Kap42: Die Zeit drängt!

Am darauffolgenden Abend bekam Minnie den Schock ihres Lebens.

Zum ersten Mal hatte sie es geschafft, Hyppolite Redbarnes ein Steak genau so zuzubereiten, dass es ihm wirklich mundete. Während er den Karamelpuddig löffelte, den sie als Dessert fabriziert hatte, sagte er angelegentlich: „Heraeus ist schneller als Ritter.“
Er erntete einen verständnislosen Blick, gepaart mit einem „hm?“

„Ich habe sowohl die OP Lampe als auch die Lampe für den Dentistenstuhl den ich noch aufstellen werde, in Deutschland geordert. Ich war gespannt wer am schnellsten liefert. Die OP Lampe liegt zur Abholung bereit. Morgen werde ich sie wohl installieren. Ich hoffe, Ritter liefert mir auch bald die zahnmedizinische Leuchte, denn ohne sie kann ich die nötigen Anpassungen in Deinem Mund nicht vornehmen.“

Es war als fiele Minnie in ein tiefes, dunkeles Loch ohne Boden. Morgen schon! Zaghaft fragte sie: „Und wann beginnst Du mich zu operieren?“
„Sobald ich mich entschieden habe, welche Narkoseform am geeignetsten ist, Minnie. Ich schwanke zwischen einer Injektionsnarkose als Ganzes, oder einer kleinen intravenösen Einleitung um dann zu einer Inhalationsnarkose über zu gehen. Der Nachteil von Letzterem wäre, dass ich Dich intubieren müsste. Was ich nicht beherrsche, ich bin kein Anästhesist. Und es sollte eine zweite Person anwesend sein, die den Gaszufluss reguliert und Deine Vitalwerte im Auge behält. Eigentlich hatte ich aber nicht vor jemanden hinzu zu ziehen. Und ein Narkosegas müsste ich erst noch besorgen, Ketamin hingegen habe ich vorrätig.“ Es klang fast als spreche er mehr zu sich selbst weil er davon ausging, das die verhinderte Dämonin seine Worte sowieso nicht verstehen würde. „Andererseits kann Ketamin ziemlich böse Alpträume hervorrufen, das würde ich Dir gern ersparen.“

Minnie fühlte, wie ihr Magen begann, sich umzudrehen. Redbarnes schaute prüfend zu ihr und konstatierte dann trocken „Es ist verständlich, dass Du Angst hast. Das Steak war heute hervorragend auf den Punkt! Geh und nimm ein Bad, dann darfst Du heute in meinem Bett übernachten. Das wird Dich sicher ein wenig ausgeglichener werden lassen.“ Ein sparsames Lächeln begleitete die Aufforderung.

Minnie kam ihr nur zu gerne nach, sie räumte nicht einmal mehr den Tisch ab sondern floh mit einem gehorsamen „Sehr gern, Hyp“ ins Bad. Da sie immer wenn sie die Wanne benutzen durfte versuchte, diese Zeit künstlich auszudehnen, gab es eine Übereinkunft: Er gestattete ihr, dort ein Buch zu lesen und es sich mit einer Kerze gemütlich zu machen. Wie froh war sie in diesem Moment, die Zeit im Bad für sich und ihre Gedanken zu haben!

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Ihre Augen waren auf das Buch gerichtet, sahen jedoch den Text nicht. Morgen schon! Er könnte morgen bereits die erste Operation einläuten, oder aber jeden beliebigen Tag ab dem morgigen nehmen! Und sie wusste ja nicht, was der Wolf dort im tiefen Umbra tat, wie lange er da verweilen würde, und ob man ihn in einigen Tagen dort noch anträfe. Ganz gleich, wann die OP anberaumt werden würde!

Es half nichts, die Zeit drängte. Sie würde keine Gelegenheit haben ihren Plan reifen zu lassen, nein, sie musste Hyp noch heute abend auf den Wolf ansetzen!
Vor lauter Aufgeregtheit verlor sie die menschliche Form, ihre Flügel materialisierten sich, die Haare nahmen die dämonische Beschaffenheit an. Sie fluchte leise. Es wäre jetzt unmöglich, die Flügel weg zu bekommen…………sie hasste es, dass ihre Formen je nach Stimmung einfach wechselten ohne dass sie das hätte steuern können.
Ohne diese Unfähigkeit ihre beiden Formen zu verwalten, wäre sie nie und nimmer in diese missliche Lage geraten. Erstens hätte sie keinen Strohhalm namens Redbarnes gebraucht, und zweitens, selbst wenn – sie hätte ihn vermutlich leicht im Schlaf überwältigen oder aus dem Dachboden ausbrechen können. Denn nicht nur ihr Körper, nein auch die mentalen und magischen Kräfte hätten ihr dann gehorcht!

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Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als die Tür aufsprang und der Technokrat das Bad betrat. „Das Bett hat übrigens einen neuen Bezug nötig, das kannst Du tun sobald Du hier fertig bist. Am besten bevor Du neben Flügeln noch Schwimmhäute entwickelst!“
Seine gelegentlichen Ansätze von Humor brachten Minni selten zum Lachen. Sie beschloss, die Gelegenheit beim Schopf zu packen.

„Natürlich, gerne. Ach Hyp?“
„Was denn?“
„Möchtest Du Dich nicht zu mir setzen? Es gibt da etwas, das ich Dir berichten wollte, ich bin recht sicher es interessiert Dich!“

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„Muss das sein? Ich habe zu arbeiten!“
„Ehm……nein. Sicher. Es kann warten. Aber wer weiss schon ob der Wolf den ich Dir anbieten kann, noch vor Ort sein wird wenn ich es Dir spät berichte……..“

Man konnte sehen, wie er förmlich lange Ohren bekam als das Wort „Wolf“ fiel, und das auch noch in einem Satz mit „anbieten“, und tatsächlich: Er schloss die Tür, ging zur Wanne, nahm den kleinen Tischaufsatz mit dem Buch weg und hockte sich auf die Kante. Seine Augen suchten neugierig die ihren, was außergewöhnlich war. Denn solange Minnie nackt war, glitten sie eher über ihren Körper.

„Ein Wolf? Was heisst denn anbieten? Es gibt tausende von Wölfen in New York, Mädchen! Und sie alle wissen sich gut zu tarnen, sonst wären sie längst unter der Erde! Du willst mir nicht weismachen, Du hättest eine Ausnahme entdeckt, wo Du doch nicht einmal vor die Tür kommst?!“

Minnie drehte sich um, sodass sie ihm nun den Rücken zuwandte……..besser er würde ihr bei dem was sie nun vor hatte nicht zu sehr ins Gesicht schauen! Sie misstraute ihrem schauspielerischen Talent, so wie sie generell dazu neigte sich selbst zu misstrauen.
Ihre Stimme nahm einen verliebt-koketten Tonfall an. „Ich schwöre Dir, ich biete Dir die Gelegenheit einen Wolf ausserhalb von New York zu erlegen! Was ist die Info denn wert, Liebling? Ich denke Du könntest mich redselig machen indem Du mir die Schultern massierst…………!“
Während sie sprach, griff sie nach hinten und zog seine Hand hinab auf ihre nasse, warme, vom Schaum glitschige Brust, beugte den Kopf kurz in den Nacken um ihn mit dem verführerischsten Blick anzuschauen den sie in diesem höchst angespannten Moment entwickeln konnte.

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Redbarnes spielte angelegentlich mit ihrem schwarzen Flügel, dann mit dem weissen. Die Hand, die sie auf ihre Brust gelegt hatte, zwirbelte eher beiläufig ihren Nippel. Seine Stimme klang sehr erregt, aber Minnie war sich sicher das die Ursache dafür weniger eine erotische war, als die Aussicht einen Wolf präsentiert zu bekommen.
„Ausserhalb von New York? Minnie, verscheißer‘ mich nicht. Jenseits der Stadtgrenzen tarnen sie sich nicht schlechter als mitten drin!“

Während Minnie so tat, als winde sie sich genüsslich und langsam geil werdend unter seinen Händen, gurrte sie leise „Das ist wahr. Aber im tiefen Umbra, da nicht!“ Sie traute sich, ihm mit einem gespielt verhangenen Blick tief in die Augen zu schauen. „Na? Neugierig geworden?“
Der Technokrat antwortete in einer Reibeisenstimme, die bei anderen Männern eher ein Zeichen höchster, sexueller Erregung wäre: „Verdammt, im tiefen Umbra? Wie kommst Du denn an eine solche Information? Hast Du Spione da draußen? Los, red‘ schon!“

An diesem Punkt begann die Scharade, Minni beinahe Vergnügen zu bereiten!
Er war voll darauf angesprungen, es hätte nicht besser laufen können. Also begann sie, von ihrem Traum zu berichten, wobei sie oft betonte, dass es sich ohne Zweifel um einen Klartraum handelte. Sie baute Kunstpausen ein, um die Spannung zu erhöhen und zu betonen, dass sie auf eine erotische Entlohnung für die Informationen scharf war………..nichts sonst, nur die Hoffnung auf Sex würde erklären warum sie ihm vom Wolf berichtete. Würde er auch nur den leisesten Verdacht schöpfen, könnte das mehr als böse für sie enden.

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Minnie konnte spüren, wie seine Neugierde wuchs! Tatsächlich ließ er sich dazu herab, ihr die Schultern zu massieren. Zum ersten Mal seit sie ihm in die Falle gegangen war, fühlte die verhinderte Dämonin eine Art unterschwellige Macht. Was dazu führte, dass ihre Scharade beständig glaubhafter wurde.

Als sie jedoch versuchte seine Hand relativ fest zwischen ihre Beine zu zwingen, scheiterte sie, da er sich dadurch so weit nach vorne beugen musste, dass er fast das Gleichgewicht verlor, was ihn wieder recht ungnädig stimmte! „Whoaaaaaa, bist du von Sinnen, Du kleines, notgeiles Miststück? Ich hätte es gesagt wenn ich scharf auf ein Bad wäre!“
Er fing sich gerade so………….schnappte sich ein Handtuch und reichte es ihr „Los, trockne Dich! Fertig mit Baden!“

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Minnie schlang sich das weiche Badetuch um den Leib und machte auf schuldbewusst, senkte den Kopf und hauchte auf entzückend reumütige Weise „Oh es tut mir leid, Hyp. Ehrlich. Großes Dämonenehrenwort! Es ist nur……….meine Hormone. Du weisst schon……….ich brauch‘ Dich einfach!“ Die Worte gingen ihr erstaunlich leicht von der Zunge. Dann hob sie den Kopf, schenkte ihm einen Blick aus vor vermeintlicher Lust brennenden Augen und produzierte einen Schmollmund, der die Bardot vor Neid hätte erblassen lassen.

„Komm mit ins Wohnzimmer. Und dann machst Du klare Ansagen wo ich diesen Wolf finde!“ Nachdem er sich brüsk abgewandt hatte, konnte sie seine schweren Schritte durch den Flur poltern hören. Minnie biss sich auf die Lippen, zählte bis zehn, damit ihr Puls sich wieder normalisieren konnte. Danach zurrte sie das weiche Handtuch enger um sich und folgte ihm.
Die nächste Überraschung bestand darin, dass er auf dem Sofa hockte, wo er sie mit ausgebreiteten Armen empfing. „So. Nun komm zu Daddy! Und sag mir wie der Ort heisst. Ich halte mich nicht gern im tiefen Umbra auf. Doch es gibt Momente an denen ich dazu neige, das zu vergessen!“

Komm zu Daddy! Es kostete Minnie große Mühe, nicht laut los zu lachen. Meine Güte! Mit einem weichen Wimpernschlag glitt sie neben ihn und schmiegte sich an.

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„Ich kann Dir nicht sagen wie er heisst. Ich weiss es nicht. Im Traum sah ich diese Höhle, und ich bin sicher das ich weiss wo sie sich befindet. Aber ich habe keine Ahnung welchen Namen dieser Ort trägt, Hyp. Das macht aber nichts, denn ich könnte Dich ja hin führen.“

Der kritischste Moment von allen. Um die Worte beiläufig klingen zu lassen, legte sie eine Hand auf seinen Schoß, gab vor nach seiner Männlichkeit zu forschen und begann leicht über die Hose zu reiben. Seine große Hand legte sich wie ein Schraubstock um ihre!

„Hör auf! Sofort! Kannst Du denn an nichts anderes denken als ans Ficken?“
Minnie kicherte ein „Nein, wohl nicht“, und ließ das Handtuch von ihren drallen Formen gleiten. Der Duft der Badeessenzen erfüllte das Wohnzimmer während sie sich versuchte an ihm zu reiben und dabei beiläufig murmelte „Egal, ist ja nur ein Wolf…….es gibt sicher Wichtigeres!“

Der Technokrat stiess sie unsanft von sich und sprang auf. Mit hektischen Bewegungen riss er einige Schubladen auf, wühlte darin herum. Es rappelte, klirrte, schepperte……..und als er nicht fand was er suchte rummste es heftig wenn die entsprechende Schublade mit Macht wieder zu geknallt wurde.
Dann, ein triumphierender Laut. Als er sich umdrehte, sah sie etwas in seiner Hand, das wie ein Hundehalsband aussah.
„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mir diese Gelegenheit entgehen lassen würde? Wenn es nicht anders geht, wirst Du mich dort hin führen. Scheisse, ich war viel zu lange viel zu sehr auf meine Arbeit konzentriert! Es wird Zeit für einen Ausgleich. Ein wenig Bewegung tut mir gut. Und Dir wird sie auch nicht schaden.“

Erneut ließ er sich neben sie fallen und bevor sich Minnie versah, schlang er ihr dieses schwarz weisse Halsband um die Kehle. Verdattert hielt sie still, hörte etwas metallisch klicken und erst dann sah sie den kleinen Schlüssel in seiner Hand als er sein Werk mit zufriedenen Augen musterte.

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Genüsslich hakte er eine Kette in die Öse vorn am Halsband, woraufhin es Minnie wie Schuppen von den Augen fiel: Ein Collar. Natürlich! Sie hatte ja längst geahnt dass er in BDSM Kreisen unterwegs war.

„Steh auf! Ich will die Reichweite sehen!“
Also erhob sie sich. Die Scharade fiel in sich zusammen, jetzt war sie nur noch verdattert und nervös. Als die Kette nur noch leicht durchhing, blieb sie stehen, wandte sich ihm zu und schluckte hart. Der kalte Stahl schmerzte auf ihrer vom Baden warmen Haut. Ein befriedigtes Nicken und ein leises „Sehr schön!“ von Seiten ihres Wächters.

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Wieder öffnete er den Schrank, diesmal eine Tür, und förderte ein schwarzes Bustier und eine abgetragene Jeans zutage, sowie ein Paar klobige Boots. Sie verzichtete darauf ihn zu fragen woher die Sachen kamen. Sie gehörten definitiv nicht ihr. Und vermutlich war es besser nicht zu wissen, wem sie denn gehörten!

„Anziehen!“ Sie tat wie ihr geheißen, dabei begann sie leicht zu zittern, was sie auch nicht mehr verbergen konnte. Immer zufriedener wurde seine Miene. Schließlich zog er sie mit Hilfe der Kette wieder zu sich, hakte sie aus und brummte mit einem Lächeln „Das wird gehen. Wir brechen in zwei Stunden auf. Bis dahin wirst Du die Wäsche von der Leine nehmen, und das Geschirr abwaschen. Das Haus hat aufgeräumt zu sein, wenn wir es verlassen.“

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Verdammt! Mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. Ihre Stimme klang ein wenig verzagt als sie „Natürlich, Hyp“, raunte und hinter das Sofa trat, um die Tür zum sogenannten Balkon zu öffnen. Während sie die Wäsche abnahm und die Klammern leise klackend in den Klammernkorb purzeln ließ, konnte sie seine Blicke auf ihrem Rücken fühlen.

Es würde schwierig werden. Sie fröstelte. Der kalte Schweiss, der nun auf ihrer Haut haftete, ließ die herbstliche Luft recht frostig erscheinen. Sie würde weit mehr improvisieren müssen als geplant. Gottverdammt!

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Kap41: Minnie’s Gedanken

((Achtung, dieses Mal wieder mit Bildern die nicht jugendfrei sind, Ihr seid gewarnt.))

Das Bett fühlte sich an wie ein Kleid das nicht passte. Ungemütlich. Jegliche Entspannung, jegliches Hinweggleiten in einen erholsamen Schlaf verhindernd. Immerhin, der Käfig war weg. Dafür hatte Minnie nun ein Bett, eine kleine Kommode (in der sich nichts befand als eine Tube Panthenolsalbe, einige Kekse und Mineralwasser, da er ihr sämtliche Kleidung weggenommen hatte), und einen Ofen für die kalten Herbstnächte.  Sowie zwei Pflanzen, die wegen Lichtmangel in dem fensterlosen Dachboden einzugehen drohten. Unruhig wälzte sie sich, wie in fast jeder Nacht, auf den Kissen herum. An Schlaf war nicht zu denken. Wieder einmal!

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Je unausgeruhter Minnie in ihre Tage startete, desto weniger gelang es ihr in der menschlichen Form zu bleiben. Hatte sie doch von jeher schon Schwierigkeiten gehabt, ihre Dämonenohren, (die die meisten Menschen glücklicherweise für Elfenohren hielten, und davon ausgingen das Minnie schlicht in einer gewissen Art von Extravaganz künstliche Ohren als modisches Accessoire trug), zu verbergen, so gelang es ihr nun auch nicht mehr mit den Tätowierungen. Lediglich ihre Flügel konnte sie die meiste Zeit verbergen. Aber auch das wurde zunehmend schwierig, sie war ausgebrannt. Sie verfügte über keinerlei Energie mehr.

Seit Redbarnes sie mit nach hause genommen hatte, war viel geschehen. Inzwischen sah sie klar. Nur half das nicht, ihre Situation zu verbessern! Im Gegenteil. Je klarer sie sah, desto klarer erkannte sie in welche Klemme sie sich manövriert hatte.
Dabei hatte sie damals doch einfach nur nach einem Strohhalm greifen wollen. Aber Hyppolite Barnes war alles andere als ein rettender Anker.

