Kap26: Das Tier in ihm… (Teil 2)

Fortsetzung:

Langsam hob sich seine Hand zu dem Finger neben seinem Mundwinkel. Dann öffnete er den Mund, zog Zachary’s Finger blitzschnell zur Seite und sog ihn ein, schloss seine Lippen darum und begann, mit der Zunge an der kühlen Fingerkuppe zu spielen.

Jamie wusste, das er mit dem Feuer spielte. Aber wenn er lernen wollte Zachary besser einzuschätzen, musste er ab und an eine kleine Provokation riskieren. Der Finger schmeckte nicht viel anders, als alle anderen Finger an denen Jamie jemals gesaugt hatte – aber er fühlte sich irgendwie völlig anders an. Es war nicht nur die Kühle der Haut. Während seine Zunge die Fingerkuppe umkreiste, nahm Jamie für keine Sekunde die Augen von Zachary, der nun Jamie’s Locken losliess und sich ihm langsam und sehr kontrolliert entzog. „So viel zu sehen. So wenig Zeit, alles zu malen.“

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Mit diesen Worten machte er einen Schritt zur Seite und drehte sich zum Kamin, als sei es ihm unangenehm von Jamie so intensiv gemustert zu werden. Dieses Abwenden zauberte eine leichte Befriedigung in die beobachtenden Augen des Magus, die nächsten Worte fallen in diese Befriedigung hinein wie nährendes Manna und verstärken sie noch: „Aber Du solltest nicht versuchen, mein Spiel gegen mich zu spielen. Ich fühle den echten Teil der Neugier in Dir. Es wäre gesünder, wenn Du dem nicht nachgibst.“

„Ich spiele Dein Spiel gegen Dich?“ Ein kehliges, leises Lachen das die Befriedigung nun auch hörbar machte. Doch die rhetorische Frage wurde mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken des Toreadors quittiert. „Du setzt auf meine Beherrschung. Das mag ein Spaß und ein netter Zeitvertreib sein. Aber Du wirst keine Zeit haben, es zu bereuen, falls Du zu hoch gepokert hast. Deshalb … lass es einfach.“

Da war er, der Beweis den Jamie gesucht hatte. Er hätte Zach gerne gefragt, ob er sich selbst damit schützte um dem inneren Tier nicht unterliegen zu müssen, was vermutlich einem Versagen gleichkam – oder ob er damit Jamie zu schützen beabsichtigte. Vielleicht auch beides. Fakt war jedoch, und das wurde in diesen Sekunden so klar wie nie: Der Toreador hatte in keinster Weise vor, Jamie zu Seinesgleichen zu machen.

Er schluckte die Frage hinunter und sagte stattdessen leise aber immer noch in einem etwas provokanten Tonfall: „Darf ich Dich daran erinnern, dass ich nicht im geringsten Deinen Gusto treffe? Ich bin langweilig, Zachary. Verdammt wenig Trash! Und Neugierde ist das was einen Menschen lernen lässt. Ohne ist man statisch, also tot. Was das bedeutet muss ich Dir nicht sagen, das ist ein Teilaspekt Deines Daseins. Ich weiss Deine Fürsorge zu schätzen. Wirklich. Und ich danke Dir für Dein Vertrauen. Denn mir durch die Blume mitzuteilen dass Du an Deiner Selbstbeherrschung zweifelst ist sicher nicht leicht. So wie es vermutlich auch nicht leicht ist, gegen das anzukämpfen das da so gern an die Oberfläche möchte. Aber ein Spiel kann niemals einseitig sein, Zach, sonst ist es keins. Ich gönne Dir Deine Unterhaltung, aber ich sorge auch für meine. Und das Risiko des Pokerspiels trägt der Pokernde selbst, nicht wahr?“

