Kap27: Unerwarteter Besuch

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Eins musste man Denis lassen: Seinen alten Buick, der wohl in den Siebzigern ein traumhaftes Muscle Car gewesen sein musste, hielt er besser in Schuss als das alte Hausboot.

Jamie sprang die Treppe vom Lethe hinab, die Nacht war herbstlich kalt und so freute er sich, dass er die Rostlaube die äusserlich zwar glänzte, die man aber lieber nicht aufbockte und von unten betrachtete, dicht am Haus geparkt hatte. Etwas abseits der Nobelkarossen, die in dieser Umgebung reichlich fehl am Platz wirkten.

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Fröstelnd öffnete Jamie den alten Buick von Denis und liess sich mit einem Seufzer auf die ausgeleierten Polster sinken, die das mit einem nervigen Quietschen quittierten. „Eines Tages werde ich wirklich die Oberhand haben, Zach. Und dann wirst nicht Du es sein der mich überrascht, sondern umgekehrt.“  Beim Starten gab der Motor ein recht asthmatisches Husten von sich. Tausend Gedanken drehten sich wie wilde Wirbel auf der halbstündigen Fahrt zu seinem Loft in Jamie’s Kopf. So viel zu lernen. So wenig Zeit!

Der Buick hatte keine Freisprecheinrichtung, und als das Handy läutete, beachtete er es nicht. Doch nachdem es sich erneut meldete, warf er einen Blick aufs Display. Red! Den hatte er sowieso ins Bild setzen wollen.

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Er hob ab, rief „Moment, gleich!“ und lenkte den Wagen mit einer Hand um die Ecke. Dann fuhr er rechts ran und drosselte den Motor, griff nach dem Handy „so, sorry musste erst parken. Schön Dich zu hören, Red!“.

„Hallo Jamie! Sag wo steckst Du?“

„Gerade vom Lethe weggefahren, nach einem Date mit unserem blutsaugenden Freund. Wieso?“

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„Du bist also auf dem Heimweg?“

„Jap. Was ist denn los, Red? Du klingst merkwürdig. Ist Honolulu am Versinken?“ Man konnte im Hintergrund hallende Lautsprecher hören, fast klang es als befände sich sein Lehrer in einer Bahnhofshalle oder Untergrundbahnstation. Jamie öffnete die Tür um sich an dem Kiosk noch schnell eine Cola zu besorgen, nach der Unterhaltung mit Zach hatte er einen extrem trockenen Hals.

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Ein dunkles Lachen. „Nein Junge, nicht dass ich wüsste…….und wenn bekäme ich es nicht mit! Bin soeben auf dem Newark Flughafen gelandet. Wollte Dich sehen, muss was mit Dir besprechen. Würde es Dir Umstände machen mich zu beherbergen? Oder wird das zu eng in Deinem Loft? Dann könnten wir uns auf der Insel treffen.“

Jamie hätte fast das Handy fallen lassen. Nach einem gierigen Schluck aus der Coladose brummte er verblüfft „Nee nee, bin auf dem Weg zu meinem Loft und Isar habe ich wegen diverser Umstände zu seinem Vater geschickt. Dich krieg ich schon noch unter wenn es Dir nichts ausmacht mit mir mein Sofa zu teilen, weisst ja, jab kein Bett.“

„Kein Problem, Jamie. Dann rufe ich jetzt ein Cab.“

„La Guardia, sagtest Du?“

„Nope, Newark. Warum?“

„Ich habe Denis‘ Wagen hier. JFK oder La Guardia wären näher, aber kein Problem – falls Du ein wenig Geduld hast sammele ich Dich ein. Um diese Zeit dürfte nirgends ein Stau sein……….“ Er machte sich daran wieder einzusteigen und fragte in Red’s knappes „Fein, dann warte ich bei der Gepäckausgabe.“ hinein: „Und das hättest Du nicht telefonisch machen können? Was mit mir besprechen?“

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„Nicht wirklich, weil ich Dir auch etwas zeigen muss. Bis gleich Jamie!“ Dann legte der alte Schamane auf als hätte er Angst Jamie würde sich das mit dem Abholen anders überlegen.

Auf der Fahrt zum Newark Airport hatte Jamie Zeit, sich Diverses durch den Kopf gehen zu lassen. Er war müde und Zach beherrschte immer noch seine Gefühle, so wie nach jeder Begegnung mit dem Vampir war dessen Präsenz schwer abzuschütteln. Auch wenn NY nie schlief, so hielt der nächtliche Verkehr sich gottlob in Grenzen.

Bevor er bei Einbruch der Dunkelheit ins Lethe aufgebrochen war, hatte ihn seine Chefin Christine angerufen und sich erkundigt, ob ihm überhaupt noch etwas an seinem Job läge. Es war eine unangenehme Unterhaltung gewesen. Christine war deutlich verärgert und machte daraus auch keinen Hehl. Das Telefonat hatte damit geendet, dass sie ihm nahelegte spätestens am Montag seinen Arsch ins Theater zu bewegen, da sie sich ansonsten nach Ersatz für ihn umsehen würde. Ratlos hatte er darüber gegrübelt wie er die immer intensiver werdenden Aufgaben, die sein Dasein als – wie Zach es ausgedrückt hatte -‚frisch geschlüpfter Magus‘ mit sich brachten, erledigen sollte und gleichzeitig Isar behüten und beschützen, und auch noch regelmässig zum Job gehen.

