Kap34: Gerettet?

Das „Heureka – Gefühl“ wollte sich nicht einstellen.

Nachdem Jamie einen kurzen Moment völlig konsterniert auf die Stelle gestarrt hatte, an der sein Mitstreiter verschwunden war, hatte er erst einmal die Umgebung gesichert. Lebte wirklich nichts mehr? Waren sie alle erfolgreich dem Tod übergeben worden, oder lauerte unter den Leichen der Monster noch etwas hoffnungsvoll Halblebiges?

Als der Magus sicher war das keine Gefahr mehr drohte, machte er sich daran, Isar aus dem Kokon zu schälen. Was nicht ganz einfach war, weiss der Teufel aus welchem Material diese Hülle gewoben worden war! Äußerst widerstandsfähig wäre ein Prädikat gelinder Untertreibung gewesen. Schlussendlich fiel Isar zu Boden, zappelte dort einen Moment orientierungslos herum, als habe er vergessen wie man aufsteht oder geht, erhob sich dann um sich zu strecken. Er betrachtete seine gestreckten Arme, als habe er sie noch nie gesehen, lachte dann erfreut.

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Jamie stellte fest, dass sein Gefährte ihm fremd erschien. Sicher lag das an der sonderbar luftigen Art Rüstung und vor allem an dieser Maske, die er trug. Der Impuls, Isar zu umarmen, an sich zu ziehen und nie wieder los zu lassen wäre nun das Gefühl gewesen, das Jamie bei sich erwartet hätte. Es flammte auch kurz auf, verlor sich aber in Sekundenbruchteilen wieder im Nichts.
Wer wusste schon, ob nicht neue Heerscharen von Monstern auf dem Weg nach hier waren! „Isar, was ist geschehen?“

Sein Arm legt sich kurz auf des Satyr’s Schulter, so als wolle sich Jamie’s Verstand davon überzeugen was sein Herz längst klar sah: Hier stand sein Gefährte, sein Prinz, sein Ein und Alles! Ja, es fühlte sich an wie Isar. Dennoch, eine höchst absonderliche Verwirrung blieb. Sicher nicht verwunderlich nach allem was der Jungmagus gerade erlebt hatte!

„Ich… weiss es nicht. Ich weiss nicht wo wir sind. Aber wir müssen zurück auf die andere Seite des Schleiers! Schnell!“
„Komm“, murmelte er seinem Prinzen zu, griff dessen Hand und zog ihn schlicht mit nach draußen, in der Hoffnung dann wieder in der telurischen, gewohnten Sphäre zu stehen. Doch als Jamie sich am Höhleneingang umsah, lag dort nicht sein neues Zuhause.

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Genau genommen lag dort gar nichts, ausser der fliegenden Insel auf der sich die Höhle befand. Für eine Sekunde erinnerte sich Jamie an den Platzt des Orakels, dann schüttelte er wild den Kopf „Verdammt! Isar, wie navigieren wir heim? Ich habe keinen blassen Dunst!“ Er schaute dem Geretteten der inzwischen die Maske abgenommen hatte, in die Augen. Müde vom Kampf, wirkte des Magus‘ Miene dabei fast kläglich hilflos.

Isar sah sich um, wobei seine Augen eigentümlich leuchteten. Dann griff er ein wenig fahrig und unsicher in eine der Taschen an seinem Gürtel und förderte eine Art Taschenmesser mit Perlmuttgriff hervor. Etwas ähnliches hatte Jamie bereits bei Oberon gesehen. Mit einer entschlossenen Bewegung führte Isar das Messer durch die Luft ohne die Klinge auszuklappen. Dennoch tat sich ein Schnitt auf, hinter dem die im friedlichen Herbstlicht liegende Bucht des Caerns zu sehen war.

„Man kann den Schleier zerteilen!?“ Jamie’s Mund stand kurz offen, dann brüllte er ein lautes „Komm!!!“, und machte einen langen, mehr als eiligen Satz durch den Schnitt hindurch! Der Satyr folgte ihm, streckte sich, nickte und liess relativ gelassen hören „ja, man kann ihn zerteilen.“ Er sah sich um. Zu Jamie’s Verblüffung lag keinerlei Neugierde in Isar’s Blick. Vielmehr betrachtete er die schmale Schlucht auf eine Art als habe er sie schon oft gesehen.

Mit einem erleichterten Aufseufzen ließ der Magus sich auf die Knie sinken, seine Hand zupfte an den Grasbüscheln als müsse er sich davon überzeugen das sie keine optische Täuschung waren. Immer noch hing ihm ein merkwürdiges Gefühl der Unwirklichkeit an. „Das war verdammt knapp!“, brummte er mit einem Blick zu seinem Gefährten.
„Aber es ist doch gut ausgegangen!“.