Genervt über ihre Erinnerungen seufzte Minnie auf, drehte sich zur Kommode und schaltete das Licht ein. Sicher, inzwischen war der Dachboden ein wenig ausgebaut worden. Während die Handwerker ein antiquiertes Waschbecken und eine Toilette installiert, den Käfig zerlegt und das Bett aufgestellt, sowie einen Vorhang installiert hatten, war sie von Hyp auf dem zugemauerten Balkon eingesperrt worden. „Und wage Dich nicht, einen Ton von Dir zu geben – nicht wenn Du morgen noch die Sonne aufgehen sehen willst!“
Also war sie still geblieben. Was hätten die Handwerker auch ausrichten können? Redbarnes hätte eher auch die beiden Männer ins Jenseits befördert als sich seine Pläne vereiteln zu lassen!

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Blicklos starrte Minnie die Wand an, während sie ihren Gedanken nachhing. Alles war besser, als auf diesen Alkoven zu schauen in dem sich die Behandlungsliege befand. Dieses hochtechnisierte, piepsende, kaltes Licht aussendende Ding – es machte ihr Angst. Es fehlte noch eine leistungsfähige OP Lampe. Hier oben im Dachboden gab es kein Fenster. Selbst wenn, Tageslicht reichte nicht aus für die Dinge die er mit ihr vor hatte. Aber alles was er sonst benötigte war vorrätig. Irgendwie musste Minnie es schaffen zu entkommen. Und zwar bevor der Technokrat seine OP Lampe kaufen würde.

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Die letzten Wochen waren der reinste Alptraum gewesen! Nachdem Hyp ihr die beiden Chips in den Unterarm injiziert hatte, klärte er sie über deren Zweck auf. Minnie rollte sich auf den Rücken und stöhnte gequält bei der Erinnerung – es war der Zeitpunkt gewesen, an dem sie begann klar zu sehen.
„Die sind noch nicht für das Funktionieren Deiner neuen, kybernetischen Gliedmaßen, Minnie. Sie dienen lediglich dazu, dass ich Dich jederzeit orten kann. Und zwar völlig egal wo Du bist. Per GPS. Das ist wichtig, denn solltest Du in der Zukunft einmal eine Funktionsstörung haben, muss man Dich ja finden können! Der zweite Chip ist eine Art Notfallschalter, er wird später dafür sorgen, dass man Dir die für den Betrieb Deiner kybernetischen Körperteile nötige Energie entziehen kann.“

Eine Funktionsstörung………. !
Ihr war klar geworden, dass er nicht etwa ihr absonderliches (und zuweilen nicht kontrollierbares) Hybridentum zwischen Mensch und Dämonin beenden würde. Denn das war es, was Minnie sich erhofft hatte, nachdem sie ihn in diesem Club kennenlernte. Damals, im Frühsommer.
Nein! Hyppolite Redbarnes wollte einen Cyborg aus ihr machen!! Wie hatte sie nur so blind sein können?
Dabei hatte er ihr nie etwas vorgelogen, niemals expressis verbis behautpet er wolle sie zu einer ordentlichen Dämonin machen! (Die wie jeder andere Dämon auch, ihre Kräfte gescheit kontrollieren und einsetzen konnte, und die den Wechsel in die menschliche Form perfekt beherrschen würde.)

Minnie hatte ihn in ihrer Betroffenheit lediglich permanent fehlinterpretiert. Sie hatte geglaubt, der hübsche Mann mit den intensiven, stahlblauen Augen hätte einen Narren an ihr gefressen und helfe ihr aus Zuneigung heraus. Einfach weil er es konnte.
Ein bitteres Lachen hallte durch den Dachboden. Wie verblendet sie gewesen war!  Wie sie es hasste, so selten Tageslicht zu sehen!

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Sobald Redbarnes das Haus verließ, oder sich schlafen legte, wurde sie hier oben eingesperrt. Ihre Kleidung hatte er konfisziert. Sogar das Nachthemd, welches sie jetzt trug, hatte sie sich mühsamst erkämpfen müssen. (Und an Tagen, an denen sie ihre Flügel nicht verbergen konnte, half ihr das innen wollig warm aufgerauhte Satinhemd nichts, denn er erlaubte ihr nicht, es am Rücken umzunähen.)

Lediglich während er arbeitete, las oder sich am Computer entspannte, durfte sie unten in der Wohnung sein. Dort war sogar das Tragen eines mit Rüschen besetzten Minikleids erlaubt. Mehr aber auch nicht. Nicht einmal Unterwäsche.

Redbarnes erwartete täglich um 17:30 Uhr ein warmes Essen vorgesetzt zu bekommen. Also kochte sie für ihn. Nicht, dass sie das besonders gut beherrscht hätte. Aber für den Hausgebrauch reichte es offenbar, er beklagte sich jedenfalls selten.

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Die Tatsache, dass er Eintöpfe sehr mochte, half ihr diesen „Job“ zu bewältigen, denn die waren in der Regel recht einfach herzustellen. Sie durfte sogar im Internet nach Rezepten suchen, allerdings hockte er dabei meist lesend in einem Sessel und sah ihr über die Schulter. Sonderbarerweise achtete er sehr darauf, das der Tisch ansprechend gedeckt und dekoriert war. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten schien er dann oft ein völlig anderer zu werden.
Oh er konnte galant sein, amüsant, voller Witz und Esprit. Aber diese Eigenschaften setzte Redbarnes ein wie ganz gezielte Mittel zur Manipulation. Er wusste offenbar genau, dass er sie irgendwie bei Laune halten musste, wenn er keine kleine Rebellin züchten wollte. Und so lange sie ihn ihn verliebt gewesen war, hatte das auch bestens funktioniert.

Wenn ein Gericht ihm besonders gut gemundet hatte (was zugegebenermaßen seltenst der Fall war), belohnte er sie damit, dass sie eine Nacht mit ihm in seinem Schlafzimmer verbringen durfte. Sie liebt das. Auch wenn die asiatischen Gemälde von Herren und Sklaven über dem Kopfende, ihr oft ein Stirnrunzeln entlockten. Bondage. Offenbar gefiel ihm das. In diesen Nächten hielt er sie einfach nur im Arm. Dann schien er ausgeglichener als sonst.

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Sex war für Hyp offenbar kein Mittel um Zuneigung oder auch nur Harmonie zu zeigen oder zu erzeugen. Sie hatte festgestellt, dass ihn offenbar nur eines erregte: Seine Arbeit. Seine „Mission“. Denn zuweilen untersuchte er sie oben auf dem Techno-Tisch. Meist in ihrer geflügelten Form.
Wenn er damit begann, war er ganz Wissenschaftler.
Minnie war sich über die mysteriöse Funktionsweise des Tisches nicht im Klaren. Sie war immer der Meinung gewesen, das man für ein EEG dem Patienten eine Art Netzhelm aufsetzen musste, in dem sich Elektroden befanden. Das man dem Patienten kühles Kontaktgel auf die Kopfhaut aufbringen musste…….nicht so hier!
Er legte sie einfach auf den Tisch, befahl ihr ruhig zu liegen und drückte ein paar Knöpfe. Sofort erschien ein Bild auf dem Monitor, das sehr an eine Kernspintomographie ihres Hirns erinnerte. Oder aber es zeigten sich pulsierende Linien, wie ein EEG Gerät sie auf Papier drucken würde.

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Es begann immer mit einer absolut professionellen Untersuchung. Aber sobald sich diese dem Ende zuneigte, wurde sein Atem schneller. Dann schien er sich der Tatsache bewusst zu werden, dass Minnie nackt war, und ihm ausgeliefert. Inzwischen konnte sie fühlen wenn es so weit war. Häufig, nicht immer, schnallte er sie dann auf dem Tisch fest. Entledigte sich seiner Kleidung in Windeseile und mit einem verblüffend unbewegten Gesichtsausdruck.

Meist war es schummrig in dem Alkoven, da es ja noch an einer ordentlichen Beleuchtung mangelte. Wenn er sich über sie hermachte, war es anders als am Anfang.
In den ersten Tagen und der ersten Verliebtheit hatte sie selbst seine kalten, schnellen, seelenlosen „Begattungen“ genossen, für die er sich in der Regel nicht die Mühe machte sich auszukleiden.
Jetzt aber fühlte sie sich einfach nur benutzt. Sie wollte es nicht mehr, und es erregte sie auch in keinster Weise. Ausserdem erfuhr Minnie jedes Mal Schmerzen, denn da sie bar jeder Erregung war, blieb sie trocken wie ein Blatt Sandpapier. Doch das hielt ihn nicht ab. Er händigte ihr lediglich hinterher eine Tube Panthenolsalbe aus, damit die Fissuren schnell wieder abheilen konnten.

Sie schien ihm völlig egal zu sein. Redbarnes reduzierte sie in diesen Momenten offenbar auf ihr Geschlecht. Sie war schlicht ein Loch für seinen Schwanz. Was ihn aufgeilte wusste sie nicht genau, aber sie vermutete das es das Gefühl der Macht war. Meist drückte er sie auf den Bauch und nahm sie von hinten. Es dauerte nie lange. Drei, vier Minuten vielleicht. Selten mal zehn. Zärtlichkeit kam nicht vor. Sie hätte ebensogut eine Gummipuppe sein können. Ein Spielzeug, dessen er sich bediente wenn ihm danach war.

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Minnie schloss dann die Augen und versuchte, sich geistig weg zu beamen. Beim letzten Mal hatte sie diesen Klartraum gehabt……………

Oft zog er sie auch an das Fußende des Behandlungstisches, dann überstand sie es indem sie sich auf seine unglaublich gut gemachten, und mehr als die Hälfte seiner Haut bedeckenden Tätowierungen konzentrierte. Ihr Geist erfand Geschichten von Seeschlangen, Wassermännern und Korallenriffen während er sie gnadenlos hart und schnell fickte, wobei er ganz und gar auf sich selbst, seine Lust und sein Vergnügen fixiert schien.
Die ganze Zeit über musterte er sie dabei mit diesem wissenschaftlich interessierten Blick, selbst wenn er kam, schloss er nur für Sekundenbruchteile die Augen und knurrte unterdrückt. Es half ihr nicht mehr, dass Redbarnes ein überdurchschnittlich attraktiver Mann war. Denn Minnie suchte vergeblich nach seiner Seele. Also halfen die Tattoos. Sie hatten mehr Seele als der Mann, der sie trug! Sie waren das Hilfsmittel zur geistigen Flucht.

Flucht! Minnie wusste sie würde, falls es gelang, so schnell wie möglich diese Mikrochips in ihren Unterarmen loswerden müssen!

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Wenn es überstanden war, schnappte er sich seine Klamotten und ging wortlos nach unten um zu duschen, nur selten fuhr er ihr vorher leicht mit der Hand über den Scheitel, das Maximum an Zärtlichkeit……….Sie konnte das Wasser seiner komfortablen Dusche rauschen hören, derweil sie sich in dem Halbdunkel des Dachbodens am Becken säuberte. Nicht einmal ein Spiegel………und nur kaltes Wasser.

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In diesen Momenten hasste sie ihren Körper, hasste seine Attraktivität, die schweren, großen Brüste mit den hübschen Brustwarzen, und besonders ihre Vagina!
Danach hockte sie sich oft erschöpft und mit hängendem Kopf auf das Bündel Feuerholz am Ofen, und versuchte ihr erforenes Herz mit Hilfe der Ofenwärme irgendwie wieder aufzutauen, während ihr Schoß noch von der trockenen Reibung seiner gnadenlosen, knochenharten Männlickeit brannte.

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Meine Güte wie naiv sie doch anfangs gewesen war!

Die gemeinsamen, fast romantisch zelebrierten Mahlzeiten hatten Minnie über lange Phasen hinweg hoffen und die Füße stillhalten lassen. Vielleicht war er ja nur ein verbitterter Mann, der auftauen würde sobald sie sich näher kamen……….

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Wieder stieß die Schlaflose ein zynisches, hartes Lachen aus. Ja klar, und von was hattest Du wohl nachts geträumt hm? Klaaaar, er war ja nur ein armes, gebranntes Kind das die wahre Liebe bei dir finden und sich dann um hundertachzig Grad drehen würde! Brainfuck!
Jetzt kam es darauf an, ihn nicht merken zu lassen, dass die Hoffnung in ihr gestorben war. Verreckt wie ein Gnu das in der Trockenzeit den Weg zum Wasserloch nicht mehr findet……
Sie hatte ihn durchschaut, erkannte klar wie und womit er sie hatte manipulieren können. Schauspielerisches Talent war gefragt! Auf keinen Fall durfte Hyp bemerken, dass ihre ‚Verliebtheit‘ nur noch eine Maske war.

Besonders jetzt, nach diesem Klartraum! Jetzt, da sich der Plan in ihrem Kopf zu entwickeln begann! Jetzt, da ihr verhasster Urahn im Leib eines hübschen, blonden Satyrs Zugang zu dieser Welt gefunden hatte, in der sie sich vor ihren dämonischen Verwandten sicher gefühlt hatte! Und da nun dieser Wolf  aus dem tiefen Umbra heraus Kontakt mit ihr aufgenommen hatte. Sie sah das Bild des Traums vor sich……, hörte seine Stimme: „ „Ich werde dich Mini-Me nennen.“ Was für ein hübscher Kosename. Klar, im Vergleich zu ihm war sie klein. Auch wenn sie keine Ahnung hatte, welche Botschaft er ihr mit  „In the afternoon they came unto a land in which it seemed always afternoon.“ hatte vermitteln wollen. Möglicherweise ging es darum, dass der Nachmittag die beste Tageszeit für ihre Flucht war…..

Minnie liebte diesen Wolf schon jetzt! Er war nicht nur ihr vermutlicher Befreier, nein, er hatte wohl auch die Fähigkeiten sie (und natürlich auch die Welt, die ihre Wahlheimat war) von ihrem verhassten Urahn zu befreien. Ihr Plan reifte. Sie wusste, dass Redbarnes jede Chance ergreifen würde, einen Wolf zu erlegen. Und sie kannte den Ort, an dem er sich aufhielt.

Der nächste Strohhalm war gefunden.

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Kap40: Heureka!

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Das Wetter sorgte für Irritationen. Es schien mit jedem Kilometer den Jamie hinter sich brachte umzuschlagen. Schließlich war die Sonne untergegangen, und auch wenn das „Bier“ der Kräuterhexe aus dem Pub ihm gute Dienste geleistet hatte – in totaler Finsternis waren nunmal keinerlei Spuren auszumachen. Sie waren sowieso kaum zu sehen……Jamie hatte die Spur sehr oft verloren und mühsam im Kreis herum gesucht um sie wieder zu finden. Bei einer alten, verwitterten Ruine hatte er schliesslich versucht, ein wenig Schlaf zu finden.
Sie bot zwar kaum Deckung, aber da ein sehr freundlich anmutender Wieselgeist hier wohnte, machte Jamie einen Deal: Er befreite das Wiesel von einem lästigen Fluch, welcher dafür gesorgt hatte, dass die oberen Fangzähne des Geistes tausendmal schneller nachwuchsen als er sie abnutzen konnte. Sie ragten weit aus dem kleinen Maul und bogen sich derart nach unten, dass sie dort fast wieder in den Unterkiefer hinein bohrten. Es hätte nicht mehr lange gedauert bis sie eine Wunde verursacht hätten. Der Wieselgeist versprach im Gegenzug, Jamie aufzuwecken sobald sich irgendwer oder irgendwas nähern würde.

Als der Magus am anderen Tag erwachte, war der Geist treu und dankbar auf seinem Posten und gerade dabei, den Rest einer Ratte zu verzehren. Die Sonne lugte ab und an durch ziemlich düstere Wolken, und es war deutlich kälter als am Vortag.

Auch die Landschaft hatte sich leicht verändert. Kein roter Sand knirschte mehr unter seinen Stiefeln, dafür raschelte ein hartes, fast vertrocknetes Gras, dessen Halme spärlich und stellenweise verdorrt waren, unter ihnen.
In diesem Gelände nun, war es unmöglich, noch Spuren vom Wolf zu finden, Isar’s kleine Pfoten hatten hier sowieso nichts hinterlassen. Zu klein, zu leicht um auf dem staubtrockenen Untergrund Spuren zu machen.
Nachdem er sich vom Wiesel verabschiedet hatte, lief Jamie ein paar hundert Meter um frustriert wieder inne zu halten. Wie sollte er auch nur die Andeutung eines Hinweises auf den Verbleib der Gesuchten finden?

Isar’s Seele befand sich in seinem Seelentier, dem Welpen.
Wäre es da nicht naheliegend, das Seelenband zu checken? Jamie brachte seine Gedanken zum Schweigen und fühlte in sich hinein…….und ja! Es war nicht wie gewöhnlich, es schien dünner, weniger deutlich, auch irgendwie hibbeliger. Aber es war spürbar. Probeweise ein paar Schritte machen……….nein, da liess es nach. Ein paar Meter in die andere Richtung………. ja! Nun wurde es wieder deutlicher.

Also folgte er seinem Gespür für das Band und achtete nicht mehr auf den Boden. Irgendwann war die Sonne zur Gänze verschwunden, und der Wind gewann an schneidender Schärfe. Als Jamie den Mantel dichter um sich zog, schien dieser eine sonderbare Art von Luftpolster um seinen Leib zu legen, es fühlte sich beinahe an als föhne irgendetwas die nackte Haut an Brust und Bauch warm. Oh Red, Du hast aber auch an alles gedacht. Was für eine geniale Rüstung!

Es war gegen Abend, als die ersten Schneeflocken fielen. Der Magus fluchte. Er würde sich heute früher nach einem Unterschlupf umsehen müssen, schließlich konnte er nicht darauf bauen wieder einen hilfreichen Geist zu finden. Und wie lange die Rüstung ihn in einem Schneegestöber schützen würde war unklar. Die dichten Wolken ließen nur noch ein sonderlich kupferfarbenes Licht durch, das einen surrealen Kontrast zu den weissen, langsam herabrieselnden Flocken bildete.