Ein Kopfschütteln des blassen Collegeboy-Fakes: „Junge, Du nimmst aus diesem Handel mit, dass ich mir Deinen Technokraten nicht nur ansehe sondern Dir auch einen Ansatzpunkt liefern werde, vielleicht mehr. Das ist Deine Wertschöpfung. Ich unterhalte mich, sei unbesorgt. Aber du hast keinen Respekt vor dem Tier. Und das ist gefährlich. Ich habe in langen Jahren gelernt, es zu fürchten. Und ich weiß sehr genau, warum ich das tue. Das Tier teilt nicht meine Vorlieben. Es schert sich einen Dreck um meine Gesundheit oder gar meinen Geist. Das Tier existiert nur, ist reiner Instinkt. Trieb ohne Leine. Du kennst es nicht – was vermutlich der Grund ist, dass du damit spielst.“

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Das waren allerdings neue Informationen. Das ein Vampir die Gewalt über die Bestie im Inneren verlieren konnte war hinreichend bekannt. Allerdings hatte Jamie zuvor nicht geahnt, dass dieses Tier so ganz und gar nicht nach den Vorlieben dessen fragte, in dem es hauste. Nicht, dass es offenbar schwierig war es an der Leine zu halten selbst wenn die vermeintliche Beute ein nicht sonderlich wohlschmeckendes, trashloses Individuum wäre. Und ganz offensichtlich waren Erotik und sexuelles Verlangen die Triebfeder die es aufzuwecken vermochte. Der leicht provokante Tonfall  des Magus weicht einem ziemlich nachdenklichen.

„Du irrst wenn Du glaubst ich würde keinen Respekt vor der Bestie in Dir haben. Du irrst ebenfalls, wenn Du glaubst ich wüsste den Handel nicht zu schätzen, auch wenn mir nicht ganz klar ist wo Deine Wertschöpfung liegt. Vielleicht ja darin, von Zeit zu Zeit meine Träume zu lenken? Was auch immer es ist Zachary…………Du wirst schon auf Deine Kosten kommen, sonst wäre ich nicht hier. “

Mit einer sehr kontrollierten, überaus zarten Geste hob Zach die Schultern. „Das werde ich. Aber ich neige dazu, dem Tun und Lassen von Sterblichen unangemessen viel Raum in meinem Denken zu schenken. Und wenn ich mir nun auch noch Gedanken über einen frisch geschlüpften Magus machen muss, der mit dem Tier Stöckchenwerfen spielen möchte, beeinträchtigt mich das. Du sagst, Du respektierst das Tier. Nun, dann glaube ich das. Fürs Erste…“

Jamie hörte auf mit dem Bändel seines Shirts zu spielen und schauet hoch zu Zach. „Ich vermag kaum zu ermessen wie viel Kraft es Dich kostet die Bestie in Schach zu halten, Junge.“ Das ‚Junge‘ kam beinahe in einem zärtlichen Tonfall über seine Lippen und zum ersten Mal für diesen Abend war Jamie tatsächlich ganz und gar er selbst. „Und das Wissen darum wie viele Deiner Art diesen Kampf bereits verloren haben macht es sicherlich nicht einfacher. Ich beneide Dich nicht darum. Und ja, Du kannst es glauben. Ich gehöre nicht zu denen die einfach die Hand in einen Zirkuskäfig stecken weil sie vergessen haben das auch ein gezähmter Tiger ein wildes Tier bleibt.“

Ein kurzes, fast hartes Lachen.  „Stöckchen werfen………ha, nein. Das war es nicht, Zachary. Nun gut. Ich komme langsam dahinter was deine Wertschöpfung ist. Die Beobachtung des Tuns und Lassens von Sterblichen ist Deine Muse, hm? Du würdest eingehen wenn Du nicht ’so viel zu sehen – so wenig Zeit alles zu malen‘ hättest………….!?“

„Ich teste die Grenzen durchaus auch selbst. Was darin begründet sein mag, dass mein Tier viel dichter hinter den Augen lebt als zum Beispiel bei John. Ja, ich schätze die Sorglosigkeit und das Sich-fallen-lassen der Sterblichen. Und ich hasse es daran erinnert zu werden, dass mich davon die Wand trennt die mich am Leben hält.“ Er wandte sich ein wenig ab, fixierte das Bett und die Kamera ohne sie wirklich zu sehen. „Aber das ist nicht Deine Sorge. Du wirst jetzt erst einmal den Technokraten aufscheuchen. Nicht so, dass er Dich angreift, aber so, dass er sich auf Dich konzentriert. Und dann werde ich sehen, was ich tun kann.“

