Kap26: Das Tier in ihm…..(Teil 1)

Nein! Er konnte nicht paranoid werden. Mag sein das der Bettler, der so eilig seinen Einkaufswagen mit seiner spärlichen Habe um die Ecke schob als Jamie den geborgten alten Wagen auf dem Parkplatz des Lethe einparkte, ihn zuvor viel zu lange beobachtet hatte. Ja mag sein. Mag auch sein, dass der Typ mit dem Ledermantel einem Krimi entsprungen sein konnte. Das alles mochte durchaus sein. Aber wenn er anfangen würde, hinter jedem Passanten einen Technokratenspion zu sehen, würde er durchdrehen und nicht als guter Magus enden, sondern als guter Einwohner einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung!

Er schloss Denis‘ alte Kiste ab und klingelte an der Lethe Tür. Erstaunlicherweise war es nicht die asiatische Türsteherin, sondern ein ziemlich übel in einem Cockney Akzent herum mosernder Kerl, der ihm öffnete um ihn wissen zu lassen, dass er ja hier nicht der Portier sei und das der Gast gefälligst den Weg selbst zu finden habe. Jamie hatte sich seine Wut vom Morgen erhalten, allerdings war sie inzwischen eher eisig als heiss, und das mochte ihm durchaus bei der bevorstehenden Begegnung mit dem Toreador dienen! Er rümpfte die Nase ob des Gestanks der polnischen Zigarette des Typen. Dieses Gefühl der kalten Wut sorgte für eine Art kühler Überlegenheit in Jamie. Lediglich eine Braue lupfend kommentierte er im Vorbeigehen: „Wow, Lotusblüte, Du hast Dich aber verändert!“ Die aus seiner Bemerkung reslutierende Tirade liess er unbeeindruckt an sich vorbei ziehen.

Er hatte nicht erwartet, dass Zach auf sein Klopfen reagieren würde, aber Ordnung muß sein. Nachdem er still bis zwanzig gezählt hatte, klinkte er die Eisentür auf und trat ein. Das erste, was ihm auffiel, war die geänderte Einrichtung. Der Käfig in der Raum Mitte war verschwunden, die Sitzgruppe von rechts nach links gewandert. Ein anderes Bett, weniger modern und dafür in Jamie’s Augen recht schwülstig, komplettierte das immer noch vorhandene Filmset. Ein Poolbilliard Tisch.

Mit einer Stimme die deutlich akzentuierter und samtiger als sonst klang und mit einer Art von seidiger Ironie grüsste er: „Guten Abend Zachary! Dein heutiger ‚Alleinunterhalter‘ ist angekommen.“ Zach sass in einem Sessel und starrte in den neuen Kamin, auf dem gefühlte tausend Kerzen standen. Doch der Kamin war keine Sensation – die Bilder die darüber angebracht waren, durchaus!

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Nicht nur die ihm bekannten Aktbilder seines Prinzen, nein, auch ein Gemälde von Oberon und vor allem eins aus seinem Alptraum prangten dort! Desweiteren sah er zwei Zeichnungen die wohl eine Art Selbstportraits darstellten – vermutlich handelte es sich bei der zweiten Person darauf um den berühmten Partner von Zach.

Als die Stimme des Toreadors erklang, schaffte Jamie es schliesslich die Augen von dem Alptraumbild loszureissen, um das absolut entwaffnende Lächeln in Zachary’s Zügen wahrzunehmen.  „Ist das gerecht? Hattest nicht Du um eine Unterredung gebeten?“

„Wäre es gerecht wenn ich Deine Bitte „sei unterhaltsam“ ignorieren würde?“ Mit betont entspannten Schritten bewegte der Magus sich auf den Toreador zu, der trotz der folgenden Worte dieses Lächeln beibehielt. „Das ist nur eine der Voraussetzungen. Ich habe den atlantischen Ozean für dich überquert, habe meine Freunde im alten Land zurück gelassen – da ist ein bisschen Unterhaltung doch das Mindeste. Aber ich habe auch wenig Zweifel, dass ich die bekommen werde. Denn zweifellos ist wieder einiges passiert.“