Doch – was war das da hinten……….war das nicht eine Bewegung hinter den Bäumen? Vorsichtig schlich Jamie näher, die Hand fest am magischen Stab.

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Der Weg schien dort an einer Felswand zu enden. Durch zusammengekniffene Augen machte Jamie erneut eine Bewegung aus, zeitgleich schien das Seelenband sich heftig in sein Herz zu bohren und sich dabei zu straffen.

Da saß jemand. Und neben ihm…………..ein schwarzweisses, wuselndes Etwas! Mit Mühe unterdrückte Jamie einen Freudenschrei. Den Wolf auf diese Weise zu erschrecken, könnte fürchterlich nach hinten losgehen……….! Während sein Herz rasend zu pochen begann, und der unterdrückte Schrei schmerzhaft seine Kehle wieder hinab anstatt hinaus wanderte, schaffte Jamie es sich nach außen hin den Anschein von Gelassenheit zu geben. Als sei es das Natürlichste, schlenderte er fast wie ein Spaziergänger auf einer Uferpromenade gemütlich auf die beiden zu.

Der Wolf hockte in seiner menschlichen Gestalt mitten im Schnee und hatte den Kopf gebeugt, offenbar war Jamie noch nicht bemerkt worden. Etwas Dunkeles lag vor ihm und von Jamie’s Standort führten purpurrote Spuren dort hin……….dann erkannte der Magus was vor sich ging. Sigursons Stimme brummte ein „Nu komm schon, Magus. Du musst auch essen“, derweil seine Hand kleine Bröckchen aus einem Kadaver riss und sie dem Welpen hinwarf. Ob es der Kadaver war, der im blütenweissen Schnee so dampfte, oder der Leib des hitzigen Wolfs, das blieb Jamie im dichten Schneegestöber verborgen.
Jamie biss sich auf die Lippen, offenbar war der Garou immer noch der Ansicht, Jamie stecke in dem kleinen Hund. Um so verwunderlicher, dass er ihn so umsorgte!

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„Wolf, bist Du das?“

Sigurson hob den Blick, stutzte als er Jamie erkannte, und starrte dann auf den Welpen, der sich plötzlich wie wild gebärdete und ein lautes Gebell anstimmte. Nun gab es kein Halten mehr. Vorsicht hin, Garou her……….Jamie machte einige lange Schritte auf die Beiden zu  und konnte sich gerade eben noch zürückhalten in den Schnee zu sinken und sich über Isar zu werfen…………
Stattdessen blieb er im Abstand von drei, vier Schritten stehen und sagte ruhig, als sei es nichts Besonderes die Zwei hier anzutreffen: „Ich habe mich Dir nie vorgestellt, mein Mitkämpfer. Ich bin Jamie.“
Der Garou ließ den Kleinen hinunter, der sofort losraste und wild bellend Jamie zu umkreisen begann, dann erhob er sich langsam. Meine Güte, er war imposant, wirklich groß! „Also warst Du doch nicht Mini Me.“

„Nein. Mini Me ist der, den ich in der Höhle retten wollte.“ Er bückte sich und ohne den Wolf aus den Augen zu lassen fummelte er so lange mit der Hand am Boden herum bis er Isar fühlen konnte, kraulte ihn beruhigend und auch gerührt zwischen den Öhrchen. „Oder……mini you…..wie auch immer. Hast du einen Namen?“
Der Mann der ein Wolf ist, beobachtete Jamie eine Weile, während der Welpe sich an Jamies Hand drückte und überschwänglich in dessen Finger zwickte. Schließlich gab der Garou sich sichtlich einen Ruck.
„Mohammed Sigurson. Und da Du hier bist, gehe ich mal davon aus, dass es nicht noch mehr Plagengeister gab.“

Jamie beäugte die Überreste des Wildschweingeist Kadavers, packte den Welpen am Nackenfell, nahm ihn auf den Arm, presste ihn sowas von fest an sich und atmete auf.
„Danke das du meinen Gefährten ernährt und beschützt hast. Ich nehme an, mir den Kopf abreißen hat noch ein Weilchen Zeit? Du weisst schon, dass ich Dir aus dem Umbra raushelfen kann, eh?“
Er küsste Isar zwischen die Ohren auf die Stelle am Schädel, wo Hunde so gut riechen. „Wir hatten sie alle erwischt. FAST!“ dem Satz folgte ein Knurren.

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Sigurson beobachtete recht indifferent, wie der Welpe jeden Teil von Jamie ableckte, den er erreichen konnte und sich dabei vor Glückseligkeit auf eine Weise wandt,  wie es nur Welpen können. Der Wolf blieb eine Weile still, schien zu überlegen.

Der Magus beobachtete derweil  den Mann, die Augenklappe von Red macht dessen Aura noch besser sichtbar als Jamie sie ohne Hilfsmittel hätte sehen können. Sie reichte fast bis zu ihm hin. Das Gefühl Isar an seiner Brust zu bergen ließ ihm die Augen feucht werden, und er hoffte inständig, dass Sigurson das nicht bemerken würde, er blinzelte und brummelte was von „Schneegestöber“.
Sein Gegenüber riss mit bloßen Händen noch etwas Fleisch aus dem dampfenden Kadaver vor sich, biß etwas davon ab. Deutete dann mit dem blutigen Klumpen auf Jamie „Also gut. Du bringst mich hier raus und ich erlege dir den letzten Geist. Den Deal kann ich machen“

Jamie ließ fast den Welpen fallen „Das dürfte ein harter Ritt weden, Sig“………der fremdländische Name ging im schwer über die Zunge, also kürzt er. „Vor allem……….ich habe keine Ahnung ob das eine gute Idee ist. Ich sollte dir dazu was erläutern……“

Nach einigem Hin und Her zogen sich die Männer in die Höhle zurück, deren Öffnung Jamie hinter dem Garou ausgemacht hatte. Dieser schleppte den Kadaver mit hinein, und erkärte sie hätten innerhalb von drei Tagen lediglich einen Kaninchengeist erbeuten können. Sicher. Für einen Mann dieser Größe war das mehr als mager.

Während Jamie ihm berichtete, was nach seinem Fall ins Tiefe Umbra geschehen war, wechselte Sigurson in eine Wolfsgestalt, die Jamie so noch nicht kannte. Kein überdimensionales Kampfmonster! Einfach nur ein sehr schöner, großer, geschmeidiger Wolf. Der nicht sprechen konnte, den Magus aber aufmerksam ansah während er sich wieder über seine Beute hermachte, und die Ohren aufstellte um kein Wort zu verpassen. Hin und wieder schleuderte er „Mini Me“ ein paar zarte Innereien entgegen, doch der schien darüber nicht allzu begeistert. Sich über ihn beugend raunte Jamie leise:

„Gebarft zu werden scheint nicht Deine Lieblingsdiät zu sein…….keine Sorge, wir kriegen das alles irgendwie hin, und Du kannst sicherlich bald wieder Frappucino schlürfen.“

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Schliesslich beendete er seinen Bericht mit den Worten „…..und ich muss gestehen, ich habe keinen Dunst wie man diesen wildgewordenen Dämon aus den Satyrkörper werfen kann. Aber mal was anderes…….gehe ich recht in der Annahme, dass Dir zum Verlassen des Umbra ein Spiegel gute Dienste leisten würde?“
Der Wolf schluckte  und versuchte sich in Körpersprache, die irgendwo zwischen einem Kopfschütteln und einem Schulterzucken daherkam, was völlig unverständlich aussah.
Schließlich gab er auf und verwandelte sich zurück, der Geist war eh zur Hälfte gefressen. „Aus dem Umbra komme ich allein. Aber ich muss zuerst dorthin finden. Das tiefe Umbra hat so viele Pfade und bisher habe ich noch keinen ins nahe Umbra gefunden.“

Ein langer Seufzer entrang sich des Magus‘ Kehle. „Okay, auch ich habe keinen gefunden und bin mit dem Wechseln der Dimensionen leider nicht sehr vertraut.“ Es fiel ihm nicht ganz leicht, so freimütig seine Schwächen zu offenbaren, aber wenn sie nach hause wollten, so mussten sie kooperieren.

Er versuchte Lung Ninurta zu rufen; war sein Geistführer doch immer ein guter Pfadfinder! Aber warum auch immer, es gelang ihm nicht, den Kontakt herzustellen.
Plötzlich erscholl eine laute Stimme, die von den Höhlenwänden zurückgeworfen wurde, und sowohl der Garou als auch Jamie zuckten zusammen. Letzterer allerdings nicht sonderlich nachhaltig, da er schnell Red’s Stimme erkannte. Er war zwar verblüfft, das sich die Stimme physisch im Raum manifestierte, anstatt in seinem Kopf zu erklingen, aber auch die Verblüffung wurde flugs verdrängt. Denn Sigurson griff bereits nach seinem Riesenschwert, dessen silberne Klinge im düsteren Licht der Höhle viel zu hell schimmerte.
„Schhhhh, nur mein Lehrer, keine Gefahr!“
Jamie………..Du hast Dich nicht mit dem Stab befasst, eh?
„Red, erschreck uns doch nicht zu Tode! Nein hab ich nicht. ich hatte zuviel damit zu tun das Versprechen einzulösen und Satyre zu vögeln…….warum?“
Weil der Stab, wenn Du ihn richtig anwendest, genau das Gegenteil des Spaltes durch den der Garou samt Hund hier herein plumpste öffnen wird. Ihr könntet alle drei sofort zur Erde kommen. Aber du musst selbst herausfinden wie das geht……….ich hatte gehofft, du übst damit bevor du losmarschierst! Ein leises Seufzen hallte von den Wänden.
„Fuck, woher weisst Du denn wie Isar herkam?“
Du hast mir berichtet wie der Wolf verschwand, ich habe eins und eins zusammen gezählt. Dann herrschte Stille…

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Sigurson drehte sich langsam um sich selbst. Seine Miene und die gefletschten Zähne machten deutlich, dass er kurz davor war, in Kampfform zu gehen.
„Hey ……..chill mal! War nur mein Lehrmeister …….wieso so laut weiss ich auch nicht, aber keine Gefahr für Dich!“ Sicherheitshalber machte er einige Schritte vom Wolf weg.
„Ich sag‘ dir was wir tun:Wir machen was du vorschlugst und übernachten hier! Morgen werde ich herausfinden, wie der Stab so einen Riss generieren kann. Sobald ich das herausgefunden habe, werden wir sofern mein Lehrer sich nicht verkalkuliert hat, da landen wo wir uns erstmals sahen“

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Gesagt getan. Jamie übernahm auf Anweisung Sigursons die erste Wache, nachdem er für sie beide ein dickes Fell materialisiert hatte, welches die Nacht in der Höhle deutlich komfortabler gestalten würde. Während er an die Felswand gelehnt die beiden Höhleneingänge im Blick behielt, gegen seine Müdigkeit ankämpfte, und immer wieder verliebt den schlafenden Welpen beobachtete, betete Jamie dafür, dass er morgen wirklich herausfinden würde wie dieser Zauber, der sie alle schnell und heil zurückbringen würde, wohl auszulösen war.

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(Und was dem Wolf während seiner Wache so durch den Kopf ging, könnt Ihr HIER lesen.)

 

Kap39: Die Suche nach dem Welpen im Heuhaufen

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Tatsächlich!
Als Jamie erwachte, hockte Shan auf dem Sitzkissen, hatte den Tisch näher zu sich gezogen und verzehrte mit dem gleichen Apetitt wie zuvor den Bagel eine riesige Portion Shawarma, in der Version wo das Fleisch in eine Art Fladenbrotwrap gewickelt ist. Kaum hatte der Satyr registriert, dass Jamie die Augen offen hatte, schon erhob er sich, schlenderte hufklappernd zu dem altersschwachen Herd, öffnete das Backrohr, angelte nach einem Topflappen und fischte den warmgestellten Teller hervor.

Jamie war überrascht, hatte er bisher nie etwas von dieser Speise gehört. Die Zubereitung war wohl sehr ähnlich dem was er als Döner bezeichnete, aber es war eben die arabische Version davon, mit einer deutlich größeren Auswahl an Fleischsorten, einer anderen Würze und anderen Gemüsen. Noch nackt hatte er es sich schmecken lassen, aber kaum war das Mahl verzehrt, gab es kein Halten mehr. Er wusch sich flüchtig am Küchenwaschbecken, sprang in seine Kleidung, schlang einen Arm um Shan während er ihn mit dem anderen freundschaftlich und auch dankbar schulterklopfte, und brummelte „Sei so gut und lasse  -wie nanntest du ihn…….Big O.? – wissen, dass ich nun auf dem Weg bin und seinen Sohn finden werde. Und wenn ich dabei draufgehe. Ich schwor ihm damals auf Isar zu achten. Und ich breche meine Eide nicht.“
Wie pathetisch das klang, war Jamie nicht bewusst.

Dann fiel die Tür mit einem leisen Quietschen hinter ihm zu.
Schon stand er draussen auf dem Platz unter der Eiche und überlegte während seine desinteressierten Augen über die Fassade des Peepshow Hauses glitten, wie er nun am besten vorginge. Es war Abend und eine Menge Passanten begegneten Jamie, aber kaum einer würdigte ihn eines Blickes. Hey, das war New York. Die Leute waren größere Kuriositäten gewohnt als einen gutaussehenden Sunnyboy in einem Fantasy Kostüm……..

Jamie beobachtete die Menschen, und dabei wurde ihm die Funktion der seltsamen Augenklappe klar, die Red ihm als Bestandteil der Rüstung hatte zukommen lassen: Er sah die Auren der Vorbeieilenden in einer extremen Klarheit, viel deutlicher als wenn er sich um die entsprechende geistige Sicht bemüht hätte.
Der Magus verzichtete auf das Auto und schritt zügig in die Richtung in der er die sonderbare Kneipe wähnte, die als Übergang zwischen den Welten bekannt war. Red hatte ihn zwar davor gewarnt, aber er hatte beschlossen, dass dies nun schneller gehen würde als bis nachhause zum Caern zu düsen.

Er fand sie. Und er fand auch das Portal das ihn ins Tiefe Umbra brachte. Dank der Hinweise seines Lehrers, landete er auch tatsächlich punktgenau an der ersten Adresse der drei Möglichen.

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Wie irritierend doch diese Übergänge immer waren………..seine Wahrnehmung verschob sich, sobald er Boden unter den Füßen fühlte. Nichts war wie man es von der Erde gewohnt war, und dennoch so ähnlich. Es war verdammt schwer in Worte zu fassen.
Die Sonne schickte sich gerade an, unterzugehen. Lange Schatten und dräuende Wolken am Horizont, als nahe ein Gewitter. Die Vegetation war dem Ort seines Traumes in der Tat überaus ähnlich. Doch so sehr sich Jamie umschaute (und dabei auch eine Viertelstunde lang herumwanderte), nirgends gab es es dichte Bäume oder eine solch markante Klippe!

Er schien sich schlicht in einer Art felsiger Einöde zu befinden, in der sich buttergelbe Blumen an den Fels klammerten und in der es nicht einmal einen Hauch vom Duft wilden Thymians gab.
Er trat mit einem unterdrückten Seufzen den Rückweg an, um das nächste Ziel anzusteuern. Das gelang diesmal nicht auf Anhieb, er landete erst einmal in einer Art Thronsaal einer mittelalterlich wirkenden Burg. Als einige Wachen auf ihn zustürmten, nahm er den Adrenalinkick gerne an und nutzte dessen Energie für einen möglichst flinken Rückzug.

Der Pub hatte sich geleert. Normalerweise fiel es dort im Gewühl nicht auf, wenn sich jemand materialisierte. Es war ein Ort für den Weltenwechsel. Und einige Türen führten zu den unglaublichsten Sphären. Sollte man eine verfehlen und mitten im Schankraum aufschlagen, ging das meist im Trubel unter. Doch im Augenblick gab es nur eine Person, und da Jamie in der Hektik den Wachen zu entkommen, wohl einen Fehler gemacht hatte, landete er mitten im Raum. Die Person hockte an einem Bistrotisch und grinste.

Verlegen hatte Jamie sich geräuspert, da erklang auch schon ihre Stimme: „Kein Grund verlegen zu sein, Magus.“
Die dunkle, weibliche Stimme verwirrte ihn kurz, hatte er den Gast doch für einen sehr androgynen, zierlichen jungen Mann gehalten. Doch als er genauer hinsah, zeichneten sich unter dem Shirt die Andeutungen zweier Brüste ab, und sie war auch leicht geschminkt. Magus? Woher wusste sie……….? Die Verwirrung schien ihm nun recht deutlich im Gesicht zu stehen.

