Kap22: Umwege

In einem Moment waren Isar und Jamie noch auf dem Orakelplatz. Und im nächsten Moment würden sie wieder auf Unicorn Isle sein. So funktionierten die Reisen durch Raum und Zeit, durch das was Jamie gern als „Wurmlöcher“ bezeichnete, auch wenn dieser Begriff es nicht ganz traf. Lung war gerufen worden und erschienen überraschend schnell um sie nachhause zu geleiten. Diesmal hatte Jamie die Augen geschlossen, denn zuweilen machte ihn so eine Raumreise etwas schwindelig.

Um die Reise anzutreten griff er nach Isar’s Hand. Die Nacht in der Hütte des Orakelortes war heiss gewesen, die Erinnerung ebenso heiss. Daher bemerkte er nicht sofort das etwas anders war als sonst. Dieser Zug, die Art wie das physikalische Befinden auf den Kopf gestellt wurde…..der Eindruck von einem Zustand ähnlich der Schwerelosigkeit..alles wie immer. Bis……….

Bis es sich plötzlich anfühlte als würde er aus der ziehenden Bewegung heraus gerissen, seitlich fortgeschwemmt und ein Looping vollführen. Irritiert hatte er die Augen aufgerissen. Bereits im gleichen Moment fühlte er den leichten Ruck, der eintritt wenn der Körper wieder Materie unter den Füßen hat und das eigene Gewicht plötzlich wieder eine Rolle spielt. Leise Musik klang gedämpft von irgendwo an seine Ohren, geschmückt von ebenso leisem Lachen, fast war es als befände er sich oberhalb eines Ballsaals. Doch die Szene die sich ihm bot war mehr als surreal. Als er im ersten Moment erschreckt die Luft einsog, roch sie nach Natur. Gras. Erde. Frühling, ja – beinahe Frühling!

verhinderte-heimreise-1_001

Der Raum drehte sich etwas. Es schien als würden bestimmte Dinge in der Umgebung verblassen und wieder an Form und Farbe gewinnen. Nach und nach schälten sich Umrisse in sein Sichtfeld. Das Erste war ein Thron. Flankiert von zwei kleinen Felsbrocken aus denen unablässig eine leuchtend blaue Energie strömte, und die zwei Bäumen als Halt dienten welche im gleichen Farbton blühten. Auf dem Thron saß Oberon, einen schlafenden Welpen locker im Arm. Zwei oder drei Hirsche waren damit beschäftigt die Grasbüschel zu äsen, welche aus den Steinplatten des Bodens wuchsen.Ihre Geweihe aber ähnelten eher Bäumen als Geweihen……. grünes Blattwerk spross daraus hervor.  All das nahm Jamie blitzartig wahr, aber sein Kopf weigerte sich einen Augenblick lang, es zu verarbeiten. Manchmal nimmt man ein Bild auf, zu welchem man sich kein Bild machen kann.

Die ersten Worte die Jamie über die Lippen brachte,  waren „Isar? Isaaaaaaaaaar!!!“, während er sich hektisch umgeschaut hatte. Doch er schien alleine zu sein mit Oberon, welcher nun hinter Jamie deutete. „Setz‘ Dich, Junge!“

Zwei Baumstämme wuchsen aus dem Boden, und der Magus machte in paar torkelnde, unsichere Schritte auf sie zu, dankbar sich darauf niederlassen zu können. Manchmal gehorchen einem die Muskeln nicht wirklich. Der Welpe gab ein Geräusch von sich als träume er einen aufregenden Traum und ruderte mit den Vorderbeinen.

verhinderte-heimreise-6_001

„Grüss‘ Euch, Sire!“ Es klang immer noch atemlos und überrascht, doch einer der herumflatternden Schmetterlinge erwischte Jamie’s Wange und da wurde klar, dass es kein Traum war. Der Satyrkönig hatte offenbar mit dieser Verwirrung seines Gegenübers gerechnet, jedenfalls blieb er entspannt und wirkte wie immer. Schliesslich hatte er einen der Hirsche mit den Baumgeweihen herbeigewinkt.