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„Du hast den Ozean für mich überquert! Du hattest das nicht sowieso schon vor……neeein das was im Brief mit den Bildern stand war so dahin gesagt………verstehe.“

Jamie machte eine angedeutete Verbeugung gepaart mit einer weit ausholenden, galanten Armbewegung zur Seite „Zachary………ich bin da. Wie unterhaltsam ich bin liegt vermutlich ganz und gar bei Dir. Ich glaube nicht, dass ich Dir mit einem Korb voll Drama dienen kann, aber über diese Würze verfügst Du selbst in ausreichendem Maße. Was die Grundspeise ist, sprich was alles geschehen ist wirst Du erfahren sobald Du Dich dazu durchringen kannst mit dem Leiden aufzuhören und mir einen Platz anzubieten.“

Er hatte überhört das ihm Zachary bereits einen angeboten hatte, als er das wiederholte, liess sich Jamie in den Sessel gleiten. „Nimm doch Platz. Nimm einen Vodka. Und dann erzähl mir, was geschehen ist, das die Hilfe eines Kainiten benötigt!“

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„Danke sehr. Aber Du weisst doch, ein Koberind braucht keinen Vodka……….London scheint Dir gut bekommen zu sein, Du siehst…….erholt aus. Nun, ob Du helfen kannst weiss ich nicht. Unser gemeinsamer Freund aber scheint davon überzeugt zu sein.“ Eine Kopfbewegung, welche dazu führte das er mit dem Kinn leicht gen Oberon’s Bild deutete.

„Oberon hat ein seltsames Faible für … Wesen, die er nicht unter den Tisch trinken kann. Aber ich vermute, er hat sich – wie immer – gleichzeitig sehr konkret und völlig vage ausgedrückt.“

„Gut dann will ich Dich mal ins Bild setzen. Wie vage du das findest vermag ich nicht zu beurteilen. Erstens, Oberon fühlt sich beobachtet und zweitens, man hat einen seiner Geister vernichtet. Er ist der Ansicht, der Technokrat könnte dahinter stecken, was ich persönlich eher bezweifele, aber das ist nur mein bescheidener Instinkt dem ich im Augenblick etwa so viel Vertrauen schenke wie einer hinter einer Koralle lauernden Muräne.“

„Oberon ist klar, dass ich die Geister des Umbra weder sehen noch spüren kann. Wie kommt er darauf, meine speziellen Talente könnten von Nutzen sein?“

„Er ist der Meinung ich könne den Technokraten ausspionieren. Vermutlich hat er dabei auch an Dich gedacht.“ Zach wirkte kurzfristig amüsiert und ließ sich dazu herab, Jamie dieses Gefühl zu übermitteln, was sich anfühlte als würde man mit einer handvoll Zuckerwatte in eine kurze Euphorie geschlagen, die sich dann für ein paar Sekunden in maximale Nüchternheit verkehrt. „Dazu muss ich ihn erst einmal finden. Dann kann ich sehen, was er aufgeboten hat, um Leute wie mich fernzuhalten. Und dann sehe ich mir an, was in seinem Kopf vorgeht.“

Diese Übermittlung traf Jamie völlig unvorbereitet, und für einen Moment musste er einen Gesichtsausdruck haben wie ein Kind kurz vor der Bescherung am Heiligabend. Ein „oops“ entglitt seiner Kehle. Sicher. Zachary hatte offenbar begonnen sich ‚Unterhaltsames‘ zu gönnen. Also nannte er Zachary den Namen und übermittelte ihm nun seinerseits ohne Vorwarnung die Bilder der Wohnung, die Lung für ihn besorgt hatte. Er fühlte sich dabei nicht sicher, aber interessanterweise sicherer und routinierter als er selbst erwartet hätte. Wie immer nahm er seine wachsenden Magus-Fähigkeiten erst beim Tun wahr und verblüffte sich selbst.