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Jedenfalls lachte sie dunkel und deutete auf den anderen Stuhl „Hey, komm setz‘ Dich! Und vor allem entspann‘ Dich, ist doch niemand hier ausser mir!“
Jamie machte einen zögerlichen Schritt auf sie zu und grummelte „na das reicht doch schon! Woher weisst Du………kennen wir uns?“
„Noch nicht. Aber schön, Dich gerade kennenzulernen. Ich bin Dee, einer der Besitzer dieses Pubs. Daher weiss ich was der Pub ist und daher kann ich sehen. Also nicht wundern.“
„Nett von Dir aber…… ich bin in Eile……..!“
„Das ist mir nicht entgangen, Du wärest sonst wohl definitiv nicht hier herein geplatzt sondern in einem der geheimen Räume gelandet. Komm, so eilig kann man es gar nicht haben, nimm einen Drink. Geht aufs Haus!“

Jamie trank keinen Alkohol. Schon gar nicht wenn er eine Mission hatte. Und er hatte wenig Lust, sich hier nun aufzuhalten. Andererseits – es könnte unter Umständen hilfreich sein, Kontakt zu einer solchen Person zu haben. Möglicherweise könnte sie ihm beim Reisen assistieren, ihm noch nicht bekannte Tricks verraten oder überhaupt einfach nur ein Fels in der Brandung sich überlappender Welten mit Todesgürteln sein. Ausserdem würde sie wohl eine hervorragende Quelle für Klatsch und Tratsch abgeben. Zögerlich ließ er sich neben ihr nieder. „Ich bin Jamie. Danke, sehr freundlich aber ich habe keinen Durst.“

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Dee schob das Frühstückstablett fort, offenbar hatte sie gerade erst die Schicht angetreten und er war ihr ins Frühstück geplatzt. „Na man muß doch keinen Durst haben, um etwas zu trinken, Genuss ist der Schlüssel, nicht Durst!“

Ein wenig Smalltalk, dann fragte Dee gerade heraus „Du bist wirklich unruhig, Jamie. Was ist denn so wichtig, dass Du solche Eile hast?“
„Ich suche eine Nadel in einem Heuhaufen. Lange Geschichte.“ Eine abwinkende Handbewegung als wolle er andeuten das das nicht soooo wichtig sei. Doch die jungenhafte Wirtin mit den breiten Schultern und überraschend schmalen Hüften, liess nicht locker. Ihr irgendwie athletisch wirkender Körper (Jamie musste kurz an die asiatische Türsteherin des Lethe denken), richtete sich auf. Sie reckte und streckte sich wie jemand der gerade erst wach ist und erhob sich dann „Wenn Du eine Nadel im Heuhaufen suchst, brauchst Du eine Lupe. In welcher Welt befindet sich denn der Heuhaufen?“
„Im tiefen Umbra.“
„Na komm……….ich gebe Dir jetzt ein Bier, das ich lange nicht jedem ausschenken würde. Es wird Dir eine Lupe sein.“
Der Gesichtsausdruck mit dem Jamie sie anstarrte, sprach wohl Bände, jedenfalls brach Dee in ein schallendes Gelächter aus. „Okay, ich gebe zu, wer mich nicht kennt und nicht weiss, was ich tue, MUSS jetzt konsterniert sein. Komm erst mal mit zur Bar, Magus! Wenn weitere Gäste auftauchen die NICHT sehen – dann kann ich dir keine Lupe mehr anbieten!“

Sie hatte es geschafft, Jamie’s Neugierde war geweckt! Also folgte er ihr langsam zur Bar hinüber während er, immer noch etwas verblüfft über ihren Körperbau, jede ihrer Bewegungen beobachtete.

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Auf dem Weg zur Bar klärte sie ihn auf: „Okay, Du musst wissen, ich habe ein Händchen für Kräuter. Wenn ich Dir eine Lupe anbiete, so wird es ein Kräuterbier sein, welches Deinen Blick schärft. Als Verbena betreibe ich einen florierenden Handel mit dergleichen……ach by the way, welchem Paradigma gehörst Du an? Ich bin mir sicher, dass Du kein Technokrat bist, aber ich sehe auch sonst keine Anzeichen Dich einzuordnen.“ Mit diesen Worten hatte sie die Theke erreicht und wandte sich mit einem etwas neugierigen Blick dem Magus voll zu. „Du wirst verstehen das ich weder Technokraten noch Angehörige des Celestischen Chorus bedienen würde……“

Gegen einen Hocker gelehnt murmelte Jamie „Eine Verbena……..hm…….verstehe. Was mich angeht – ich habe mich noch nicht entschieden.“
Die Verbena ließ das Glas fallen das sie sich gerade gegriffen hatte, klirrend ging es auf den alten Holzbohlen zu Bruch, während ihr ein „Shit!“ entfuhr. Beide schwiegen während sie die Scherben aufsammelte. Dann schüttelte sie verblüfft den Kopf.

„Ich habe schon viel Sonderbares gesehen, aber noch keinen Magus ohne Paradigma. Du bist erwacht! Also wirst Du doch irgend einen Lehrer haben?“
„Traditionen werden überbewertet, Dee. Sicher habe ich einen Lehrer. Aber mein Erwachen war nie geplant. Er ist Schamane, er orientiert sich am hawaiianischen Schamanismus. Aber ich lasse mich ungern einsperren, in Formen pressen, festlegen! Natürlich ist mir das Schamanische am nächsten. Aber ich bin zu direkt um zu glauben, dass ich für alles Geister brauche! Ich bin zu selbständig dafür. Wenn ich Dich jetzt mit einem Feuerzauber treffen will, ist es viel zu umständlich dafür erst Feuergeister anzurufen, da verliert man kostbare Zeit! Nein, ich möchte meine Magie sehr gern mit Hilfe der Geister ausüben und sie sind nützlich und praktisch. Zumindest die freundlichen unter ihnen – aber das muss ich einer Magierin nicht erklären. Aber ich hasse es von dem Gutdünken irgendwelcher Geister abhängig zu sein. Und so weigere ich mich bisher erfolgreich, einer Disziplin anzugehören. Ganz nebenbei bemerkt ärgern mich auch die Kämpfe der Traditionen untereinander. Keine, nicht eine dieser Traditionen hat begriffen, dass die Welt nur dann ein besserer Ort werden wird, wenn alle an einem Strang ziehen!“

„Oh heilige Scheisse, ein Idealist und Gutmensch!“ ihre Mundwinkel verzogen sich leicht nach unten, aber dennoch schob sie ihm ein Bier über den Tresen. „Hier, es wird Dir helfen deutlicher zu sehen auf was du fokussiert bist, Jamie.“

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Er schnaubte leicht, griff aber danach.
„Danke Dir!“ Vorsichtig nippte er daran. Ein ungewöhnlicher Geschmack. Einige bekannte Kräuter konnte er identifizieren, (Veilchen und Ingwer waren eindeutig enthalten, Arant ebenso), andere Nuancen waren ihm gänzlich unbekannt. Alkohol schien dieses Bier nicht zu enthalten, und wenn dann in einer äusserst geringen Menge. Über allem lag jedoch der dominante Geschmack von Zucker und Malz.

Dee beobachtete ihn nachdenklich. Sie zündete sich schliesslich eine jointartige Zigarette an, die nach Jamie’s Vermutung wohl irgendetwas Bewusstseinserweiterndes enthielt.

„Warum hilfst Du mir, Dee? Du kennst mich nicht.“
Ein leises Lachen, rund und rollend, und samtig weich. „Naja, erstens begegnet man nicht alle Tage einem paradigmenfreien Einzelgänger. Auch wenn Schamanen natürlich sowieso die sicherlich mit am wenigsten organisierten Magier der Welt sind………..aber das wusste ich ja noch nicht als ich Dir mein Angebot machte. Schau, Mund zu Mund Propaganda ist lebenswichtig. Der Pub läuft gut, aber er kostet auch eine Menge Pacht und Personalkosten, ich könnte davon nicht leben. Ich brauche Kunden. Und wenn ich Dir ein Freebie gebe das Dir gerade dienen kann, und dieses Dich überzeugt, bin ich zuversichtlich, dass Du mich weiterempfehlen wirst.“ Mit einem Zwinkern fügte sie hinzu „ausser an Technokraten und die Katholiken natürlich.“

„Keine Sorge……….!“
„Okay. Ausserdem kann ich fühlen, dass Du ein recht gesundes Verhältnis zur Natur hast, Mage. Und das ist heute selten geworden. Last not least………ich spüre, dass Deine Suche nach der Nadel im Heuhaufen eine Herzenssuche ist. Nicht einfach ein Auftrag oder eine Beschäftigungsstrategie. Das gefällt mir einfach. Ich wünsche Dir Glück!“

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Er hatte erst die Hälfte des Trunkes intus. Dennoch schienen die Backsteine an den Wänden irgendwie schärfere Umrisse zu bekommen. Auf ihrem dunklen Shirt, sah er plötzlich einige winzige Glassplitter glitzern, die wohl beim Bruch des Bierglases dort hin geraten waren, und die er zuvor nicht wahrgenommen hatte. Ein leicht skeptisches „Ich glaube ich fühle die Wirkung bereits………“ entglitt seinen Lippen, die Reaktion darauf war bloss ein Nicken „Solltest Du auch.“

Die zweite Hälfte des Gebräus wurde auf Ex hinuntergekippt, dann knallte das Glas auf den Tresen mit einem dumpfen Geräusch. „Ich danke Dir wirklich sehr, Dee. Ich werde Dich über den Erfolg meiner Suche in Kenntnis setzen!“

Handynummern wurden ausgetauscht. Auch die Art wie Dee sich hinter dem Tresen bewegte, wirkte deutlich männlicher als bei den meisten Frauen. Jamie war fasziniert von ihrer Androgynität. Als habe sie seine Gedanken gelesen, grinste sie ihn breit an. „Frag schon.“
„hä?“
„Na, was Dir auf der Zunge liegt!“
Jamie spielte mit der Zunge am Gaumen „Da liegt nix, ausser dem Geschmack von Malz!“

Ein kerniges Lachen und ein „Take care, Magus! Ich will Dich wiedersehen. Mitsamt Deiner Nadel. Es würde mich nämlich nicht wundern, wenn die zwei Beine hätte.“

Verdammt, diese Wirtin hatte wirklich ein Gespür für Unausgesprochenes. „Vier um genau zu sein………“ wiegelte er ab. Dann deutete er eine Verbeugung an. „Du entschuldigst mich? Ich möchte die Wirkung Deiner Lupe ungern verflogen sehen, bis ich meine Suche wieder aufnehme!“

„Sicher. Nimm den grünen Raum, da wird der Übertritt am einfachsten sein.“ Sie winkte ihm grinsend nach.

Der Übergang war diesmal in der Tat leicht. Jamie brauchte exakt fünf Sekunden um sich sicher zu sein: Diesmal hatte er den richtigen Ort erwischt!

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Die Klippe die einen natürlichen Torbogen bildete, befand sich genau unter seinen Stiefeln. Das ruhig im Sonnenuntergang glitzernde Meer gab kaum ein Rauschen von sich, eine sanfte Brise wehte vom Land in Richtung des Horizonts, an dem Meer und Himmel in einem zart violetten Streifen miteinander verschmolzen. Die Brise brachte den angenehmen Duft von wildem Thymian mit sich. Und sie trug den lauten, wilden, sich fast überschlagenden Freudenschrei von Jamie weit hinaus aufs Meer.

In einer ihn völlig ausfüllenden Dankbarkeit, breitete Jamie die Arme gen Himmel und dankte den Geistern für den Treffer, verbeugte sich dann in alle vier Himmelsrichtungen um diesen Dank auch rituell deutlich zu machen. der-fund-17_001

Ich bin fast da, Isar! Halt durch! Und wenn ihr auch nur einen verdammten, kleinen, einzelnen Abdruck hinterlassen habt, so finde ich euch! 

Der Sand unter seinen Stiefeln knirschte unwirklich laut, als Jamie begann, die grob aus dem Felsen geschlagene Treppe hinab zu stapfen.

Kap38: Fortsetzung

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((sorry liebe Leser, entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten herrscht in diesem Beitrag absoluter Bildermangel. Irgendwie hab ich irgendwas by accident gelöscht…..na damit leben wir jetzt!))

„…. aber wie man das Vieh heraus bekommt, weiss noch keiner!“

Jamie bewegte den Kopf langsam hin und her. Ja, vermutlich konnte man diesem Satyr vertrauen. Doch eine letzte Probe verlangte der Verstand. „Nenn‘ mir einen einzigen plausiblen Grund, warum ich Dir vertrauen sollte!“
„Weil ich aus der Zukunft komme, Marty?“
Der Magus musste wider Willen lachen. Der Unterschied zwischen einem erdgeborenen Satyr und einem der wie Isar als umbrageborener eine Ausnahme war, wurde hier sehr deutlich. „Okay, beantworte mir noch eine einzige Frage!“
Ein freundliches Nicken war die Reaktion, einhergehend damit das er sich den Rest seines Bagels in den Mund stopfte.
„Hat Oberon ihn……….in seine jetzige Hülle gepackt?“ Auf das Wort Welpe verzichtete er ganz bewusst.

Noch kauend schüttelte der Satyr erst einmal den Kopf, schluckte grinsend und als er wieder deutlich sprechen konnte, sprach er ruhig „Nein, er hat keine Ahnung wo er gelandet ist. Klar ist, dass das Vieh ihn rausgeschmissen hat. Big O. meint, dass es wahrscheinlich sein Seelentier sein wird und wir also nun auf der Suche nach ’nem Zwergdackel sind.“

Jamie lupfte eine Braue. „Zwerdackel eh? Aha.“ Dann liess er den jungen Faun los, streckte sich, legte den Kampfstab ab (allerdings griffbereit halb hinter sich auf den Boden), „Und – was hält Ketsuro auf? Oder Nguyen, wie auch immer die Gute heissen mag……. ich habe nämlich durchaus Hinweise wo ich Wings of Ether finden könnte. Aber ich muss ein Versprechen einlösen, bevor ich loslegen kann. Und dazu brauche ich die Kleine!“
„Keine Ahnung, Mann! Ich bin ja auch gerade erst angekommen, wie Du ja gemerkt hast!“.

Nickend spähte Jamie aus dem Fenster, doch von der Asiatin war nichts zu sehen. Er wurde unruhig. Er war nicht der Typ, der Versprechen brach. Aber je mehr Zeit verging, desto wahrscheinlicher verlor sich die Spur des Wolfs mitsamt dem Welpen! Es war immer noch nicht erwiesen, dass er nicht träumte, und im Traum verging Zeit anders. Allerdings mehrten sich die Hinweise dafür, das dies real und er wach war. Auch wenn er sich immer noch nicht erklären konnte, wie er auf einmal in die völlig andere Kleidung geraten war, und wo der dicke Zauberstab her kam. Im gleichen Moment, fühlte er Red’s Versuch telepathischen Kontakt aufzunehmen. Für einen kurzen Augenblick schloss er die Augen und knüpfte seinerseits die Verbindung zu Red.

passt es? — passt was, Red? — Der Mantel und die Rüstung, die ich Dir gesandt habe…– Du hättest es mir vorher kund tun können, ich bin völlig desorientiert, vor allem weil ich hier mit einem Fey hocke, der behauptet er sei der Cousin von Isar. — Verstehe. Hast du schon…..? — Nein, scheinbar bin ich versetzt worden……Red, nix für ungut aber ich kann jetzt nicht lange mit dir reden, ich mag das nicht nach aussen tragen. Aber wenn ich ihn noch länger anschweige, fällt es auf. Danke für die Rüstung!……– Schon gut Jamie. Pass auf dich auf!

Der Satyr schien von seiner telepathischen Unterhaltung nichts bemerkt zu haben. „Wie soll ich Dich nennen, Mann?“
„Deinen Namen kenn‘ ich. Ich bin Shan. Oder – wenn man’s pompös will – Forest Fire.“
„Die geheimen Namen sollten wir schonen, Shan!“, ein zögerliches Grinsen, als ihm eine Idee durch den Kopf schoss, „also, wenn Ketsuro nicht auftaucht, dann ist es eventuell ein Glücksfall, dass Du nach NY durftest. Du bist n Satyr – da dürfte es Dir nicht schwer fallen, ihren Platz einzunehmen……“ Jamie streifte sich die Handschuhe ab, sein Vertrauen zu Shan war nun ganz und gar hergestellt.

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„Hey, ich habe keine Ahnung was die Lady von Dir wollte. Aber so lange es kein Ausdruckstanz oder das Programmieren Deines Festplattenrecorders ist, kann ich damit klar kommen!“
Der Magus grinste ihn schräg von der Seite an und brummelte: „Ganz einfach: Ich habe einen Hamster im Hirn. Der rennt dort Tag und Nacht in einem Hamsterrad herum, was mich ziemlich irre und nervös macht, mh? Bevor ich mich auf Zwergdackelsuche begeben kann, muss ich den Nager aus meinem Schädel kriegen! Und das geht am besten mittels eines ‚Hören und Sehen vergehen Ficks‘, DAS ist, was ich von Ketsuro wollte.“

Shan imitierte sehr gekonnt das Latino-oh-no-no mitsamt Kopfbewegung und wackelndem Zeigefinger. „Nun sag nicht, Du gehst davon aus, nur weil ich ein Satyr bin, wäre ich promisk! Das wäre ganz schön rassistisch!“ Was auch immer dieser Fey war, er war offenbar sehr mit der offended-culture dieser Zeit vertraut!
Jamie erlag erst einmal einem Lachflash. Dann ließ ihn die ihm eigene Diplomatie (man kann über alles reden, Wolf!) samft mit dem Zeigefinger über das Gurtzeug von Shan fahren, wobei er raunte „Würde ich nur promiskuitive Subjekte poppen, wäre ich chronisch overworked und dafür doppelchronisch underfucked. Die Frage ist nicht, für was ich Dich halte, oder ob ich ein Moralapostel bin. Die frage ist ob Du mir helfen willst, Wings zu finden, indem Du mir hilfst mein Versprechen einzuhalten das ich gab. Ich versprach, nicht loszugehen bevor ich mich mit einem guten Fick geerdet hätte.“

„Dein Glück. Natürlich bin ich promisk. Ich bin ein verdammter Satyr, Mann. Das ist unser USP.“
Erneut wurde Jamie von einem heftigen Lachanfall geschüttelt, knuffte den Satyr freundschaftlich gegen die Brust und wieherte „Leg das Schwer ab, Shan! Und den Handschuh mit den Dornen! Mir ist heut‘ nicht nach Schmerzen…………“, dann erhob er sich, legte gelassen seine Kleidung ab und plumpste nackt aufs Sofa. „Es scheint nichtmal Vorhänge zu geben. Falls da draußen jemand glaubt, uns zugucken zu müssen werden wir Eintritt verlangen. D’accord, Du Muster an unverholener Promiskuität?“

„Es wird niemand kommen. Und wenn, wird er uns nicht sehen. Ich bin gut in dem was ich tue. Oder was möchtest du, das jemand von aussen sehen kann? Kämpfende Raptoren? Benedict Cumberbatch unter der Dusche? Diese Tante die Black Widow spielt mit diesem Typen aus Thor?“
„Soll mir recht sein, wenn Du uns verbergen kannst! Wäre mir aber auch völlig wumpe, wenn es jemand sähe. Mein innerer Exhi hätte lediglich ein Freudenfest. Wie das allerdings käme wenn jemand einen Satyr sieht, ist eine ganz andere Frage!“, er lachte dunkel und beäugte den jungen Satyr. „…da dachte ich ich krieg heute n Schlitz…….. und dann sowas!“…..doch sein Tonfall klang nicht im Mindesten bedauernd, er streckte einfach nur einladend die Hand nach Shan aus. „Komm her! Du wirst mich auf Touren bringen müssen, denn dieser Hamster im Hirn lenkt mich arg ab. Noch………!“

Shan runzelte leicht die Brauen. „Alter, auch noch Wünsche äußern? Ich hätte auch lieber Rihanna…….singst Du wenigstens?“ Mit klackenden Hufen und einem Grinsen schlenderte er mit diesen Worten zur Couch um sich neben Jamie niederzulassen.