Das war der Punkt, an dem Jamie jenseits von Gut und Böse geriet. Der Hirsch trug ein Tablett mit mehreren Tassen zwischen den Verästelungen seines Geweihs, ging elegant auf ein Vorderbein hinab und bot dem Magus somit an, zuzugreifen. Die Grenze des „Wunderns und nicht glauben Könnens“ war erreicht. Er befand sich definitiv im Umbra. Und zweifelsohne am „Hofe“ Oberons. Mit einem Lachen griff er sich eine Tasse und schnupperte daran, um dann dem servilen Hirsch zu versichern das er ihn nicht auslache, sondern lediglich verblüfft sei. Ein Schnuppern an der Tasse brachte ein olfaktorisches Ergebnis von „kaffeeähnlich“, und so nahm Jamie beherzt einen Schluck. Auch der Satyr griff nun nach einer Tasse, lehnte sich bequem zurück und erhob das Wort: „Ich habe nur die Gelegenheit genutzt, euch abzufangen, als ihr vorbeikamt.. Ich habe das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen und werde mich deshalb im Moment nicht aus dem Reich bewegen. Aber was interessanter ist – Ihr beide … habt etwas Gefährliches angezogen. Das man noch nicht fassen kann.“

Einen Moment dauerte es schon, bis Jamie die Worte umgesetzt hatte. Doch der Fey ‚Kaffee‘ schmeckte aromatisch und die Frühlingsluft kitzelte seine Nase auf eine Weise die ihm immer mehr das Gefühl von Sicherheit und „Zuhause“ gab, ganz gleich wie surreal die Umgebung auch sein mochte. Ein Magus findet sich deutlich schneller mit unbekannten Reichen ab als ein magisch unbedarfter Mensch. „mhm………unter Beobachtung…….hört sich nicht gut an. Und wieso denkt Ihr wir hätten etwas Gefährliches angezogen?“ Als er sprach machte sich der Welpe durch ein Zappeln im Schlaf bemerkbar und liess ein leises „wrff“ hören, und Jamie musste schmunzeln da ihn dieser Hund irgendwie doch sehr an Isar erinnerte.

„Weil sich ein Geist, den ich gelegentlich bei euch vorbeischauen ließ, nicht mehr meldet. Was bedeutet, dass ihn jemand ausgelöscht hat.“

„Ein Geist den Ihr………….“, ein Räuspern, „…………..nicht zufällig ein kleiner blaugeflügelter Drache?“ Ein Nicken von Seiten des Satyrkönigs war die Antwort. „Normalerweise sehr harmlos und neugierig, nicht sehr schlau aber ideal für beobachtende Aufgaben, für die ein Rabengeist zu schnell gelangweilt und ein Rattengeist zu hungrig ist.“

Jamie hatte von den Geistern des Umbras nicht wirklich viel Ahnung, aber er war recht zufrieden zu sehen das sein Verdacht sich bewahrheitete. Er hatte ja auch sonst keine unbekannten Geister erspäht in letzter Zeit. „Ich sah ihn zuletzt vor zwei Tagen, er war mitgereist als Euer Sohn und ich zum Orakel reisten……….aber ………das wisst Ihr vermutlich bereits. Und Ihr seid sicher jemand hat ihn vernichtet? Mein Lehrer hat mir von einer seltsamen Vision berichtet die er hatte……..und ich frage mich ob es damit in Zusammenhang stehen könnte. Er machte sich keinen Reim auf diese Vision!“

„Erzähl nur. Das würde mich interessieren. Bis der Feendrachengeist sich wieder geformt hat, hat er garantiert alles vergessen, was ihm passiert ist, so dass ich ihn nicht befragen kann.“

„Oh, das heisst er wird sich selbst neu erschaffen wie ein Phönix?“, er rieb sich das Kinn, nippte wieder an dem Feenkaffee* So wie er es mir berichtete wollte er kurz nach Eurem Besuch auf Unicorn Isle herausfinden ob Isar und ich sicher seien und der Caern dort ausreichend geschützt ist. Seine Vision führte ihn in eine Einöde voller Krater, der Oberfläche Luna’s ähnlich. Er sagte, er habe Sterne gesehen und erkannt. Doch trotz des Erkennens seien sie………nicht wirklich am „rechten Platz“ gewesen. In der Ferne nahm er etwas wahr das ihn an das irdische Stonehenge erinnerte………Säulen. Lichter. Aber das blieb verschwommen. Und dann…………..dann nahm er ein Wesen wahr und es sprach zu ihm.“

„Das klingt nach einer anderen Ebene .. einem weiteren Reich, das vermutlich zeitlich nicht mit unserer Realität überein stimmt. Konnte er dieses Reich mehr als einmal besuchen?“

Ein bitteres, fast ironisches Lachen rollte über Jamie’s Lippen Unsere Realität! Als ob das Umbra je seine Realität gewesen wäre! Aber Oberon sprach vermutlich von beiden Welten…….und so fuhr Jamie fort ihm zu berichten, dass Red nicht wieder an diesen Ort gelangen konnte und was ihm die Wesenheit, die sich zu freuen schien ihn zu sehen, gesagt hatte, nämlich das jemand Isar und ihn suchen würde und ganz nahe sei.

verhinderte-heimreise-9_001

Oberon war nachdenklich geworden. Schliesslich hatte er den Magus gefragt ob er noch Kontakt zu ‚diesem exaltierten Vampir‘ habe, worauf hin Jamie ihm auch gleich noch von dem Alptraum berichtet hatte.