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Sicher. Sorglosigkeit war eine von Isar’s hervorstechendsten Eigenschaften. Auch das verträumte Lächeln mit dem er sprach, passte gut. Zu gut? Jamie erhob sich wieder, verdrehte die Augen auf eine leicht genervte Weise, drängte die tausend Fragen zurück die ihm auf der Zunge lagen. Wieso erzählte Isar nicht, was geschehen war? Wie war er vom Hofe seines Vaters in die Fänge des Quallenwesens gelangt? Ging es Oberon und den Seinen gut? Wieder stach ihm die fehlende Verwunderung über die Umgebung in Isar’s Miene ins Auge. Er hätte erwarten müssen auf Unicorn Isle zu landen!

Dann wurde Jamie mit einem Schlag klar, was ihn so irritierte: Die Nähe und Vertrautheit fehlten! Da stand sein Schatz leibhaftig und unbeschadet vor ihm. Doch, und wenn es noch so pathetisch klang, die Herzen verbanden sich nicht miteinander, die Einheit wurde nicht hergestellt. Mit schmalen Augen legte Jamie Isar einen Finger unters Kinn und raunte ebenso leise wie kühl: „Du wirst mir das erkären müssen, Wings of Ether!“ Fast wie ein Vater der dazu neigt sein Kind mit vollem Namen anzusprechen wenn es unartig war, verwandte Jamie nun den Seelennamen von Isar, welcher darauf mti einem Zusammenziehen der Brauen reagierte. Mit einem entzückenden Schmollmund artikulierte er dann „ich habe nichts getan. Aber ich bin müde…. ich muss… ausruhen….“

Und mit diesen Worten drehte er sich in Richtung des Hauses, welches er von hier unten vor der Höhle definitiv nicht sehen konnte. Jamie nickte, wie müde und ausgelaugt er sich selbst fühlte war mit Worten kaum zu beschreiben. Ausserdem juckte das an ihm festgetrocknete Monsterblut ihn am Hals, seine Kleidung stank immer noch als käme er just aus einem Schlachthof. „Geh!“, brummte er zustimmend.

Und Isar ging. Aber nicht etwa über die Baumstämme, sondern schnurstracks den viel zu steilen Hang des Hügels hinauf, hüpfte dabei ausgelassen über kleine Steine, und blickte immer wieder begeistert in den klaren Himmel. Sein Prinz, der noch nie hier gewesen war, befand sich auf Luftlinienkurs zum Haus, das er noch nicht sehen konnte!

Der Magus stand einen Moment wie festgewachsen, fassungslos. Dann keimte eine latente Wut in ihm auf. Das Mißtrauen, das Gefühl das irgendetwas nicht stimmt, verstärkte sich rapide. Verstärkte sich zu einer Gewissheit. Während er Isar folgte. machte dieser keinerlei Anstalten sich in seine menschliche Form zu verwandeln oder die „kleinen, raumsparenden Schwingen“ anzulegen. Das Lachen mit dem er über den Hügel sprang – viel zu begeistert für einen jungen Satyr der gerade einer Gefangenschaft entkommen war. Und last not least………kein Danke.

Nicht, dass Jamie einen Dank brauchte. Aber der Isar den er kannte hätte einen geäußert! Es sah ihm einfach nicht ähnlich sich zu verhalten als sei nichts gewesen und alles in schönster Ordnung, als kenne er diesen Ort, habe nichts anderes erwartet und nicht ein Jota an Kraft eingebüßt in seinem Kokon.
Eilig folgte er Isar nun, der bereits auf der anderen Hügelseite den Abstieg begonnen hatte.

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So federnd, Isar’s Schritte. So fröhlich und ausgelassen, das Lachen. Die strahlenden Augen, fast als würde ein Kind das Schlaraffenland entdecken! Es passte zu Isar, ja. Aber es passte nicht zur Situation. Nicht einmal ansatzweise. Jamie biss die Zähne zusammen. Als Schamane war ihm durchaus bewusst, das es so etwas wie magische Täuschungen gab.

Er versuchte ins Seelenband hinein zu fühlen, doch obwohl er neben seinem Herzblatt die Wiese hinunter schritt, konnte er ihn nicht spüren. An der Haustür angekommen, war Jamie ohne Zweifel klar: Das ist nicht sein Isar. Entweder hatte man seine Seele entfernt, oder ihm eine Gehirnwäsche verpasst, was auch immer hier neben ihm stand, es war NICHT sein Prinz.
Leicht provokant grinsend warf er dem Satyr einen Satz hin: „Scheinst Dich hier ja gut auszukennen, Isar!“

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Dieser lächelte immer noch auf  entzückende Art und Weise. „Ich sehe es in Deinem Geist. Es ist so deutlich.“ Jamie hatte in keinster Weise bemerkt das jemand seinen Geist betreten hätte. Normalerweise fühlte ein Magus das. Oder…naja zumindest Jamie fühlte es. Und was wollte Isar denn gesehen haben, den Ort? Jamie knurrte nur ein einziges Wort hervor:
„WAS???“