Im gleichen Moment indem er sich auf die Sofakante setzt und Jamie in die Augen sieht, hörte man ein Klackern am Schloss, dann wurde ein Schlüssel gedreht, und Ketsuro huschte in den Raum. Jamie verdrehte leicht die Augen. Sie hatte sich umgezogen. Ein Jogginganzug. Hufe. Hörner. Er hätte es wissen können. Der Magus war über den Punkt hinweg an dem man sich immer und immer wieder verblüffen kann. Sie warf ein „Guten Abend, Jungs!“ in den Raum, nicht im mindesten verblüfft, Shan hier zu sehen. „Mann bin ich platt!“. Mit diesen Worten liess sie sich auf das Sitzkissen fallen und strahlte die beiden an.

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Es dauerte nicht lange, bis sie realisierte, dass Jamie offenbar ‚Ersatz‘ für sie in Shan gefunden hatte, und ein fröhliches Geplänkel wurde gestartet. Ketsuro schlug vor die beiden alleine zu lassen, wolle aber dann für das entgangene Geld eine Mietaufwandsentschädigung haben. Shan wiegelte ab und brummte Jamie habe ja doch eh viel lieber nach einem Schlitz verlangt. Die Worte flogen hin und her, und irgendwann erhob sich das Mädchen (von dem Jamie nun immer noch nicht wusste ob sie Japanerin oder Vietnamesin war, Ketsuro oder Nguyen hiess), und liess die Hüllen fallen, worauf hin Shan feststellte das er mit seinem aus grobem Stoff gefertigten thongartigen Slip absolut overdressed sei.

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Während Ketsuro hinter ihn kniete und ihm die Thongbändel aufschnürte, begann Shan’s Hand den Hamstermagus langsam zu kosen. Eins ergab das nächste. Und knappe zwei Stunden später war Jamie so entspannt wie man es nur nach einem fröhlichen Dreier mit zwei Feys sein kann…………(nicht das er je zuvor einen erlebt hätte, aber Satyre haben nun einmal wirklich mächtig was zu bieten, in Liebesdingen.)

Beide Feys waren nach dem ausgedehnten Spiel nicht müde sondern eher erfrischt, so wie Jamie das auch von Isar kannte. Während Ketsuro sich, wie sie sagte, „nach unten“ zu einer Freundin begab, lungerte Jamie nur noch halbwach mit Shan auf der Couch. Und so sehr Shan ein völlig anderer Typ als Isar war – etwas schienen sie zu teilen: Eine gewisse Fürsorglichkeit im Bezug auf die Versorgung mit Nahrungsmitteln.

„Ich werde zwei große Teller Shawarma besorgen, damit Du Dich nach dem Aufwachen stärken kannst!“

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(Quelle: Wikipedia)

Jamie hatte ihm leicht gerührt den Kopf gewuschelt und sich dann müde und matt auf dem Sofa zusammengerollt.  Was Shawarma war, wusste er nicht, aber es würde sicherlich schmecken, er war ja nicht sehr wählerisch. Und eine Überraschung zum Frühstück schadete bestimmt nicht!

Sobald er geschlafen hatte, würde ihn nichts mehr davon abhalten Isar suchen zu gehen.

Auch wenn er nicht die geringste Ahnung hatte, wie man den Wyrm aus Isar’s eigentlichem Leib vertreiben sollte. Im Notfall würde er für immer und alle Zeiten einen Hund haben. Aber darüber dachte er lieber jetzt nicht nach – der Hamster schlief gerade so fein!

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Kap38: Nichts ist wie es scheint! (oder: Realitätsteilmengenlehre)

 

((Achtung, auch dieses Kapitel ist nicht workplace safe……ab 18! Ihr seid gewarnt.))

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Red hatte leicht reden!
Zieh Dich an, fahr in die Stadt, such Dir was Hübsches und fick‘ Dir das Hirn raus! Dann mach ein Schläfchen. Und wenn Du DANN wieder wach wirst, kannst Du loslegen. Aber nimm Lung mit! Sicher ist sicher.
Das ist mein Ernst, Junge! Und wenn es ne Hure wäre, aber such Dir was zum Vögeln………es wird Deinen Hormonhaushalt reparieren und Dich erden!

Ja okay! Seit Isar am Hofe seines Vaters war, hatte Jamie ziemlich abstinent gelebt. Er wusste, dass Isar keine Treue brauchte und schon gar nicht verlangte. Beide hatten diesbezüglich ein recht ähnliches Weltbild: Menschen waren locker fähig mehr als einen Menschen aufrichtig zu lieben. Und Sex hing nicht von Liebe ab. Er war mit Liebe deutlich anders, besser, intensiver, aber auch eine Nummer ohne Liebe war etwas das man durchaus genießen konnte.

Es hatte ihm aber schlicht nach nichts gelüstet. Und der Haufen Sorgen, der wie ein unbearbeiteter Stapel Akten auf seinem Hirnschreibtisch lag, war alles andere als ein Aphrodisiakum!

Doch Jamie verstand, warum Red ihm dieses Versprechen abgenommen hatte. Sex war tatsächlich sehr dazu geeignet einen zu erden. Ihn wieder mit festen Beinen auf dem Boden stehen zu lassen. Oder wie die Eso Tanten sagten: Seine Mitte zu finden, sich auszubalancieren. Wenn der Kopf in den Wolken war, brauchten die Füße tiefe Wurzeln, sonst flog man einfach davon! Und bei einer ohne Zweifel gefährlichen Mission (wie den Wolf zu suchen und Isar zu finden), wäre es mehr als suboptimal keinen festen Stand zu haben.

Aber er hatte auch Hunger. Während er vom Parkplatz weg schlenderte, fiel ihm ein Diner auf. Ihm war nicht nach Huren zumute, auch wenn er die Damen des horizontalen Gewerbes durchaus mochte – aber heute lockte ihn eher ein ordentliches Junkfood bestehend aus einem doppelten Cheeseburger, Chicken Nuggets mit süß-saurer Sauce und Potatoe Wedges. Vielleicht waren ja einige notgeile Mädels in dem Diner, dann könnte er seinen Hunger stillen und gleichzeitig mit einer anbandeln.

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Doch das Diner war leer bis auf die junge Asiatin, die hinter der Theke stand. Jamie orderte sein Mittagsmahl, und während er genüßlich aß, begann er ein wenig mit ihr zu flirten. Auch wenn es vermutlich nichts bringen würde, schließlich war sie ja hier nicht abkömmlich. Sie stellte sich ihm als „Ketsuro“ vor, und natürlich bot es sich an, sie zu fragen ob der Name eine Bedeutung habe.

„Ja, hat er leider……ich weiss nicht was meinen Eltern im Kopf herum ging als ich auf die Welt kam………Ketsuro wäre in Deiner Sprache n Tautropfen………“
Er musste lächeln und gab zu bedenken „Möglicherweise hat Dein Vater, als er Dich zum ersten Mal erblickte feuchte Augen bekommen – und Deine Mutter wollte ihn nicht blamieren und sagte „Hey, da sind Tautropfen auf Deinen Wangen“ oder sowas!“

Sie lachten, flirteten und redeten eine Weile, und schließlich fragte er sie frei heraus ob sie ihm helfen wolle seinen Kopf frei zu bekommen. Erstaunlicherweise begann sie zu lachen „Ich brauche ein neues Handy, Jamie! Was springt für mich dabei raus?“ Er war verblüfft. Offenbar war sie eine Art „Hobbyprostituierte“, die sich durchaus für ein Vergnügen gern mal entlohnen ließ, auch wenn sie sich nicht offen auf der Straße anbot.

Und sie gefiel ihm ausgesprochen gut. Er hatte einen Narren an den Mandelaugen gefressen, und nicht nur an denen.

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„Hier, nimm den Schlüssel. Wenn du zweimal links um die Ecke biegst, die grüne Tür. Ich werde in einer Viertelstunde abgelöst, komm dann nach.
Nicht wundern, ich hab nur ein einziges Zimmerchen, mehr kann ich mir nicht leisten, ich wohne ganz gut dort. Ist gegenüber von den Peep Shows……Hab keine Gardinen. Aber ne kleine Spendenkasse in den Blumenkästen vor  meinem Fenster. Manchmal kommen geile, alte Männer und trauen sich nicht in die Peep Show Läden. Vermutlich haben sie Angst ein Bekannter könne sie beobachten…………
Wenn ich sehe das einer von denen immer wieder um die Türe dort schleicht ohne reinzugehen, hock‘ ich mich hin und mach’s mir selber……und dann fangen sie an zu gucken.
Heimlich übern Kragen, so um die Ecke, weisste? Ich tu als wäre ich völlig versunken. Als sähe ich sie gar nicht. Und sie spielen Taschenbilliard vor meinem Fenster. Ganz selten starrt auch mal einer offen herein oder klettert sogar in den Blumenkasten und legt die Hände an meine Scheibe. Und bevor sie gehen, werfen die meisten was in meine Spendenbox.
Wenn ich schlafen gehe, klappe ich ’nen Paravent aus und stelle ihn neben’s Sofa, damit mir niemand beim Schlafen zuschauen kann.
Aber Du müsstest damit leben, dass uns die Menschheit beim Poppen zusieht; ist das ein Nogo für Dich?“

Jamie zuckte kopfschüttelnd die Schultern.
„Okay, dann geh vor und mach es Dir schonmal bequem, Schöner. Und falls Du vorher noch mal musst…..das Klo ist ne halbe Etage tiefer. Achja und….wenn Du keine hast, zieh‘ Gummis gegenüber am Peepshow Haus! Bei mir geht nur safe! Bis gleich!“

Meine Güte, was für ’ne Marke! Während Jamie die grüne Tür suchte, begann er sich vorzustellen wie sie wohl ohne das knappe Bustier aussähe……..es war ja in der Tat recht gut gefüllt.

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Mit jeder Menge Kopfkino sperrte er dann auf, betrat den winzigen Raum der eine sonderbare Mischung aus Wohnraum und Küche war. Auf dem Herd brodelte ein Topf mit Suppe vor sich hin, offenbar hatte sie wegen der Nähe zum Diner die Möglichkeit öfter einmal hier herein zu springen und nach dem Rechten zu sehen………

Über dem Sofa hingen etliche pornographische Collagen, jede Menge mehr oder weniger beeindruckender Geschlechtsteile auf dem Silbertablett. Jamie verspürte das berühmte Ziehen in den Lenden. Er betrachtete die Bilder ausgiebig und sie ließen ihn nicht kalt.

Er ließ sich auf dem Sofa nieder und schloss die Augen. Womöglich hatte er zuviel gegessen, jedenfalls war er träger als ein Faultier. Sein Kopfkino aber lief auf Hochtouren, er brachte sich damit in Stimmung sich vorzustellen, was er alles mit ihr anstellen würde.

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Dann fiel ihm ein das sie gesagt hatte, wegen der fehlenden Gardinen wäre ihr Zimmerchen sozusagen ein öffentliches Etwas. Der Gedanke, das ihnen jemand von der Straße zuschauen könnte, erregte Jamie über die Maßen, und sein Kopfkino wurde noch wilder, während sein Schwanz ganz eindeutig Platzangst in seiner Hose entwickelte. Was für ein geiler Gedanke, der ganzen Welt die eigene Potenz vorzuführen!

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Und plötzlich……PLOPP!

Ein PLOPP der besonderen Art!

War er eingeschlafen? Träumte er? Oder war das Geräusch real? dieses „Plopp“ mit dem Isar damals vor ihm in seinem New Yorker Loft gelandet war, würde er niemals vergessen. Jamie fühlte eine Art Ruck, das Sofa schien zu beben. Das Kopfkino über Ketsuro und den androgynen Zaungast verblasste, und er öffnete erschreckt die Augen.

Es war unwirklich. Es konnte nicht sein. Sein Verstand versuchte ergebnislos, die Eindrücke zu sortieren und mit dem was er für Realität hielt, zu synchronisieren.

Damals, bevor er als Magus ‚erwacht‘ war, als er einfach ein Tänzer war, der in seiner Freizeit ein wenig irdischen Schamanismus praktizierte um damit die eigene, spirituelle Entwicklung ein wenig voran zu treiben – damals hatte er IMMER gewusst was real war und was nicht! Ohne jeden Zweifel. Ganz klar und eindeutig.

Seit seinem Erwachen jedoch gab es immer wieder diese Momente, wo er sich nicht klar darüber werden konnte ob er nun eigentlich wachte oder träumte. Die Ebenen von Traum und Wirklichkeit schienen sich zu vermischen, sich in einander zu schieben und eine Teilmenge zu generieren, die sowohl Traum als auch Realtiät war. Eine Kongruenz, die sein Verstand nicht anerkennen konnte, die aber offenbar existierte.

Ja es war das gleiche Plopp wie damals als Isar in sein Leben plumpste. Aber es war ein anderer Satyr!

Der Jungmagus starrte entgeistert den kupferfarbenen Körper mit der goldenen Bemalung an, der vor ihm in dem kleinen Raum stand und genüsslich an einem Bagel kaute, während er mit der anderen Hand auf einem Smartphone herumwischte.
Dann fühlte er etwas Hartes…..nein nicht in seinem Schritt sondern im Rücken ……und realisierte, dass er einen sehr massiven, magischen Stab trug. Überhaupt, seine Kleidung war völlig anders….ihm selbst unbekannt und auch das Sofa hatte sich gewandelt. Alles war fast so wie zuvor, bevor das Plopp ertönte. Aber eben nur FAST. Trotz seiner Verwirrung reagierte Jamie blitzschnell!

Mit einem Satz stürzte er sich auf den Satyr, zwang ihn in die Knie, ging mit ihm zu Boden wo er ihn an den Oberarmen gepackt, gegen ein Sitzkissen drückte und mit einem Bein zusätzlich fixierte. Freund oder Feind? Real oder nicht? Jamie wusste gar nichts mehr. Einmal mehr. Gar nichts mehr. „Was ist mir denn da ins Netz gegangen, hä?“
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Der überraschte Satyr, oder Faun, (oder was auch immer……..), brachte seinen Bagel in Sicherheit indem er ihn mit dem ausgestreckten Arm von Jamie weg hielt, und ließ das Smartphone nachdem er ‚Senden‘ gedrückt hatte,  tatsächlich verschwinden. Nein, er steckte es nicht ein oder so, es entmaterialisierte sich einfach. Ein Traum. Es musste ein Traum sein.

Musste es?

Die Stimme war jung aber wohlklingend. „Whoa, das kommt davon wenn man nicht zuhört, ne?“

Jamie war genervt. „Lieber Chefdesigner im Himmel! Was habe ich Dir eigentlich getan, dass Du mir ständig irgendwelche Gehörnten vor die Füße schmeißt, hm? Da denke ich, die kleine Asiatin aus dem Diner kommt jetzt zu mir, jedenfalls gab sie mir ja den Schlüssel für dieses höchst merkwürdige Appartement. Und kaum bin ich drin, und gönne mir ein paar heisse Fantasien, wirfst Du schon wieder mit Satyrn?“

Sonderbarerweise blieb der Satyr gelassen, zupfte schneikisch seinen Bagel auseinander und ließ verlauten: „Hey, ich wäre schon früher hier angekommen – aber wenn er mich schon einmal wieder nach NY lässt, muss ich auf jeden Fall zu Goldman’s Deli!“
Man gewöhnte sich allmählich an die sonderbarsten Erlebnisse. Jamie hörte auf, seine Wahrnehmung zu hinterfragen.
„DICH habe ich nicht mit Chefdesigner im Himmel gemeint! Und ’ne kleine Asiatin biste auch nicht! Also mit wem hab‘ ich die Ehre? Nur für den Fall, dass die Information noch an Deinem Bagel vorbei passt…!“
„Immer mit der Ruhe, Brauner! Und werd‘ nicht rassistisch, ey! Das heißt in ihrem Fall – ich hab sie gesehen – Vietnamesin. Und in meinem…..zum Teil Phillipino. Aber was red‘ ich an einen Cracker hin! Obwohl Du ein bisschen nach latin-x aussiehst. Ach, egal! Der König schickt mich.“ Er fuchtelte wild mit dem Bagel, was wohl ein dramatisches Arme Ausbreiten ersetzen sollte, das wegen Jamie’s unbarmherzigem Griff nicht möglich war. „Ja! Ich weiss … alles!“

Des Jungmagus‘ Augen wandelten sich zu schmalen Schlitzen. Sich an eine Lektion von Red und ein Gespräch mit Isar erinnernd, ließ er eine Mischung aus düsterem Lachen und Knurren hören.
„Deiner Arroganz gemäß meinst Du damit nicht Oberon……Du bist Sidhe, hm?“
Während er sprach, bemerkte er das lange, elegante Katana auf dem Rücken des Gehörnten.
„Einer von denen, wegen deren Umtrieben Oberon’s Hof ein wenig…….spannender ist als gewöhnlich? Und dann behauptest Du, Oberon schicke Dich? Und was das Mädchen angeht, sie ist keine Vietnamesin. Jedenfalls nicht ihrem Namen nach, der ist eindeutig Japanisch. Also verarsch‘ mich nicht sondern komm, lass mal raus, die Info! Und entspann‘ Deinen Bagelarm, Junge! Ich habe bereits im Diner gespeist!“

Es war wirklich unglaublich, wie ruhig der so Angesprochene blieb. „Nguyen ist so vietnamesich wie’s nur geht. Aber ist ja nicht mein Bier!“
Er nahm genüsslich einen Bissen von seinem Bagel.
„Mann, für die Dinger allein lohnt sich ein Besuch in NY schon…..dann noch so ein Pastrami Sandwich und eine Pizza……..“ Ein Räuspern.  „Nein, seh ich aus wie’n Sidhe? Himmel, nee! Ich komm‘ von Oberon. Du hast ja Deinen Kumpel hingeschickt. Weil mein verpeilter Cousin gerade seinen Körper Amok laufen lässt.“
Eine großzügig abwinkende Geste, gepaart mit einem strahlenden und recht sorglosen Lächeln. „Kriegt man auich wieder eingefangen.“

Langsam lockerte Jamie den Griff um die Oberarme des Fauns, er schien ja deutlich mehr an seinem Essen interessiert, als daran Jamie zu bedrohen. Seine unbekümmerte Rede in dieser Art Jungendgang-Jargon entlockte dem Jungmagus beinahe schon wieder ein Grinsen.
„Also bist Du ein Cousin von Isar, und Oberon hat Dich tatsächlich zu mir geschickt? Fuck, der hätte doch auch einfach Lung mir was ausrichten lassen können!“

„Easy, Mann! Er lässt den Drachen nach was schauen. Keine Ahnung. Und weil ich eh schon ewig danach genölt habe, mal wieder herkommen zu können, habe ich eben die Ehre dieses Shithole besuchen zu dürfen.“ Wieder ein strahlendes Lächeln. „Also, da die Kämpfe praktisch entschieden sind – der König hat Vermutungen, dass der ganze Scheiss ebenfalls von diesem Wyrm Geist angezettelt wurden – hat man nun mehr Kapazitäten Wings zu suchen. Aber wie man das Vieh aus dem seinem Body rausbekommt, weiss noch keiner.“

Er kannte den geheimen Seelennamen von Isar. Er wusste was geschehen war. Jamie begann ihm zu trauen.