Nach einem kleinen Diskurs über verschiedene Interpretationsmöglichkeiten von Träumen und die Beeinflussung von Traumgeschehen, hatte der Satyrkönig dann kundgetan das er es für sinnvoll hielte wenn sich Jamie mit Zachary zusammen täte um dem Technokraten auf den Zahn zu fühlen der Isar damals entführt hatte. Nach Oberon’s Dafürhalten war es gut denkbar, dass dieser hinter dem Ganzen steckte. Natürlich war Jamie von der Vorstellung wenig begeistert. Erstens hatte er ohnehin das Gefühl Zach noch etwas zu schulden, und zweitens wurde er nie so ganz schlau aus dem Toreador. Mit Vampiren hatte er bewusst bis dahin ja auch wenig bis gar nichts zu tun gehabt! Sicher, Oberon fand sie ‚berechenbar‘. Jamie wollte ihm nicht widersprechen, aber für ihn waren sie alles andere als das.

„Sire, langsam frage ich mich ob es nicht sicherer für meinen…..“,ein leises Husten…….“ für Isar wäre wenn er schlicht seinen Besuch auf der Erde für eine Weile beenden würde und sich in den sicheren Hafen Eures Hofes zurück zöge!“

„Und du glaubst, ich könnte ihn hier halten? Das ist maximal naiv. Und sei ehrlich – wäre es das, was Du haben wolltest? Das Problem vermeiden? Statt es zu lösen? Du hattest einen Traum. Dessen prophetische Kraft … zweifelhaft ist. Ich kenne diese speziellen Vampire. Sie sind gefährlich – aber zumindest berechenbar.“

verhinderte-heimreise-5_001

„Ihr missversteht mich, Sire.“ Er begegnete Oberon’s nüchternem Blick offen, wirkte dabei keinen Deut als wolle er aufgeben, im Gegenteil, fast stand eine Art Trotz in seinem Blick. „Ich weiss, dass er stur ist wenn er was will. Und im Augenblick will er definitiv in meiner Welt sein. Aber möglicherweise könnte ich ihn ja überzeugen eine ‚Auszeit‘ zu nehmen. Und dann könnte ich mich mit Zachary kurzschliessen und versuchen dem Technokraten auf den Zahn zu fühlen. Es fiele mir jedenfalls leichter wenn ich Isar dabei in Sicherheit wüsste. Es geht mir lediglich um seinen Schutz, Sire. Aufgeben liegt mir schon allein deshalb fern, weil ich ja ebenfalls offenbar nicht gerade in Sicherheit bin.“

Oberon’s Miene zeigte deutliche Erleichterung darüber sich nicht mit Erziehungsaufgaben befassen zu müssen. „“Na, wenn Du ihn dazu bringst, dass er freiwillig nach hause kommt – von mir aus. Dann übernehme ich seine Mutter, die wie ein Falke über mich kommen wird, sobald sie seine Präsenz hier wieder spüren wird.“ Die Unterhaltung wurde etwas leichter, fast ein Geplänkel, doch dann verdüsterte sich Jamie’s Gesicht erneut. Ihm wurde schlagartig klar, wie wenig er bisher für Isar’s Schutz hatte tun können, und wie weit er sich damals beim ersten Besuch dessen Vaters aus dem Fenster gelehnt hatte!

„Es tut mir leid, Sire. Als ich damals sagte ich könne Isar absolut beschützen hatte ich wohl keine Ahnung was auf mich zu kommen würde.“
Nun sah er  fast wie ein Schwiegersohn mit schlechtem Gewissen aus, der sich für irgendwas peinlich berührt schämt. Doch Oberon’s Reaktion ist eher eine fröhliche Amüsiertheit, sein Lächeln verbreiterte sich zu einer Art väterlichem Grinsen. „Bisher hast Du einen wirklich guten Job gemacht. Du hast Dich Problemen gestellt, vor denen weitaus erfahrenere Männer schreiend davon gerannt wären. Also mach Dich nicht kleiner als du bist! Ich werde Isar, wenn du ihn dazu bringst zurück zu kommen, so lange hier festhalten, wie ich es zwischen Titania und Gwenda hinbekomme – von seiner eigenen Sturheit mal ganz zu schweigen. Und du greifst dir während dessen den Technokraten. und mit etwas Glück haben wir die ganze Geschichte dann aus der Welt, noch bevor ihr Samhain feiert.“

