ein Idealist und Gutmensch!“ ihre Mundwinkel verzogen sich leicht nach unten, aber dennoch schob sie ihm ein Bier über den Tresen. „Hier, es wird Dir helfen deutlicher zu sehen auf was du fokussiert bist, Jamie.“

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Er schnaubte leicht, griff aber danach.
„Danke Dir!“ Vorsichtig nippte er daran. Ein ungewöhnlicher Geschmack. Einige bekannte Kräuter konnte er identifizieren, (Veilchen und Ingwer waren eindeutig enthalten, Arant ebenso), andere Nuancen waren ihm gänzlich unbekannt. Alkohol schien dieses Bier nicht zu enthalten, und wenn dann in einer äusserst geringen Menge. Über allem lag jedoch der dominante Geschmack von Zucker und Malz.

Dee beobachtete ihn nachdenklich. Sie zündete sich schliesslich eine jointartige Zigarette an, die nach Jamie’s Vermutung wohl irgendetwas Bewusstseinserweiterndes enthielt.

„Warum hilfst Du mir, Dee? Du kennst mich nicht.“
Ein leises Lachen, rund und rollend, und samtig weich. „Naja, erstens begegnet man nicht alle Tage einem paradigmenfreien Einzelgänger. Auch wenn Schamanen natürlich sowieso die sicherlich mit am wenigsten organisierten Magier der Welt sind………..aber das wusste ich ja noch nicht als ich Dir mein Angebot machte. Schau, Mund zu Mund Propaganda ist lebenswichtig. Der Pub läuft gut, aber er kostet auch eine Menge Pacht und Personalkosten, ich könnte davon nicht leben. Ich brauche Kunden. Und wenn ich Dir ein Freebie gebe das Dir gerade dienen kann, und dieses Dich überzeugt, bin ich zuversichtlich, dass Du mich weiterempfehlen wirst.“ Mit einem Zwinkern fügte sie hinzu „ausser an Technokraten und die Katholiken natürlich.“

„Keine Sorge……….!“
„Okay. Ausserdem kann ich fühlen, dass Du ein recht gesundes Verhältnis zur Natur hast, Mage. Und das ist heute selten geworden. Last not least………ich spüre, dass Deine Suche nach der Nadel im Heuhaufen eine Herzenssuche ist. Nicht einfach ein Auftrag oder eine Beschäftigungsstrategie. Das gefällt mir einfach. Ich wünsche Dir Glück!“

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Er hatte erst die Hälfte des Trunkes intus. Dennoch schienen die Backsteine an den Wänden irgendwie schärfere Umrisse zu bekommen. Auf ihrem dunklen Shirt, sah er plötzlich einige winzige Glassplitter glitzern, die wohl beim Bruch des Bierglases dort hin geraten waren, und die er zuvor nicht wahrgenommen hatte. Ein leicht skeptisches „Ich glaube ich fühle die Wirkung bereits………“ entglitt seinen Lippen, die Reaktion darauf war bloss ein Nicken „Solltest Du auch.“

Die zweite Hälfte des Gebräus wurde auf Ex hinuntergekippt, dann knallte das Glas auf den Tresen mit einem dumpfen Geräusch. „Ich danke Dir wirklich sehr, Dee. Ich werde Dich über den Erfolg meiner Suche in Kenntnis setzen!“

Handynummern wurden ausgetauscht. Auch die Art wie Dee sich hinter dem Tresen bewegte, wirkte deutlich männlicher als bei den meisten Frauen. Jamie war fasziniert von ihrer Androgynität. Als habe sie seine Gedanken gelesen, grinste sie ihn breit an. „Frag schon.“
„hä?“
„Na, was Dir auf der Zunge liegt!“
Jamie spielte mit der Zunge am Gaumen „Da liegt nix, ausser dem Geschmack von Malz!“

Ein kerniges Lachen und ein „Take care, Magus! Ich will Dich wiedersehen. Mitsamt Deiner Nadel. Es würde mich nämlich nicht wundern, wenn die zwei Beine hätte.“

Verdammt, diese Wirtin hatte wirklich ein Gespür für Unausgesprochenes. „Vier um genau zu sein………“ wiegelte er ab. Dann deutete er eine Verbeugung an. „Du entschuldigst mich? Ich möchte die Wirkung Deiner Lupe ungern verflogen sehen, bis ich meine Suche wieder aufnehme!“

„Sicher. Nimm den grünen Raum, da wird der Übertritt am einfachsten sein.“ Sie winkte ihm grinsend nach.

Der Übergang war diesmal in der Tat leicht. Jamie brauchte exakt fünf Sekunden um sich sicher zu sein: Diesmal hatte er den richtigen Ort erwischt!

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Die Klippe die einen natürlichen Torbogen bildete, befand sich genau unter seinen Stiefeln. Das ruhig im Sonnenuntergang glitzernde Meer gab kaum ein Rauschen von sich, eine sanfte Brise wehte vom Land in Richtung des Horizonts, an dem Meer und Himmel in einem zart violetten Streifen miteinander verschmolzen. Die Brise brachte den angenehmen Duft von wildem Thymian mit sich. Und sie trug den lauten, wilden, sich fast überschlagenden Freudenschrei von Jamie weit hinaus aufs Meer.

In einer ihn völlig ausfüllenden Dankbarkeit, breitete Jamie die Arme gen Himmel und dankte den Geistern für den Treffer, verbeugte sich dann in alle vier Himmelsrichtungen um diesen Dank auch rituell deutlich zu machen. der-fund-17_001

Ich bin fast da, Isar! Halt durch! Und wenn ihr auch nur einen verdammten, kleinen, einzelnen Abdruck hinterlassen habt, so finde ich euch! 

Der Sand unter seinen Stiefeln knirschte unwirklich laut, als Jamie begann, die grob aus dem Felsen geschlagene Treppe hinab zu stapfen.

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2 Kommentare zu „Kap39: Die Suche nach dem Welpen im Heuhaufen

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