„Wie, was? Was meinst du?“
Noch während Isar die Gegenfrage formulierte, materialisierte Jamie den Magierstab erneut. Eine Antwort blieb er Isar schuldig. Stattdessen drehte er sich flink um, öffnete die Garage, sprang blitzgeschwind zurück zu Isar, so geschwind das dieser davon überrascht wird. Mit beiden Händen fasste er die großen Schwingen dicht an der Wurzel, zerrte sie nach hinten wo er sie auf eine Art zusammenhielt das es wohl schmerzhaft sein durfte. So dirigierte der den verblüfften Satyr durch das Garagentor, kickte es mit dem Fuß zu und raunte wütend:
„Genau hier werden wir bleiben, und keinen weiteren Schritt machen, bis ich weiss, was eigentlich los ist!“

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Isar hatte relativ spät begonnen, sich zu wehren, mit den Schwingen zu zappeln, sie zu dehnen, doch Jamie hatte in diesem Augenblick klar die Oberhand.

Er verrammelte sowohl die Tür welche die Garage mit dem Hausflur verband, als auch das große Tor. Der Blick des Satyrs ist ebenso verletzt wie wütend. „Was soll das?“
„Was das soll? Du fragst mich ernsthaft, was das soll? ich befreie dich aus dem Kokon einer Riesenspinnenqualle, eines Wyrm, wie ich vermute. In einer Dimension die ich bisher nie betreten habe. Du führst uns hierher zurück und rennst mit einer Selbstverständlichkeit die ihresgleichen sucht los zum Haus, obwohl Du meines Wissens niemals hier gewesen bist – geschweige denn wissen kannst wieso ICH hier bin. Du verhälst Dich völlig anders als sonst, machst keine Anstalten Deine menschliche Form anzunehmen, machst aber wenn ich nachfrage einen auf naiv. Und dann hast Du den Nerv, MICH zu fragen was das soll?“

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Isar seufzte, rieb sich die Stirn.
„Du musst es schwer machen hm? So lange Vorbereitung, und auf den letzten Metern…..“ Er schüttelte sich und breitete die Arme aus, dunkler Rauch und Federn gingen von ihm aus während er sich veränderte. „Diese Seite des Schleiers gehört nun mir. Ich habe so lange warten müssen, bis ich das richtige Gefäß gefunden hatte.  Und bis Du so freundlich warst, all diese Emotion zu nutzen um den Zorn des Wolfs zu ergänzen. Ach, kleiner Magier, Ihr habt mich nicht getötet!“

Und dann stand es vor ihm, das Abbild von Isar aus seinem Alptraum. Der Kopfputz, das Geschirr mit dem Totenschädel und den schwarzen Rosen…..exakt so wie er seinen Prinzen in diesem Alptraum auf den er sich nie hatte einen Reim machen können, erblickt hatte. Er zog zischend den Atem ein, formulierte dann fast tonlos: „Der Traum war eine Zeitreise, ein Blick in die Zukunft. Du……..hast ihn BESETZT! Du hast meinen Prinzen besetzt!!!“

Es war so klar, so einleuchtend. Nun, da es zu spät war, konnte er es so überdeutlich erkennen. Das Wesen in Isar’s Leib zuckte die Schultern – es war ganz Isar’s Geste, und diese an dem Höllendämon der in ihm steckte zu beobachten war auf perfide Weise wunderschön und schrecklich zugleich.
„Ich habe sooo lange gewartet……..so eine fragile Mischung erzeugt sich nicht von selbst, weißt Du? Jahrhunderte der Arbeit. Und jetzt werde ich sehen, was diese Dimension mir zu bieten hat.“

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Gelassen drehte er sich um, sprach noch kurz weiter über die Schulter: „Vielleicht fange ich ja damit an, dass ich Deinem Vampirfreund einen Besuch abstatte.“, und schritt durch das verriegelte Garagentor als wäre es gar nicht existent. Schon als er bereits ausser Sichtweite war, hörte Jamie ein paar letzte Worte. „…… so ein nützlicher Körper….“

Ein lautes Poltern, als der Stab sich aus Jamie’s Hand löste und auf den glatten Betonboden knallte. Ein Pfeifen in den Ohren. Die Garagentür, die sich auf seiner Netzhaut einzubrennen schien, um dann mit sonderbar blutig anmutenden Schleiern überlagert zu werden. Schwindel. Weiche Knie. Und schließlich diese unglaublich sanfte, gnädige Schwärze als die Ohnmacht den Jungmagus in ihre großen, weichen Arme nahm.

Niemand hörte das leise Stöhnen als Jamie wie in Zeitlupe zusammen sackte, um dann leise klatschend auf dem Beton der Garage zusammenzubrechen. Oh wunderbare Dunkelheit, oh herrliches Nichts!

 

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