verhinderte-heimreise-11_001

Beim Stichwort Samhain hatte sich Jamie gefragt ob wohl Oberon in Satyrform in die Erdenregionen reisen würde um den ‚gehörnten Gott‘ zu geben. Irgendwoher mussten die Legenden ja stammen. Immerhin wäre das ein guter Grund, den Beobachter welcher ihn davon abhielt sein Reich zu verlassen, ein für alle Mal los zu werden!

„Das ist gar nicht mehr so lange Sire…… ich versuche diesen Optimismus zu teilen. Mag sein ich schaffe es nicht Isar zu überzeugen, dann werden wir es gemeinsam angehen. Aber ich werde alle Register ziehen die meine Orgel so hat………..“

Ein äussert zufriedener Blick. „Gut. Ich werde unterdessen ein paar Gefallen einfordern und sehen, ob ich den Feendrachen nicht schneller wieder geformt bekomme .. und mit ein paar Erinnerungen. Aber sicher ist das nicht.“Er hatte sich erhoben und nach schräg unten geschaut. „Ich glaube, Dein Geistführer hatte auch seinen Spaß hier im Reich.“

Diesmal erkannte Jamie Lung’s Stimme inmitten der lachenden Geräusche die aus dem offenbar darunter liegenden Geschoss hochschallten. Er hatte ihn die ganze Zeit fühlen können, aber natürlich nicht sehen. Als er gelandet war, war Jamie davon ausgegangen das Oberon nur ihn aus dem Übergang zwischen den Welten gefischt hatte, doch Lung’s Präsenz war die ganze Zeit über fühlbar gewesen. Der Magus hatte eine Art angedeuteten Kratzfuss vollführt – offenbar war die ‚Audienz‘ beendet.

verhinderte-heimreise-14_001

Im gleichen Moment, als er „Sire, ich danke für die Aufklärung. Sollte ich neue Informationen haben werde ich Lung zu Euch senden oder nach Mr. Smith rufen. Eine gute und sichere Zeit wünsch‘ ich!“, säuselte, hatte ihm Oberon sehr vorsichtig und liebevoll den kleinen Welpen zugeworfen.

Er hätte es wissen müssen! Bereits beim ersten Besuch auf Unicorn Isle hatte Oberon seinen Sohn in eine Art Tiefschlaf versetzt! Und die ganze Zeit über hatte der kleine Hund ihn so frappierend an Isar denken lassen! Mit einer weit ausholenden, schnellen Bewegung hatte Jamie den Welpen aufgefangen und dann eng an sich gepresst. „Oh mein Gott Sire………ich hätte drauf kommen können! Er erinnerte mich die ganze Zeit…“…..dann war auch schon Lung dicht hinter ihm.

„Ihn ruhig und vor Gwenda verborgen zu halten erfordert manchmal extreme Maßnahmen. Keine Angst, wenn ihr in eurer Welt ankommt, ist er wieder ganz er selbst.“

………und dann hatte die Reise sich fortgesetzt. Diesmal standen sie tatsächlich im Hostel. Da wo sie hingehörten, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben. Lung war mit einem leisen Lachen davon gezischt……..Jamie vermutete, dass er an Oberon’s Hof noch etwas zu Ende zu bringen hatte. Wahrscheinlich gab es dort auch Drachendamen!

Jamie ging auf die Knie, denn noch war Isar nicht verwandelt. Doch als der Magus amüsiert „Ich sollte Deinen Vater fragen, wie man das macht! Zuweilen wäre es sehr praktisch, Dich einfach an die Leine legen zu können!“, gemurmelt hatte, da setzte die Metamorphose ein, und so bezweifelte er das Isar seine Worte hatte hören können.

verhinderte-heimreise-15_001

Als er wieder in seiner üblichen Satyrform vor Jamie stand, konnte dieser nur mit der Zunge schnalzen. Ob er sich je an all diese Zauber und Welten gewöhnen würde? Nachdenklich hatte er den Hirsch angestarrt, diesen ausgestopften Gesellen mit den Lichtern im baumähnlichen Geweih. Hatte Aranza ihm etwas verschwiegen? Hatte sie gar einen von Oberon’s Dienern ausstopfen lassen?

Advertisements

2 Kommentare zu „Kap22: Umwege

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s