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Der Vampir hatte bei der Plötzlichkeit der übermittelten Bilder erstaunt die Hände in die Armlehnen gekrallt, dann aber den Kopf lächelnd in den Nacken gelegt und so den bleichen Hals entblößt. „Ah, interessant. Sehr wertkonservativ, unser Ziel. Das ist fast ein wenig schade und enttäuschend. Also gut. Damit haben wir einen Ort. Ich sehe zu, dass ich … satt genug bin, um mich dort angemessen umsehen zu können. Dann suche ich ihn.“ Die Augen öffneten sich unvermittelt und sahen Jamie direkt an.  „Aber ich werde mich nicht allein aus dem Fenster lehnen. Du wirst bei Tag dafür sorgen, dass er nicht auf die Idee kommt, sich bei Nacht schützen zu müssen.“

Jamie hatte Zach während der Übermittlung so aufmerksam wie das bei einem so ungwohnten Tun geht, beobachtet. Dessen Worte allerdings verwirrten ihn ein wenig. „Ja, das hat mich auch verblüfft……ich hätte eine sehr moderne, technische Umgebung erwartet. Schau die Monitore, der Rechner, Zach………viel DNA, viele Studien über Cyborgs…….glaubst Du das Hippolyte sich nicht grundsätzlich schützt? Täusche ich mich wenn ich vermute das eine bestimmte Art von Paranoia bei Technokraten schon fast zum guten Ruf und zum Savoir Vivre gehört?“

Ein Schulterzucken seines blassen Gegenübers. „Technik interessiert mich nur im mechanischen Sinne. Die komplexeren Vorgänge nutze ich nur..“ Eine elegante Handbewegung zum Tablet  welches auf dem Tisch ruhte „.. aber verstehe sie nicht in ihrer Gänze. Und wir beide haben nicht die Gedankengänge eines Technokraten. Vielleicht ist es auch nur ein neuartiger Toaster. Aber was ich gemeint habe ist, dass er ruhig paranoid sein soll. Doch eine zielgerichtete Paranoia schafft Hintertüren. Wenn er glaubt, dass ihn ein anderer Magus ausspionieren will, Wirtschaftsspionage wenn Du es so willst, lässt er wahrscheinlich Sicherheitsvorkehrungen gegen meine Art ein wenig schleifen. Denn er rechnet nicht damit, dass Du einen Kainiten dabei hast. Soll heißen – Du schaffst eine Ablenkung. Wie Du das tust ist Deine Sache“

Nun fiel bei Jamie der Groschen, und er nickte heftig um das zu signalisieren. Schoss dann seine nächste Frage ab, mit einer bewusst naiven Stimmlage, viel zu naiv als das der Vampir es ihm wohl abkaufen würde: „Noch etwas, Zachary, und es ist etwas wobei ich ……..den berühmten blinden Fleck habe den man hat wenn etwas einen zu sehr betrifft…………Oberon war der Meinung, Isar und ich hätten etwas sehr Ungutes angezogen das uns……….immer näher käme. Ach by the way………….ich könnte Dir als Unterhaltung noch meine Verblüffung anbieten wenn Du mir mitteilen würdest woher du ihn mit seinen Schwingen malen konntest……….habe ich mich überhaupt je für die Bilder bedankt?“

Da war es wieder, dieses amüsierte Zucken um Zach’s Mundwinkel. Statt einer Antwort hatte er sich erhoben, war zu Jamie hinübergegangen und hatte ihm die Fingerspitzen auf die Schultern gelegt. Diese unglaubliche Präsenz – selbst wenn man ihn nicht ansah, konnte man ihn so extrem deutlich fühlen!

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„Ich habe keine Ahnung, was Oberon meint. Wie gesagt – wir Kainiten sind zweifellos viel weltlicher als praktisch alle anderen .. ungewöhnlicheren Bewohner dieser Welt. Und ich habe im Gegensatz zu manchen meiner Freunde auch wenig Erfahrung mit Thaumaturgie. Eigentlich überhaupt keine. Aber falls ich trotzdem etwas bemerken sollte, werde ich es mit Interesse beobachten.“ Seine Finger berührten kurz Jamies Halsseiten, streiften die Schlagader. „Und das Bild … Nun, ich sehe in den Geist. Ich habe ihn bei Dir gesehen. Sie waren da.“

Jamie atmete hörbar und tief ein, als Zach’s Finger die empfindliche Seite seines Halses streiften. Thaumaturgie………erst dachte er, der Toreador habe sich versprochen und „Traumaturgie“ gemeint, das hätte allerdings Null Sinn ergeben. Dann erinnerte er sich dunkel an eine Lektion von Red, in der er über die seltene Fähigkeit der Blutmagie bei Vampiren gesprochen hatte – Thaumaturgie genannt.