((Fortsetzung folgt))

 

Kap37: Parsley, Sage, Rosemary and Thyme…..

Er wehrte sich. Wollte nicht aufwachen! Vielleicht würden die beiden ja doch irgendwann fähig ihn wahrzunehmen, zu sehen, oder zumindest zu hören!

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Natürlich half es nichts. Die Realität zog ihn mit Macht ins Bewusstsein. In sein Bett. Auf das durchgeschwitzte Kissen. Zuerst stöhnte Jamie leise, kniff fest die Augen zu als könne es auf diese Weise gelingen, wieder in diese Rosmarin- und Thymianduft geschwängerte Landschaft zu gelangen. Stück für Stück erwachte sein Verstand, und schließlich öffnete er dann doch die Augen. Streckte sich. Und murmelte „Gott, lass es ein Wahrtraum sein, ich will daran glauben.“
Die Möglichkeit, dass am Ende gar der Wunsch der Vater des Gedanken – ähm Traums- gewesen war, schob der Jungmagus rigoros zur Seite.

Mit einem unwilligen Grunzen strampelte er seine feuchtgeschwitzte Decke vom Leib, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und ging den Traum noch einmal in allen Einzelheiten durch. Das Morgenrot tauchte das Zimmer, das geduldig auf die Ankunft seines Gefährten wartete, in ein fast magentafarbenes Licht.

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Während sich tausend Fragen in seinem Kopf materialisierten, glitten seine Augen über das Kunstwerk von Zachary. Dieser Duft von wildem Thymian schien im Raum zu hängen, er ließ ihn auch nicht los während der Traum langsam zu verblassen schien.
Damals, mit Dreizehn, als er versuchte seiner Gitarre die ersten Akkorde zu entlocken, hatte er lange darüber nachgedacht welche Version von Scarborough Fair die für ihn stimmigste war. Simon & Garfunkel hatten nicht umsonst so viel Erfolg mit dem Traditional gehabt……..leise begann er zu singen während sein Herz einen kleinen Luftsprung machte…

Are you going to Scarborough Fair? Parsley, sage, rosemary and thyme……..remember me to one who lives there………he once was a true love of mine………

Er würde kämpfen. Auch wenn sein Verstand ihm erklärte das es möglicherweise nur Wunschdenken war – sein Herz sagte etwas völlig anderes. Warum war er, wenn Isar’s Seele sich in die Welpenform hatte retten können, nicht fähig das Seelenband zu spüren? Hing das damit zusammen, dass Oberon Isar meist schlafen ließ, wenn er seinen Sprössling in den Welpen band?

Then he’ll be a true love of mine……. (sleeps unaware of the clarion call)………

Aber als der Wolf ihn gefragt hatte ob er, Jamie, in der Welpenform steckte, hatte Isar sehr wach gebellt und herumgezappelt. Schlaf konnte nicht die Antwort sein! Dieser Wolf…….verdammt gutaussehend in seiner Menschengestalt…….. Jamie es ist ein GAROU! …..Ich weiss, mein Prinz, ich weiss………..

Jamie’s Finger schienen die Akkorde zu greifen, seine rechte Hand zupfte die nicht vorhandenen Saiten.

Tell him to find me an acre of land, parsley, sage, rosemay and thyme……….between the salt water and the sea strands…………(a soldier cleans and polishes a gun)……….

Er würde dieses Land finden. Red! Er musste Red anrufen. Wenn jemand wissen konnte wo der Thymian wuchs, dann er. Und sollte er kämpfen müssen um dorthin zu gelangen, sei’s drum! Schlimmer als der gestrige Tag konnte es nicht mehr werden! Oder?

Tell him to reap it with a sickle of leather……………..(war bellows blazing in scarlet battalions), parsley, sage, rosemary and thyme…….(Generals order their soldiers to kill)……….

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Die Zeitschaltuhr hatte gut funktioniert, durch die Ritze unter der Tür drang der Duft von frischem Kaffee zu Jamie herein. Er kam auf die Beine, folgte dem verführerischen Geruch und während er nachdenklich an der ersten Tasse nippte, kramte er nach seinem Handy. Red’s Nummer wählen. Lauthören. Jaja, der Schamane würde noch schlafen. Nacht in Hawaii. Wurst! Jamie zog die Halskette über, die ihn zumindest emotional mit seinem Prinzen verband. Mitten in das Klirren der Perlen hinein meldete sich sein Lehrer……..nein, diesmal nicht seine junge Erfüllungsgehilfin.

„hmpfffffffff weisst Du wieviel Uhr es ist?“
„Weisst Du das ich Dich nie ohne Grund wecken würde?“

Ein Rascheln, ein leises Poltern als habe Red versehentlich den Wecker vom Nachtisch gefegt. „Rede!“
Jamie berichtete ihm was vorgefallen war, und oh Wunder, er schaffte es tatsächlich sich auf die Fakten zu beschränken und sich kurz zu fassen. Schweigen am anderen Ende der Leitung, als er seinen Bericht beendet hatte. „Red, bist Du noch da?“
„Heiliges Kanonenrohr, was für eine verdammte Kacke!“
„Yeah………….hör zu, ich hatte einen Traum…………“, und weiter ging der Bericht. „……….und ich habe keine Ahnung was das für ein Ort sein könnte. Auch nicht in welcher Dimension oder Sphäre er sich befindet. Hast Du irgend eine Idee, Red?“

Wieder herrschte ein paar Sekunden nachdenkliches Schweigen in Hawaii. „Mir fallen spontan drei Orte ein. Ich gehe davon aus, dass es im tiefen Umbra ist, Jamie. Dieser helle, lichtvolle Spalt spricht deutlich dafür. Gib mir eine halbe Stunde Zeit um etwas nachzulesen, ich melde mich sobald ich Dir Genaueres sagen kann!“
„Okay. Ich geh derweil duschen!“

Ungeduld. Am liebsten wäre er sofort durchgestartet. Statt dessen verfügte er sich erst einmal ins Bad……..erleichterte sich, und dann drehte er, der eigentlich nicht unbedingt ein „Warmduscher“ war, das heisse Wasser auf bis zum Anschlag.

 

Nachdem er sich eingeseift hatte, -duftete die Seife heute wirklich nach Rosmarin?? – stand er eine ganze Weile still unter der Dusche und hing seinen Gedanken nach während das Wasser ihm kitzelnd den Körper hinab rann und mehr und mehr Dampf sich wie Nebel im Bad breit machte. Nebel……….es gab so vieles, das unklar war!

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Was, wenn Red den Ort nach seinen Schilderungen wirklich identifizert hätte und ihm sagen würde wie er dorthin gelangte? Würden der Wolf und Isar noch dort sein? Vermutlich wären sie längst weitergewandert! Es hatte ausgesehen als sei der Wolf seinem Prinzen halbwegs gewogen! Aber könnte sich das nicht auch binnen Kürze ändern? Was wusste Jamie schon über Werwölfe? Selbst wenn er die beiden anträfe……….was würde er denn ausrichten können?  Jamie stellte das Wasser ab und liess sich mit einem leisen Klatschen schwer auf die Duschbank fallen, kratzte sich genervt am Kopf in dem sich alles zu drehen schien.

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Der Wyrm war nicht besiegt. Niemand wusste wo er steckte. Selbst wenn – Jamie hatte keinen Dunst wie man ein solches Wesen besiegen oder töten konnte! Ob Red das wusste? Würde Isar’s Leib nicht mit dem Wyrm sterben, sofern jemand es schaffen würde ihn zu töten? John Watson traute er das zu!
War es nötig den die das Wyrm erst einmal aus Isar’s Körper zu verjagen, oder gäbe es einen Weg die Ausgeburt der Hölle zu töten indem Isar schlicht und ergreifend wieder Besitz von seiner Hülle nähme?

Verdammt, wie er diese Unwissenheit hasste!

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Jamie gab sich schliesslich einen Ruck. Es würde definitiv keine Lösung bringen, wenn er in der Dusche wohnen bliebe! Er richtete sich auf, kollidierte fast mit der Duschwand, fluchte und glitschte mit nassen Füßen Richtung Waschbecken, wo er schlitternd zum Halten kam. Während er sich die Haare föhnte, begann er wiederum gegen den Föhn anzusingen…..Parsley, Sage, Rosemary and Thyme, verdammt nochmal!

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Immernoch hatte das Handy sich nicht gerührt. Nach einer Ewigkeit, Jamie hatte gerade beschlossen selbst noch einmal in Hawaii anzuläuten, ertönte jedoch das erlösende Klingeln.

„Und?“
„Ja. Dir auch einen guten Morgen!“……Red klang nun deutlich wacher als beim ersten Anruf. „Hast Du was zu schreiben?“
„Moment!“…… der Magus feuerte den Fön auf die Ablage, machte einen Hechtsprung durch die Tür in sein Zimmer und krallte sich einen Kugelschreiber und einen Zettel „ich höre……..“

Red nannte ihm die geheimen Namen dreier Orte im tiefen Umbra, von denen er glaubte, dass sie zur Beschreibung von Jamie’s Traumlandschaft passten. Kaum hatte sich der Jungmagus das notiert, schoss er die Fragen, die ihm unter der Dusche durch den Kopf gegangen waren in einer einzigen, lauten, hektischen Salve ab.

„Jamie!!!! Halt die Luft an!“.
„ehm….aber……………“
„Erst müssen sie mal gefunden werden! Zumindest Isar! Dann wird man weiter sehen. Bedenke, dass beide Informationen von Wichtigkeit haben könnten die uns zur Zeit noch gar nicht bekannt sind, Junge!“ Jamie knirschte mit den Zähnen, musste aber eingestehen das sein Lehrer damit wohl richtig lag.
„Ach, nochwas, Junge………….
„hm?“
„Reise nicht sofort los. Du bist viel zu aufgelöst, ich kann spüren wie zappelig Du bist. Auch wenn es nachvollziehbar ist – es macht keinen Sinn in so einem Zustand dorthin zu reisen. Und Du bist nicht versiert mit dem Wechseln ins tiefe Umbra. Am Ende sorgst du vor lauter Ungeduld für ein Mißverständnis und der Garou reißt Dir doch noch den Schädel vom Hals……….ich gebe Dir jetzt eine Anweisung, und die wirst Du befolgen bevor Du los ziehst!“

Jamie runzelte die Brauen. „Okay, was denn?“
„Zieh Dich an, fahr in die Stadt, such Dir was Hübsches und fick‘ Dir das Hirn raus! Dann mach ein Schläfchen. Und wenn Du DANN wieder wach wirst, kannst Du loslegen. Aber nimm Lung mit! Sicher ist sicher.“ Jamie musste lachen.
„Das ist mein Ernst, Junge! Und wenn es ne Hure wäre, aber such Dir was zum Vögeln………es wird Deinen Hormonhaushalt reparieren und Dich erden!“
„Na gut………wenn das wirklich………….“
„Ja, ist es. Und wann immer Du zum Haus zurück kehrst………….sei darauf vorbereitet, dass die Schamanenvereinigung tagt. Ich werde einige Kollegen zusammentrommeln und sobald möglich dort erscheinen. Der Wyrm bedroht schliesslich unsere gesamte Welt, nicht nur Deinen Geliebten!“

Jamie hatte sich verabschiedet, und dann lange überlegt was er anziehen sollte. Er brauchte etwas, das ihm das Gefühl von Überlegenheit und Kraft gab. Schliesslich entschied er sich für einen kurzen Trench aus Leder……….das wäre am ehesten geeignet, vor eventuell ausgefahrenen Wolfskrallen zumindest ansatzweise zu schützen.

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Eine Sonnenbrille hinter der er seine Augen verbergen konnte………….die Zeit sich zu rasieren nahm er sich nicht mehr. Er hatte es eilig. Und wenn er vorher irgend jemanden flachlegen musste -er hatte es versprochen- dann würde er das tun, aber lange aufhalten würde er sich damit sicher nicht.

„Halt durch mein Prinz, ich bin unterwegs!“

Kap36: Dorthin und nicht wieder zurück (reblog von eatsbluecrayon)

…und wenn man denkt es geht nicht mehr…….
kommt Zasta mit einem Traum daher. Wenn das nicht geil ist!
Zasta muss wohl ’ne Art Schicksal sein, denn dieser Traum wird meinem Jamie absolut Auftrieb verleihen! Aber lest selbst……

Über die Eleganz der Vermeidung

The Journey
Man suchte es sich nicht aus. Im Gegenteil – es suchte einen aus. Hielt einen fest und riss mit sich, ohne sich darum zu kümmern, was das ungefragte Opfer eigentlich für Wünsche hatte. Es. Dieses Magus-Sein. Diese Gabe, die es wirklich nicht leicht machte, sie zu mögen.

Sie sprang und biss zu. So wie jetzt gerade. In Jamies Träumen. Dort, wo er dachte, ganz bei sich zu sein, ganz in ihm. Ein Überfall im intimsten Bereich.

Aber manchmal kam so ein Überfall, so eine feindliche Übernahme mit einem unerwarteten Bonus. Wenn man den Mut – und die Muße – hatte, sich darauf einzulassen.

Mut … ein Fall ins Nichts aus dem warmen Dunkel des traumlosen Schlafes, der Jamie von den Schrecken der letzten vierundzwanzig Stunden hatte wegbringen sollen. Ein Fall ins Licht, in einen Himmel, der sich smaragdgrün in alle Richtungen erstreckte. Die erste Panik legte sich…

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Kap35: ‚Zu spät, Du rettest den Freund nicht mehr…….‘

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Etwas kitzelte ihn am Schenkel. Jamie kicherte leise. Dann wurde es wieder ruhig, doch kurz darauf setzte das Kitzeln erneut ein. Das dazu gehörige Geräusch bahnte sich den Weg in sein Bewusstsein. Benommen glitt die Hand in die Hosentasche um das Handy hervorzuziehen, ein Blinzeln, der Versuch, sich zu orientieren – dann traf ihn die Realität mit Wucht. Sein Magen zog sich zusammen, das Handy entglitt ihm.

Stille. Kein Klingeln mehr. Ein Dröhnen in den Ohren, kalter Schweiss vermischte sich mit dem angetrockneten Bestienblut an Hals und Wangen. Das wilde Hämmern hätte besser in eine mittelalterliche Schmiede gepasst als in seinen Kopf! Die Luft die er atmete, schien die Lungen nicht erreichen zu wollen. Mühsam brachte sich Jamie in eine halbwegs sitzende Haltung, stüzte den Kopf auf die Hand und ließ ein leises Wimmern hören.

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Die Benommenheit war schwer abzuschütteln. Die Realität nichts, in das er zurückkehren wollte. ISAR!
Wieder zog sein Magen sich zusammen, brachte ihn leicht zum Würgen. Seitlich über dem Ohr würde eine Beule entstehen, das konnte er fühlen. Vermutlich die Stelle mit der er auf dem Boden aufschlug als er bewusstlos geworden war….es gab Schlimmeres. ISAR! Diesmal formten seine Lippen den Namen tonlos. Jamie zog die Enden der Pulloverärmel über die Hände und den Kopf zwischen die Schultern. Er hatte versagt. Er hatte es nicht bemerkt, erst als es viel zu spät war.

Hatte Isar ihn überhaupt je geliebt? War er je er selbst gewesen? Oder hatte der Dunkle ihn von Anfang an benutzt? Hätte das alles verhindert werden können, wenn er sich nicht verliebt hätte? Konnte der Plan des Wyrmwesens nur aufgehen, weil man eine Angriffsfläche bot, wenn man liebte? Ein leises Stöhnen, kurz vor der Resignation. Sein Kopf zeigte ihm erneut wie Isar’s Leib, vom Wyrm beherrscht, durch die geschlossene Garagentür wandelte………..

„Vielleicht fange ich ja damit an, dass ich Deinem Vampirfreund einen Besuch abstatte…… so ein nützlicher Körper….“
Jamie hörte den Satz ohne ihn zu verarbeiten. Aber er begann sich in seinem Hirn zu wiederholen. Wie eine Endlosschleife, oder wie eine hängengebliebene, alte Schallplatte…….Vielleicht fange ich ja damit an, dass ich Deinem Vampirfreund einen Besuch abstatte…………………………………..Deinem Vampirfreund einen Besuch abstatte……….Deinem………….