Schliesslich war es Zeit gewesen aufzubrechen. Eine Lösung hatte er nicht gefunden. Jamie war Tänzer aus Passion, aber seine Anstellung in Christines Theater war schliesslich auch seine einzige Einnahmequelle! Und seine Ersparnisse schrumpften bereits durch den unbezahlten Urlaub in bedenklichem Ausmaß!

Als der Parkplatz des Flughafens vor ihm auftauchte, seufzte er abgrundtief auf. Hoffentlich würde, was immer Red ihm sagen und zeigen wollte, nicht noch mehr Durcheinander in sein chaotisches Dasein bringen. Wie sonderbar zerfranste Scherben tauchen die Bilder des Traums, den er in der Nacht zuvor geträumt hatte, vor seinem geistigen Auge auf. In diesem durchaus angenehmen Traum war er mit seinem Prinzen in einen Club gegangen um zu tanzen. Sie hatten Spass, einige Bekannte von Jamie waren vor Ort, zogen ihn wegen seiner offensichtlichen Verliebtheit auf, und man neckte sich lachend. Doch dann war Isar vorzeitig aufgebrochen mit dem Hinweis es gäbe Ärger an Oberon’s Hof. Und dieser Ärger könne blutig enden. Er würde gebraucht. Dann hatte er sich vor Jamie’s Augen in Luft aufgelöst, mit der Zusage auf sich zu achten und möglichst in der letzten Reihe zu kämpfen.

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Beunruhigt parkte der Magus den Buick und während er zum Eingang lief, fühlte er nach dem Seelenband, welches ihn und Isar seelisch und feinstofflich verband. Dann entfleuchte ihm ein amüsiertes Lachen. Eine Welle von Lust überschlug ihn sobald er sich eingefühlt hatte. Vermutlich war sein Gefährte damit beschäftigt, irgend einen knackigen Höfling oder auch eine hübsche Magd zu ficken. Beruhigt betrat er den Airport.

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Was immer am Hofe des „Satyrkönigs“ los war, im Augenblick schien es Isar gut zu gehen.

Jamie spähte durch die Ankunftshalle, aber seinen alten Lehrer konnte er nirgends entdecken. Was hatte er gesagt? Am Gepäckband? Normalerweise reiste Red doch allenfalls mit einer kleinen Tasche, wieso nun mit viel Gepäck das nicht mit an Bord durfte? Hoffentlich hatte er sich nicht auf einen wochenlangen Aufenthalt bei Jamie gerüstet, denn dafür wäre das Loft dann doch definitiv zu klein. Das war es ihm ja sogar auf Dauer mit Isar, und das war bei Gott etwas völlig Anderes! Seine suchenden Augen glitten durch den Raum………ah da hinten ging es zu den Gepäckbändern!

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Dort angekommen schien Red aber auch nirgends zu sein, stirnrunzelnd unterdrückte Jamie ein Gähnen, während die Ansagen in seinen Ohren schallten. „Der kleine Jamie sucht seinen Lehrer“, murmelte er in komischer Verzweiflung.

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Just in dem Moment schallte es von schräg hinter ihm „Dann soll er sich mal umdrehen!“ Das Gelächter auf beiden Seiten war gross, als Jamie bemerkte, dass er blind wie ein Maulwurf offenbar an Red vorbei navigiert war, der entspannt und so gelassen wie meist auf einer der Wartebänke hing. Ein Bein untergeschlagen. Und ohne jegliches Gepäck!

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„Da bist du ja!“ Sie begrüssten sich schulterklopfend und man konnte sehen das Red durchaus bemerkte wie müde und abgeschlagen Jamie wirkte.

„Was ist denn so dringend, Red?“

„Das werde ich Dir in Ruhe erzählen sobald wir aus diesem Trubel hier raus sind.“

„Wartest Du noch auf Dein Gepäck?“ Red hob die kleine Reisetasche, die er unter seinen Sitz geschoben hatte. „Nee. Das hier ist alles. Aber hier ist es etwas ruhiger als vorne in der Ankunftshalle.“

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„Gut. Dann lass uns aufbrechen, Red! Ich bin todmüde, aber ich bin auch gespannt was Dich her führt.“

Während sie gemeinsam dem Ausgang entgegen strebten, berichtete Jamie Red im Telegrammstil, was sich in NY zugetragen hatte, und das es nun galt, den Technokraten zu verunsichern, aufdass dessen Aufmerksamkeit bezüglich Vampiren abnehmen möge.

Auf der Fahrt zu Jamie’s Loft ließ sich Red kaum Würmer aus der Nase picken, lediglich das er Jamie anderntags zu einer Immobilie führen würde, und das man ihn brauche, liess er sich entlocken. „Nun sag schon. Ich werde kaum Schlaf finden wenn Du jetzt nicht mal damit raus kommst, Red.“

Nachdem Jamie ihnen einen steifen Kaffee gebrüht hatte und sie es sich auf seinem Sofa zum Sound von Peter Green gemütlich gemacht hatten, begann Red dann zu berichten was ihn nach NY führte. Und Jamie traute seinen Ohren kaum.

 

 

 

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2 Kommentare zu „Kap27: Unerwarteter Besuch

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