„Das ist interessant, Zachary. Denn das bedeutet das meine Fähigkeiten höher sind als es menschenmöglich ist. Sag, leidest Du häufig an Langeweile?“ Nun klang er trotz seiner inneren Anspannung wieder extrem ruhig und gelassen, aber auch eine Spur Listigkeit tauchet im Tonfall auf die zuvor nicht da war.

Er zwang sich dazu sich ganz betont lässig im Sessel zurückzulehnen, damit Zachary den Hals besser erreichen konnte. Er verdrehte die Augen so weit es ging um das Gesicht des Toreadors wenigstens im Augenwinkel sehen zu können, doch selbiges zeigte keine Regung. Stattdessen wanderte die kühle Hand in seine Locken und brachte seinen Kopf in eine von Zachary gewünschte Position in der er ihn sanft aber bestimmt hielt.“Du solltest Dir Gedanken machen, wenn deine Fähigkeiten schneller wachsen als deine Möglichkeiten, sie zu kontrollieren. Sonst fressen Dich die Wesen, die jagen, bestimmt auf. Und Langeweile ist etwas, das sich nach ein paar Jahrzehnten durchaus einstellen mag. Zum Glück bin ich fähig, mir Unterhaltung zu suchen.“

„Ja……..das bist Du wohl. Aber bist Du nach so vielen Jahren nicht der Menschheit überdrüssig? Ich meine, die Menschheit ist durchaus etwas woran man verzweifeln kann, und worin man jegliches Vertrauen verliert, nicht wahr? Ist Dir je durch den Kopf geschossen, dass Unterhaltung plus Vertrauen einen ganz neuen Kick geben könnte?“ Er hielt den Kopf ganz ruhig, hochkonzentriert die leise Furcht sehr effektiv ignorierend. Isars Worte bezüglich seiner Fähigkeiten mit einem Toreador Schlitten fahren zu können fielen ihm ein – aber auch diese Erinnerung verdrängte er schneller als irgendwer sie erfassen könnte. Dann sagte er trocken. „Die Schwingen hast Du nicht aus meinem Geist, Zach. Und ich bin nicht Dein Feind. Also?“

„Nein, ich bin gar nichts überdrüssig. Im Gegenteil. Ich hole mir alles, was ich brauche aus der Fähigkeit der Menschen, immer schneller immer heller zu brennen. Kainiten wie John oder mein Vater, Alessandro, ziehen sich lieber zurück und suchen nur Gesellschaft von Ihresgleichen. Aber ich habe eine wohl ziemlich unheilbare Sucht nach Trash. Nach dem, was beim Leben abfällt.“ Immer noch hielt er Jamies Schopf. Mit der anderen Hand berührte er sanft dessen Wange. Kühl lagen seine Finger direkt neben Jamies Mundwinkel. „Und was Deine nächste Frage betrifft … ich vergesse nie. Und auch der König der Satyre hat manchmal einen offenen Geist, was er vermutlich sehr bereut.“

Das Lachen brach ein wenig bitter aus Jamie’s Kehle. „Darauf hätte ich kommen können!“

Dann tat er etwas ziemlich Offensives, zumindest fühlte es sich für ihn offensiv an. Er musste seine Grenzen austesten, er musste lernen Zachary besser einzuschätzen. Langsam hob sich seine Hand zu dem Finger neben seinem Mundwinkel. Dann öffnete er den Mund, zog Zachary’s Finger blitzschnell zur Seite und sog ihn ein, schloss seine Lippen darum und begann, mit der Zunge an der kühlen Fingerkuppe zu spielen.

(Fortsetzung folgt.)

 

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