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Verdammt! Zach musste gewarnt werden! Jetzt. Sofort. Auf der Stelle! Der Magus war viel zu schnell auf den Füßen. Sein Kreislauf protestierte mit Hilfe heftigen Schwindels, und Jamie zog die Hände an die Brust als suche er Halt an sich selbst. Gottlob beruhigte sich die kreiselnde Welt recht zügig.

Zachary war in Gefahr, und das hatte die Lebensgeister des erschöpften Tänzers wieder mobilisiert. Zitternd hob er sein Handy vom Boden auf, drehte sich wankend um die eigene Achse und steuerte mit einem Gang der an einen Betrunkenen erinnerte, Richtung Wohnzimmer. Dort angekommen, zog sein Magen sich erneut zusammen. Diesmal mit Erfolg, hustend erbrach sich Jamie neben den Fernseher.

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Er kümmerte sich nicht weiter um die Lache, eilte weiter ins Bad, schaufelte sich mit beiden Händen kaltes Wasser ins Gesicht (was das angetrocknete Blut des Kampfes nicht ganz beseitigte aber ihm zumindest ein Aussehen verlieh, das nicht mehr wie Halloween für Arme wirkte und auch keine fröhlich spielenden Kids auf den Straßen erschrecken würde). Die Kälte des Wassers half auch seinem Kreislauf etwas stabiler zu werden.

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Stöhnend hatte sich der Magus das Gesicht getrocknet, um sich dann kurz aufs Sofa fallen zu lassen, wo er sein Handy hervorzog um nachzuschauen wer ihn telefonisch vorhin aus seiner Bewusstlosigkeit geholt hatte. Der Anruf war von Red gewesen. Ein leises Fluchen. „Wo verdammt nochmal warst Du Arsch als ich nach Dir schrie, eh?“ Dann hackte er mit leicht bebenden Fingern ein paar Worte in eine Textnachricht.

Riss im Caern, Wyrm mit Isar’s Körper unterwegs. Zach in Gefahr. Komm her, asap! 

Doch es war wie verhext, die dunkle Pechsträhne schien nicht abreissen zu wollen: Just als Jamie versuchte die Nachricht abzuschicken, versagte ihm sein Handy den Dienst. Der Akku war leer. Mit einem lauten, vor Frustration fast berstendem Schrei feuerte er es in eine Ecke, erhob sich, krallte sich seine Schlüssel und spänte zur Tür hinaus. Er hatte Zach anrufen wollen. Festnetz hatte das Haus bisher noch nicht, der Antrag lief….ohne sein Handy blieb nichts weiter übrig als zum Lethe zu fahren und zu hoffen das die Sonne untergegangen sein würde sobald er dort ankam!

Mit für seinen geschwächten Zustand erstaunlich langen Schritten rannte er quer über die Wiese in Richtung Tunnel. Der SUV war dort geparkt, wo die Straße endete und sich der Natur unterwarf, die den Asphalt langsam aber sicher immer weiter überwucherte. Unterwegs stellte er eine telepathische Verbindung zu Lung her „Lung, hilf mir! Begib Dich an Oberons Hof! Umgehend! Setze ihn davon in Kenntnis, das etwas Böses sich des Körpers seines Sohnes bemächtigt hat, vermutlich ein Wyrm der sich nun mithilfe des neuen Vehikels ein wenig telurische Freuden gönnen will.!“ Er hörte Lung als Antwort fauchen, dann brach die Verbindung. Jamie war sich sicher das der Drache bereits auf dem Weg ins tiefe Umbra war.

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Als Jamie nach einer recht abenteuerlichen Bleifußfahrt, deren heikle Momente er hernach nie wieder erinnerte, New York erreichte, ging tatsächlich die Sonne gerade unter. Nachdrücklich presste er die Klingel des Lethe, hoffend das man ihm keinen Aufstand machen würde da er so absolut casual gekleidet war – die verbliebenen Blutflecken fielen dank der roten Rauten auf seinem Pullover fast nicht ins Auge, das gleiche galt für die angetrockneten Gewebereste an seinem Hosenschlag des linken Beins.

Es dauerte gefühlte Ewigkeiten bis die Tür endlich aufschwang. Wie beim Besuch zuvor war der Öffnende ein Mann, doch diesmal ein sehr dunkelhäutiger mit nahöstlichen Gesichtszügen. Etwas Kühles, Metallisches  presste sich gegen Jamie’s Hals.

Nachdem der Magus heute bereits barfuß durch die Hölle und zurück gegangen war, erschreckte ihn das sonderbarerweise nur ganz angelegentlich. Doch als er Anstalten machte sein Knie zu beugen um es dem Typen in die Weichteile zu rammen, erklangen einige chinesische Worte aus dem Dunkel der Lobby, und die Waffe verschwand dahin wo sie hergekommen war. Schnaubend setzte er sich in Bewegung, mit der Hand vage einen Dank ins Dunkel der Lobby wedelnd, durchquerte die Halle wie ein geölter Blitz um den Aufzug zu kapern und war nach kurzer Zeit oben am Loft.

Da Jamie weiss, dass Klopfen bei der dicken Metalltür sowieso nicht hilft, trat er mehrfach heftig mit dem Fuss dagegen, zählte bis zehn und riss sie auf. Lieber Gott, lass ihn daheim sein! Doch die Präsenz die er fühlte sobald er den mittlerweile recht vertrauten, bizzar gemütlichen Raum betrat, war nicht die von Zachary! Im gleichen Moment, indem er sie fühlte, eine harte und beherrschte Aura, sah er den Mann der hinter dem Billiardtisch stand und sich eisern an der Kandare zu halten schien.

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Jamie’s Lauf stoppte als sei er gegen eine Wand gerannt, und er starrte den Mann entgeistert an. Sein begonnener Satz mit dem er die Tür aufgerissen hatte „Zach, bist du………..“ verhallte abrupt. Im gleichen Moment konnte er spüren das es sich um einen Vampir handeln musste, denn eine eiserne Kontrolle legte sich über ihn. Kühl erreichten die Worte seine Ohren.
„Das war  zu erwarten, dass Sie hier auftauchen!“

Jamie blähte die Nasenflügel, zwang sich zur Ruhe. Es war nicht allzu schwierig, eins und eins zusammen zu zählen! Er hätte sich gerne umgesehen, was nicht funktionierte da der Mann seinen Blick hielt. Doch es war auch nicht mehr nötig. Zachary war definitiv nicht hier, das war eindeutig fühlbar. „Mr. Watson, CEO der ‚Watson MedTech&Security‘, nehme ich an?“

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„Exakt. Und ich bin so freundlich, Sie jetzt nicht zu zwingen mir zu sagen, warum ich bei meiner Ankunft Zachary zerfetzt auf dem Bett vorgefunden habe. Zusammen mit einer Handvoll Federn. Und mir die Angestellten einen genauen Blick darauf ermöglichten, was das Massaker angerichtet hat.“ Er bewegte sich nicht während er sprach. Die Worte drückten gegen Jamie’s Kopf, der sich reflexartig sperrte, sie nicht einlassen wollte. Doch sie waren zu mächtig. Zu furchtbar. Es gelang ihm nicht sich der Botschaft zu verschließen. Zögernd machte er ein paar Schritte in den Raum. Dann hatte die Botschaft ihn erreicht. Er taumelte, stützte sich an einem der Pfeiler, kurz schien Übelkeit aufsteigen zu wollen, sie wurde jedoch von einer unglaublichen Wut verdrängt.

Gegen den Pfeiler gelehnt, schrie er auf. „Fuck! Fuck! Fuck! Ich bin zu spät. Scheisse, zu langsam, viel zu langsam! Fuck!“

Bei jedem ‚fuck‘ hämmerte seine Faust gegen den Beton, schürfte seine Haut sich an den Knöcheln mehr ab. Er fühlte es nicht. Seine Psyche tat, was getan werden musste. Sie mauerte. Baute einen inneren Limes der seinesgleichen suchte. Zuviel war an diesem Tag geschehen, zu viel Schmerz, Grausamkeit, Horror auf sie eingedrungen. Es war Zeit sich abzuschotten! Ein Geräusch als zerfiele die Welt in tausend glitzernde Scherben. Dann Gefühllosigkeit. Angenehme, ruhige, kühl entspannte Gefühllosigkeit. Keine Angst, kein Grauen. Nichts. Schlicht gar nichts empfand Jamie ab diesem Moment mehr. Nicht einmal Furcht vor dem so beherrschten Ventrue am Billiardtisch, von dem Zach einmal gesagt hatte, dass er Jamie niemals lebend davonkommen lassen würde…..

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Langsam richtete Jamie sich auf, sah wie Watson die Hände auf dem Rücken verschränkte und mit einer völlig nüchternen, ruhigen Stimme in diesem typisch distinguiert-britischen Akzent leise sprach: „Ich vergaß. Sie sind noch nicht wirklich so gut mit unserer Natur vertraut. Als ich sagte, dass ich Zachary zerfetzt vorfand, war das zweifellos eine positive Botschaft. Denn er ist NICHT Asche. Er wird ein paar Nächte brauchen um wieder ansprechbar zu sein, und es wird gefährlich sich ihm zu nähern. Aber das Rätsel bleibt, warum die Kreatur aus den Alpträumen hierher kam.“

Mit fast schleppenden Schritten steuerte Jamie den nächstbesten Sessel an. Das Fehlen von Emotionen ist das beste, das ihm momentan passieren konnte, und so ließ  er sich hineinplumpsen und bemerkte dabei angelegentlich „Also kein Kainstod. Sehr gut. Wir müssen Informationen austauschen, Mr. Watson.“
„Oh ich wäre hocherfreut zu erfahren, was hier vor sich geht!“
„Bitte nehmen Sie doch Platz, ich komme mir unhöflich vor zu sitzen, derweil mein Gastgeber noch steht!“ Leichte Anzeichen von Amusement geisterten über das sonst so unbewegte Gesicht des Ventrue. Er nahm Platz.

Die beginnende Unterhaltung hatte ein Maß an Surrealität, welches die Geschichte von Alice im Wunderland fast alltäglich erschienen ließ!

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„Also, ich weiss nichts, außer das sich mein Protegé nach vierzig Jahren wieder meldet, nach London zurück kommt und der Meinung ist, Ihnen etwas zu schulden. Dann reist er Hals über Kopf wieder in die Kolonien. Und als ich hier ankomme, hat sich das Wesen das er schon mehrfach gemalt hat,  hier Zugang verschafft und ihn angegriffen. Und was wissen Sie?“
„Was er mir zu schulden glaubt, weiss ich nicht. Ich habe eher den Eindruck, selbst in Zach’s Schuld zu stehen. Und — es war NICHT das Wesen das er malte, welches ihn angriff. Nur dessen Leib.“ Ein kurzer Blick hin zum Kamin, ein tiefer Seufzer.

Der Ventrue legte die Fingerspitzen zusammen und fixierte Jamie extrem, das Gefühl der Fähigkeit „Präsenz“ wird stärker.  „Sei es wie es sei, Zachary ist niemand der besonders wehrlos ist wenn es um geistige Angriffe geht. Also war der Körper nur das kleinere Werkzeug.“
„Ich weiss nicht, was es ist. Ich habe einen Verdacht. Aber wie der Garou sagte, und sie es vermutlich auch Ihnen bekannt sein dürfte, ich bin ein ‚Maguswelpe‘, nicht sehr versiert in diesen Dingen. Wäre ein Wyrm in der Lage, so etwas zu tun?“
„Dieses Konzept hat nichts mit Kainiten zu tun.“ Ein Schulterzucken. „Genau genommen sind auch wir Wyrm. Ein anderer Kainit hätte Zachary angreifen können, das ist richtig. Und ein anderer Kainit hätte sich dieses Aussehen geben können, auch das stimmt. Und ich kann den Geist einer Kreatur völlig überschreiben. Jedoch glaube ich irgendwie nicht, dass es so abgelaufen ist.“

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Es war an der Zeit, sich einen Ruck zu geben. Jamie begann nun dem Ventrue etwas stockend (zum einen wegen seiner Ausgelaugtheit, zum anderen aber auch wegen der unglaublichen Präsenz von Zachary’s Geliebtem), aber doch haarklein zu berichten, was genau sich zugetragen hatte, seit er am Morgen aus dem Bett gekrochen war. Er endete seinen Bericht mit den Worten „Das Wesen kommt definitiv weder von hier noch aus dem Umbra. Es war ein Ort innerhalb des Risses, und zwar hinter dem Umbra wie ich vermute.“

Sein Gesprächspartner ließ ein leicht genervtes Seufzen hören, welches ohne die perfekte britische Upperclass – Erziehung wohl deutlich stärker ausgefallen wäre. „Wie gesagt – wir Kainiten haben wenig mit den Kreaturen hinter dem Schleier zu tun. Sie sind uns in den seltensten Fällen bewusst. Aber es scheint, als hätte sich dieses Wesen ein Fleischgefäß gezüchtet, das  für sein Vorhaben – was immer das sein mag – optimal ist.“
„Etwas Ähnliches hat es sogar formuliert bevor mir die Sinne schwanden. Eins ist sicher: Oberon vermutete einen Technokraten hinter diversen Umtrieben, und Zach bestärkte den Gedanken. Aber das hier war alles, nur kein Mensch. Und auch kein Vampir.“ Jamie’s Stimme wurde immer leiser, dann sank er ein wenig in sich zusammen. Schließlich fährt er fort, mit etwas das er wohl unter normalen Umständen nie und nimmer dem ihm fast unbekannten Ventrue gegenüber geäußert hätte:
„Mr. Watson……….. mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiss nicht weiter.  Ich habe dafür gesorgt, dass Oberon informiert wird. Und ich glaubte ich könne schnell genug hier sein um Schlimmeres zu verhindern. Ich muss wohl sehr blauäugig auf Sie wirken. Es……..tut mir leid. Als er sagte er würde meinem Vampierfreund eventuell einen Besuch abstatten, rechnete ich mit dem Schlimmsten, darum bin ich hier. Ich wollte Zach warnen. Womit ich nicht gerechnet hatte, war die verdammte Schnelligkeit des Wesens. ……..“

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Man konnte nun deutlich an Jamie’s zerknirschter Erscheinung erkennen das er sich offenbar die Schuld daran gab, was Zachary zugestoßen war. Den Meister der Selbstbeherrschung ließ das jedoch völlig kalt und emotionslos. Seine Reaktion klang recht trocken: „Ich kann Ihnen keine Absolution erteilen. Es kostet mich viel Mühe, hier nicht den tierischen Instinkten nachzugeben. Aber da das meinem Protegé nicht weiterhelfen würde, muss ich rational und kontrolliert bleiben. Ich habe keine Kontakte zu den Satyren, sie fühlen sich in meiner Gegenwart deutlich unwohler als bei Zachary, weshalb ich auch mit dem dortigen König nicht konferieren kann.
ich kann meine kainitischen Kontakte nutzen – aber das Wesen, das wir verfolgen wird sich auch tagsüber fortbewegen. Was bedeutet, dass Sie mindestens die Hälfte der Arbeit übernehmen müssen. Sie erwähnten einen Wolf. Haben Sie vielleicht die Möglichkeit, diesen zu kontaktieren?“

Nun war Jamie’s Psyche bereit, die erste Emotion durch ihr Bollwerk dringen zu lassen, er verspürte eine gelinde Aggression. Mit einer deutlich sichereren Stimme, beinahe so akzentuiert wie sein Gegenüber, (denn schließlich hatte auch er eine Erziehung genossen, zwar keine im Brittanien der Jahrhundertwende, aber dafür eine gründlich deutsche des gehobenen Bürgertums der Gegenwart), hob der Magus den Kopf.
„Sir – ich bin mitnichten hier um Ihre Absolution zu erbitten. Ich tat was mir möglich war. Und bei allem gebotenen Respekt – Ihr Kampf gegen Ihre tierischen Instinkte ist wohl kaum mein Problem!
Hingegen ist das Problem welches Ihren Protegé und meinen Gefährten betrifft ein Gemeinsames. Und somit haben wir durchaus gemeinsame Interessen, n’est ce pas? Ich gehe davon aus, dass das bei Kainiten ebenso für ein kurzzeitiges Bündnis reicht, wie bei den meisten anderen Arten die sich gegenseitig in einer bestimmten Angelegenheit nützlich sein können.“

Er schnalzte leicht missbilligend mit der Zunge, setzte sich noch aufrechter und sah dem Ventrue mit leicht schräg gelegtem Kopf in die Augen.
„Ich habe keine Ahnung wie ich den Wolf kontakten sollte, da ich first and foremost damit beschäftigt war ihn davon abzuhalten mir den Kopf von den Schultern zu reißen, und hernach die Kreaturen im Schattenreich zu bekämpfen. Dabei gingen unsere Versuche uns einander vorzustellen sonderbarerweise tatsächlich unter!“ Die Stimme entbehrte nicht eines guten Quäntchens Sarkasmus. „Bevor ich das nachholen konnte verschwand er in einer Art Lichtnebel. Aber es gibt etwas, das Sie vielleicht wissen sollten!“

Jamie schob einen kurzen Bericht über Red’s Visionssuche ein, und die Wesenheit die Red auf der Einöde angetroffen hatte. „Ergibt das im Zusammenhang mit den aktuellen Vorfällen für Sie einen Sinn, Mr. Watson?“

Der jedoch schüttelte leider den Kopf. „Es klingt mystisch und somit nicht nach Dingen, mit denen ich mich beschäftige. Es mag sie überraschen, aber wir Kainiten sind sehr weltlich. Unsere besten Chancen das Wesen zu finden sind nun der Wolf, den vielleicht Ihr schamanistischer Freund aufspüren kann, wenn er die Spur im Umbra zurück zu dessen Heimatcaern verfolgt, – und von meiner Seit aus das Bemühen Zachary so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu bekommen. Sollte das Wesen hierher zurück kommen, um sein Werk zu vollenden, werde ich es töten.“