Das Signal zum Aufbruch lag deutlich in diesem Résumé. Doch bevor Jamie sich erhob, stach ihn nun tatsächlich der Hafer. Und er brachte es fertig seine eigenen, zuvor durchaus wahrheitsgemäßen Worte das er das Tier durchaus respektiere, ad absurdum zu führen. Er  lächelte nämlich in Richtung des Alptraumbilds…….(warum auch immer)………. und legte den Hinterkopf auf die Rückenlehne. „Einen Nachschlag bevor ich gehe?“………..sein Hals war völlig ungeschützt, er schloss sogar die Augen. Dabei waren all seine Sinne aufs Höchste angespannt, aber er schaffte es tatsächlich das nicht zu zeigen und nicht wachsam sondern viel zu vertrauensselig zu wirken.

Der Toreador atmete tief ein. Bei Vampiren nie ein wirklich gutes Zeichen, zeigte es doch den Rückfall in das unkontrolliert-Menschliche an. Seine Stimme klang rau. „Sei vorsichtig! Sehr vorsichtig!“ Jamie öffnete die Augen wieder und erhob sich grinsend. „Ich werde ein Wegwerf – Handy kaufen und so tun als hätte eine Textnachricht sich verirrt……..sobald ich genau weiss woran Hippolyte arbeitet. Soll er ruhig glauben ein Konkurrent seiner Forschung spioniere ihn aus…………..ich lasse es Dich wissen wenn ich der Meinung bin das das Ziel erreicht ist, und seine Aufmerksamkeit für Wesenheiten des Umbra sinkt.“

Dann geschah es wieder. Diese Zeitrafferbewegungen konnten Jamie nicht mehr so verblüffen wie anfänglich, aber dennoch neigte er weiterhin dazu sich ein wenig zu erschrecken wenn sie auftauchten. Die Geschwindigkeit in der Zach’s Hand sich seiner Wange näherte war nicht menschlich. Ganz und gar nicht menschlich. Ein flüchtiges Streichen über Jamie’s Wange, dann stand der Magus wie eine Eins.

„Das klingt gut. Und mach Dir keine Sorgen. Du bist wirklich sehr unterhaltsam.“, ein sehr hintergründiges Lächeln, das alles und nichts bedeuten konnte.

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„Schön zu hören.“ Seine Stimme transportierte eine gelinde Unbeeindrucktheit über die letzte Aussage. Jamie’s Hand legte sich kurz auf die schmale Schulter und strich leicht darüber. „ich wünsche aufregende Nächte und erholsame Tage, Zachary. Du hörst von mir.“

Das Lächeln des Vampirs war ehrlich. „Ich freue mich.“ Man konnte Jamie anhören das es ihm nicht leicht fiel ein eben so ehrliches „Ich mich ebenfalls“ zurück zu geben – sobald er nämlich dieses leichte Überlegenheitsgefühl fahren liess, konnte er fühlen wie unsicher er trotz aller aufgesetzter Sicherheit im Grunde seines Herzens war. Als die Eisentür hinter ihm zu fiel, war er in Gedanken bereits bei der Frage wie er die whatsapp Nummer des Technokraten in Erfahrung bringen sollte. Er sah nicht mehr, wie Zach zu den Bildern schritt und wie versonnen er darauf starrte.

Auf dem Parkplatz angekommen, öffnete Jamie den alten Buick von Denis und liess sich mit einem Seufzer auf die ausgeleierten Polster sinken, die das mit einem nervigen Quietschen quittierten. „Eines Tages werde ich wirklich die Oberhand haben, Zach. Und dann wirst nicht Du es sein der mich überrascht, sondern umgekehrt.“  Beim Starten gab der Motor ein recht asthmatisches Husten von sich. Tausend Gedanken drehten sich wie wilde Wirbel auf der halbstündigen Fahrt zu seinem Loft in Jamie’s Kopf. So viel zu lernen. So wenig Zeit!

 

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2 Kommentare zu „Kap26: Das Tier in ihm… (Teil 2)

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