Jeder Satz so emotionslos wie der andere.
Jamie stieg das Blut in die Wangen. „Das impliziert den Tod des Körpers der das Wesen trägt, richtig?“
„Sollte das Wesen wieder versuchen, Zachary zu töten, habe ich meine Prioritäten gesetzt. Ich hoffe, Sie verstehen das.“

Jamie’s Augen wurden so schmal wie seine Lippen. Sehr beherrscht presste er hervor „Ich würde an Ihrer Stelle kaum anders handeln. Doch nicht alles, was man verstehen kann muss einem gefallen, nicht wahr? Ich hoffe inständig, dass es dazu nicht kommen wird. Egal wie sehr ich nachvollziehe, dass es äusserst unangenehm für Sie wäre den Partner zu verlieren, welcher Ihre Nüchternheit durch überbordende Emotionalität, Ihre Routine durch überraschend dramatische Wendungen, und Ihre Langeweile mit der Aufgabe ihn wieder zurück auf den Boden zu stellen nachdem er abhob, ausgleicht.
Ein Magnet wird zu einem sinnlosen Ding, sobald sein Gegenpol fehlt, nicht?
Und vermutlich gibt es wenig Amusement jenseits dem, mit welchem Zachary seinen Mentor zu versorgen weiss! Ja, ich verstehe Sie.
Was nicht bedeutet, dass ich nicht versuchen würde es zu ahnden, sollte meinem Geliebten sein Leib auf diese Weise abhanden kommen!
So wollen wir denn hoffen, dass der Garou von Red gefunden wird. Ich kümmere mich darum.“

„Ja, ich glaube das ist die sinnvollste Herangehensweise. Sie übernehmen den… mystischen Teil dieser Suche und ich werde mich über mir bekannte Thaumaturgen informieren, wie man diese Besessenheit wieder rückgängig machen kann. So haben wir beide etwas von diesem Arrangement.“

Jamie atmete einmal tief ein und aus, die Angespanntheit seiner Miene liess kaum merklich nach. „Schön. Ich brauche Schlaf, bevor ich irgend etwas Sinnvolles unternehmen kann. Und ich fürchte wir haben wenig Zeit. Richten Sie falls möglich Ihrem Protegé meine besten Wünsche bezüglich seiner Rekonvaleszenz aus!“. Es klang fast überzogen förmlich, wie der Magus es leise hervorpresste. Aber wer in die Höhle des Löwen geht…………

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Mit einem leisen Ächzen erhob er sich und hielt Watson die Hand hin, als wolle er einen Deal besiegeln. Dieser erhob sich ebenfalls, sein Händedruck deutlich kühler als der von Zach! Seltsam, das jemand mit einer so riesigen, machtvollen Aura körperlich so wenig Platz einnahm. „Ich werde mich sofort melden, sobald Zachary wieder bei Bewusstsein ist. Oder sobald ich Nachrichten aus London habe, was diese Besessenheit angeht.“

„Danke sehr. Wie erreiche ich Sie ohne herzukommen? Die Fahrt raubt Zeit!“
„Ich habe Zachary’s Passwörter.“ Der Ventrue deutete zum Tisch, auf dem Zach’s I-Pad mit einer offenen Whatsapp lag.

Der Magus deutete ein Nicken an das auch einen leichten Dank implizierte. „Okay. Dann erwarte ich Ihre Nachricht, Mr. Watson.“ Und dann war er zur Tür hinaus. Er sah nicht mehr, wie der Vampir das I-Pad ergriff und ans Fenster trat, murmelte ein fassungsloses „oh heilige Scheisse“, und konnte sich später nicht mehr erinnern, wie er aus dem Lethe heraus und nachhause gekommen war.

Erst als er unter der Dusche stand, setzte sein Denken wieder ein. Und die Hoffnung erwachte. Die Hoffnung, dass Isar’s Seele noch lebte, und das er es schaffen würde, diese wieder mit seinem Leib zu verbinden. Kein Monster war unbesiegbar! Das wussten schliesslich schon die kleinsten Kinder!

Nachdem Jamie geduscht hatte, schlief er siebzehn Stunden durch ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen oder sonstwie zu rühren.

Kap34: Gerettet?

Das „Heureka – Gefühl“ wollte sich nicht einstellen.

Nachdem Jamie einen kurzen Moment völlig konsterniert auf die Stelle gestarrt hatte, an der sein Mitstreiter verschwunden war, hatte er erst einmal die Umgebung gesichert. Lebte wirklich nichts mehr? Waren sie alle erfolgreich dem Tod übergeben worden, oder lauerte unter den Leichen der Monster noch etwas hoffnungsvoll Halblebiges?

Als der Magus sicher war das keine Gefahr mehr drohte, machte er sich daran, Isar aus dem Kokon zu schälen. Was nicht ganz einfach war, weiss der Teufel aus welchem Material diese Hülle gewoben worden war! Äußerst widerstandsfähig wäre ein Prädikat gelinder Untertreibung gewesen. Schlussendlich fiel Isar zu Boden, zappelte dort einen Moment orientierungslos herum, als habe er vergessen wie man aufsteht oder geht, erhob sich dann um sich zu strecken. Er betrachtete seine gestreckten Arme, als habe er sie noch nie gesehen, lachte dann erfreut.

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Jamie stellte fest, dass sein Gefährte ihm fremd erschien. Sicher lag das an der sonderbar luftigen Art Rüstung und vor allem an dieser Maske, die er trug. Der Impuls, Isar zu umarmen, an sich zu ziehen und nie wieder los zu lassen wäre nun das Gefühl gewesen, das Jamie bei sich erwartet hätte. Es flammte auch kurz auf, verlor sich aber in Sekundenbruchteilen wieder im Nichts.
Wer wusste schon, ob nicht neue Heerscharen von Monstern auf dem Weg nach hier waren! „Isar, was ist geschehen?“

Sein Arm legt sich kurz auf des Satyr’s Schulter, so als wolle sich Jamie’s Verstand davon überzeugen was sein Herz längst klar sah: Hier stand sein Gefährte, sein Prinz, sein Ein und Alles! Ja, es fühlte sich an wie Isar. Dennoch, eine höchst absonderliche Verwirrung blieb. Sicher nicht verwunderlich nach allem was der Jungmagus gerade erlebt hatte!

„Ich… weiss es nicht. Ich weiss nicht wo wir sind. Aber wir müssen zurück auf die andere Seite des Schleiers! Schnell!“
„Komm“, murmelte er seinem Prinzen zu, griff dessen Hand und zog ihn schlicht mit nach draußen, in der Hoffnung dann wieder in der telurischen, gewohnten Sphäre zu stehen. Doch als Jamie sich am Höhleneingang umsah, lag dort nicht sein neues Zuhause.

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Genau genommen lag dort gar nichts, ausser der fliegenden Insel auf der sich die Höhle befand. Für eine Sekunde erinnerte sich Jamie an den Platzt des Orakels, dann schüttelte er wild den Kopf „Verdammt! Isar, wie navigieren wir heim? Ich habe keinen blassen Dunst!“ Er schaute dem Geretteten der inzwischen die Maske abgenommen hatte, in die Augen. Müde vom Kampf, wirkte des Magus‘ Miene dabei fast kläglich hilflos.

Isar sah sich um, wobei seine Augen eigentümlich leuchteten. Dann griff er ein wenig fahrig und unsicher in eine der Taschen an seinem Gürtel und förderte eine Art Taschenmesser mit Perlmuttgriff hervor. Etwas ähnliches hatte Jamie bereits bei Oberon gesehen. Mit einer entschlossenen Bewegung führte Isar das Messer durch die Luft ohne die Klinge auszuklappen. Dennoch tat sich ein Schnitt auf, hinter dem die im friedlichen Herbstlicht liegende Bucht des Caerns zu sehen war.

„Man kann den Schleier zerteilen!?“ Jamie’s Mund stand kurz offen, dann brüllte er ein lautes „Komm!!!“, und machte einen langen, mehr als eiligen Satz durch den Schnitt hindurch! Der Satyr folgte ihm, streckte sich, nickte und liess relativ gelassen hören „ja, man kann ihn zerteilen.“ Er sah sich um. Zu Jamie’s Verblüffung lag keinerlei Neugierde in Isar’s Blick. Vielmehr betrachtete er die schmale Schlucht auf eine Art als habe er sie schon oft gesehen.

Mit einem erleichterten Aufseufzen ließ der Magus sich auf die Knie sinken, seine Hand zupfte an den Grasbüscheln als müsse er sich davon überzeugen das sie keine optische Täuschung waren. Immer noch hing ihm ein merkwürdiges Gefühl der Unwirklichkeit an. „Das war verdammt knapp!“, brummte er mit einem Blick zu seinem Gefährten.
„Aber es ist doch gut ausgegangen!“.

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Sicher. Sorglosigkeit war eine von Isar’s hervorstechendsten Eigenschaften. Auch das verträumte Lächeln mit dem er sprach, passte gut. Zu gut? Jamie erhob sich wieder, verdrehte die Augen auf eine leicht genervte Weise, drängte die tausend Fragen zurück die ihm auf der Zunge lagen. Wieso erzählte Isar nicht, was geschehen war? Wie war er vom Hofe seines Vaters in die Fänge des Quallenwesens gelangt? Ging es Oberon und den Seinen gut? Wieder stach ihm die fehlende Verwunderung über die Umgebung in Isar’s Miene ins Auge. Er hätte erwarten müssen auf Unicorn Isle zu landen!

Dann wurde Jamie mit einem Schlag klar, was ihn so irritierte: Die Nähe und Vertrautheit fehlten! Da stand sein Schatz leibhaftig und unbeschadet vor ihm. Doch, und wenn es noch so pathetisch klang, die Herzen verbanden sich nicht miteinander, die Einheit wurde nicht hergestellt. Mit schmalen Augen legte Jamie Isar einen Finger unters Kinn und raunte ebenso leise wie kühl: „Du wirst mir das erkären müssen, Wings of Ether!“ Fast wie ein Vater der dazu neigt sein Kind mit vollem Namen anzusprechen wenn es unartig war, verwandte Jamie nun den Seelennamen von Isar, welcher darauf mti einem Zusammenziehen der Brauen reagierte. Mit einem entzückenden Schmollmund artikulierte er dann „ich habe nichts getan. Aber ich bin müde…. ich muss… ausruhen….“

Und mit diesen Worten drehte er sich in Richtung des Hauses, welches er von hier unten vor der Höhle definitiv nicht sehen konnte. Jamie nickte, wie müde und ausgelaugt er sich selbst fühlte war mit Worten kaum zu beschreiben. Ausserdem juckte das an ihm festgetrocknete Monsterblut ihn am Hals, seine Kleidung stank immer noch als käme er just aus einem Schlachthof. „Geh!“, brummte er zustimmend.

Und Isar ging. Aber nicht etwa über die Baumstämme, sondern schnurstracks den viel zu steilen Hang des Hügels hinauf, hüpfte dabei ausgelassen über kleine Steine, und blickte immer wieder begeistert in den klaren Himmel. Sein Prinz, der noch nie hier gewesen war, befand sich auf Luftlinienkurs zum Haus, das er noch nicht sehen konnte!

Der Magus stand einen Moment wie festgewachsen, fassungslos. Dann keimte eine latente Wut in ihm auf. Das Mißtrauen, das Gefühl das irgendetwas nicht stimmt, verstärkte sich rapide. Verstärkte sich zu einer Gewissheit. Während er Isar folgte. machte dieser keinerlei Anstalten sich in seine menschliche Form zu verwandeln oder die „kleinen, raumsparenden Schwingen“ anzulegen. Das Lachen mit dem er über den Hügel sprang – viel zu begeistert für einen jungen Satyr der gerade einer Gefangenschaft entkommen war. Und last not least………kein Danke.

Nicht, dass Jamie einen Dank brauchte. Aber der Isar den er kannte hätte einen geäußert! Es sah ihm einfach nicht ähnlich sich zu verhalten als sei nichts gewesen und alles in schönster Ordnung, als kenne er diesen Ort, habe nichts anderes erwartet und nicht ein Jota an Kraft eingebüßt in seinem Kokon.
Eilig folgte er Isar nun, der bereits auf der anderen Hügelseite den Abstieg begonnen hatte.

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So federnd, Isar’s Schritte. So fröhlich und ausgelassen, das Lachen. Die strahlenden Augen, fast als würde ein Kind das Schlaraffenland entdecken! Es passte zu Isar, ja. Aber es passte nicht zur Situation. Nicht einmal ansatzweise. Jamie biss die Zähne zusammen. Als Schamane war ihm durchaus bewusst, das es so etwas wie magische Täuschungen gab.

Er versuchte ins Seelenband hinein zu fühlen, doch obwohl er neben seinem Herzblatt die Wiese hinunter schritt, konnte er ihn nicht spüren. An der Haustür angekommen, war Jamie ohne Zweifel klar: Das ist nicht sein Isar. Entweder hatte man seine Seele entfernt, oder ihm eine Gehirnwäsche verpasst, was auch immer hier neben ihm stand, es war NICHT sein Prinz.
Leicht provokant grinsend warf er dem Satyr einen Satz hin: „Scheinst Dich hier ja gut auszukennen, Isar!“

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Dieser lächelte immer noch auf  entzückende Art und Weise. „Ich sehe es in Deinem Geist. Es ist so deutlich.“ Jamie hatte in keinster Weise bemerkt das jemand seinen Geist betreten hätte. Normalerweise fühlte ein Magus das. Oder…naja zumindest Jamie fühlte es. Und was wollte Isar denn gesehen haben, den Ort? Jamie knurrte nur ein einziges Wort hervor:
„WAS???“

„Wie, was? Was meinst du?“
Noch während Isar die Gegenfrage formulierte, materialisierte Jamie den Magierstab erneut. Eine Antwort blieb er Isar schuldig. Stattdessen drehte er sich flink um, öffnete die Garage, sprang blitzgeschwind zurück zu Isar, so geschwind das dieser davon überrascht wird. Mit beiden Händen fasste er die großen Schwingen dicht an der Wurzel, zerrte sie nach hinten wo er sie auf eine Art zusammenhielt das es wohl schmerzhaft sein durfte. So dirigierte der den verblüfften Satyr durch das Garagentor, kickte es mit dem Fuß zu und raunte wütend:
„Genau hier werden wir bleiben, und keinen weiteren Schritt machen, bis ich weiss, was eigentlich los ist!“

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Isar hatte relativ spät begonnen, sich zu wehren, mit den Schwingen zu zappeln, sie zu dehnen, doch Jamie hatte in diesem Augenblick klar die Oberhand.

Er verrammelte sowohl die Tür welche die Garage mit dem Hausflur verband, als auch das große Tor. Der Blick des Satyrs ist ebenso verletzt wie wütend. „Was soll das?“
„Was das soll? Du fragst mich ernsthaft, was das soll? ich befreie dich aus dem Kokon einer Riesenspinnenqualle, eines Wyrm, wie ich vermute. In einer Dimension die ich bisher nie betreten habe. Du führst uns hierher zurück und rennst mit einer Selbstverständlichkeit die ihresgleichen sucht los zum Haus, obwohl Du meines Wissens niemals hier gewesen bist – geschweige denn wissen kannst wieso ICH hier bin. Du verhälst Dich völlig anders als sonst, machst keine Anstalten Deine menschliche Form anzunehmen, machst aber wenn ich nachfrage einen auf naiv. Und dann hast Du den Nerv, MICH zu fragen was das soll?“

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Isar seufzte, rieb sich die Stirn.
„Du musst es schwer machen hm? So lange Vorbereitung, und auf den letzten Metern…..“ Er schüttelte sich und breitete die Arme aus, dunkler Rauch und Federn gingen von ihm aus während er sich veränderte. „Diese Seite des Schleiers gehört nun mir. Ich habe so lange warten müssen, bis ich das richtige Gefäß gefunden hatte.  Und bis Du so freundlich warst, all diese Emotion zu nutzen um den Zorn des Wolfs zu ergänzen. Ach, kleiner Magier, Ihr habt mich nicht getötet!“

Und dann stand es vor ihm, das Abbild von Isar aus seinem Alptraum. Der Kopfputz, das Geschirr mit dem Totenschädel und den schwarzen Rosen…..exakt so wie er seinen Prinzen in diesem Alptraum auf den er sich nie hatte einen Reim machen können, erblickt hatte. Er zog zischend den Atem ein, formulierte dann fast tonlos: „Der Traum war eine Zeitreise, ein Blick in die Zukunft. Du……..hast ihn BESETZT! Du hast meinen Prinzen besetzt!!!“

Es war so klar, so einleuchtend. Nun, da es zu spät war, konnte er es so überdeutlich erkennen. Das Wesen in Isar’s Leib zuckte die Schultern – es war ganz Isar’s Geste, und diese an dem Höllendämon der in ihm steckte zu beobachten war auf perfide Weise wunderschön und schrecklich zugleich.
„Ich habe sooo lange gewartet……..so eine fragile Mischung erzeugt sich nicht von selbst, weißt Du? Jahrhunderte der Arbeit. Und jetzt werde ich sehen, was diese Dimension mir zu bieten hat.“

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Gelassen drehte er sich um, sprach noch kurz weiter über die Schulter: „Vielleicht fange ich ja damit an, dass ich Deinem Vampirfreund einen Besuch abstatte.“, und schritt durch das verriegelte Garagentor als wäre es gar nicht existent. Schon als er bereits ausser Sichtweite war, hörte Jamie ein paar letzte Worte. „…… so ein nützlicher Körper….“

Ein lautes Poltern, als der Stab sich aus Jamie’s Hand löste und auf den glatten Betonboden knallte. Ein Pfeifen in den Ohren. Die Garagentür, die sich auf seiner Netzhaut einzubrennen schien, um dann mit sonderbar blutig anmutenden Schleiern überlagert zu werden. Schwindel. Weiche Knie. Und schließlich diese unglaublich sanfte, gnädige Schwärze als die Ohnmacht den Jungmagus in ihre großen, weichen Arme nahm.

Niemand hörte das leise Stöhnen als Jamie wie in Zeitlupe zusammen sackte, um dann leise klatschend auf dem Beton der Garage zusammenzubrechen. Oh wunderbare Dunkelheit, oh herrliches Nichts!