Kap20: Des Magus‘ Daymare

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Der Herbst hatte seine Tücken. Sicher war es angenehm das Wasser nicht schneller weg zu transpirieren als man es trinken konnte, so wie es bis vor einigen Tagen noch schien als das Themometer sich beständig knapp unter der 100°F -Grenze bewegt hatte. Doch als Jamie das Boot vertäut und den Fussweg zu seinem Lieblingsmarkt hinter sich gebracht hatte, begann er heftig zu schwitzen. War es am späten Vormittag als er aufgebrochen war noch recht kühl und bewölkt gewesen, so stieg die Temperatur seit die Sonne die Wolken durchbrochen hatte permanent an.

Und dann der Ärger. Natürlich hatte er während des Frühstücks mit seinem Prinzen nicht daran gedacht, das Lieblingsbrot vorzubestellen. Und natürlich war es ausverkauft. Er liebte diese kleine, deutsche Bäckerei in dem nicht sehr vornehmen, sondern eher heruntergekommenen Viertel voller Künstler und Bohemians. Eigentlich wusste er auch, dass die nie große Stückzahlen von irgendwas buken, da sie schlicht nicht so viele Kunden hatten – und wer mag schon anderntags alte Backwaren zum halben Preis kaufen?

„Kein Problem Sir, ich kann ihnen eine gewünschte Anzahl backen derweil sie andere Dinge erledigen. Das würde etwa eine Stunde dauern.“ — „Ich habe bereits Einkäufe getätigt die eigentlich in absehbarer Zeit Kühlung brauchen. Insofern fürchte ich, ich habe keine Stunde mehr Zeit.“ — „Auch kein Problem! Ihre Einkaufstaschen haben sicher noch Platz in meinem Kühlhaus!“ Der für einen Bäcker erstaunlich magere Mann war wirklich freundlich, und so hatte Jamie das Angebot genutzt. Womit aber nun diese Stunde herum bringen?

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Das ziellose Schlendern durch die alten Gassen war zwar nett aber auch irgendwie ermüdend. Überhaupt, diese Müdigkeit mitten am Tag war ein wenig supsekt. Nachdem der Jungmagus eine Weile mit einer Blumenverkäuferin geflirtet hatte, entdeckte er auf einem Platz eine Art Café. Sehr pittoresk. Mal sehen ob ihn ein starker Türkentrank wieder auf Vordermann bringen könnte!

Als er sich auf einen der kleinen Caféhausstühle plumpsen liess, stob gurrend ein Schwarm von Tauben auf. Jamie orderte einen Kaffee und lehnte sich bequem zurück, beobachtete die Vögel – was irgendwie fast hypnotische Wirkung zeigte. Ruckediguuuu! Sein „Danke“ als die Bedienung ihm seine Bestellung servierte hatte bereits sonderbar verwaschen geklungen.

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Augenlider wie Blei! Der Kopf so schwer…. es kostete enorme Kraft die Augen überhaupt offen zu halten. Irgend etwas stimmte nicht…………! Doch auch wenn der Rest seines Geistes in warnte, auch wenn die inneren Alarmglocken lauter schrillten als das Horn der täglichen Fähre auf der Insel………..er schaffte es nicht. Ruckediguu, ruckediguu, Blut ist im Schuh!

Langsam sank der dunkle Lockenkopf vornüber. Der Lärm des sowieso recht spärlichen Verkehrs ausserhalb des Fußgängerzonenplatzes rauschte wie ein ferner Nebel an seine Ohren und durch sie hindurch. Eine kleine, graue Feder wehte hinab auf die alte Taschenuhr seines Grossvaters, die er sicherheitshalber vor sich auf den Tisch gelegt hatte um nach einer Stunde wieder in der Bäckerei sein zu können.

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Nebel. irgendwie versank alles im Nebel. Verdammt, wie war er in dieses Treppenhaus gekommen?

Höchst irritiert hatte Jamie den Kopf geschüttelt, aber die Benommenheit war bereits fast gänzlich gewichen. Was zur Hölle……………? Das Treppenhaus war stickig. Frische Luft! Aber pronto! Die Tür schwang sofort auf als er probehalber an der Klinke rüttelte. Aber da war nicht die Straße…….sondern …..eine Art Park? Ein Dachgarten? Wieder versuchte er Klarheit zu gewinnen wie er eigentlich in dieses Haus geraten war, aber seine Gedankenfäden ließen sich nicht bündeln, sie schwirrten wie halblebige Würmer im Todeskampf durch und um seine Synapsen.

Ein schöner Ort. Die frische Luft tat gut, das Grün des Rasens beruhigte. Genau so lange bis es sich verschattete. Dunkler wurde………..jäh entschwand das Licht, tauchte die Szenerie in eine Art Zwielicht. Als der Himmel sich so plötzlich verdunkelte hob der Jungmagus die Augen………..die Skyline war wie immer beeindruckend. Oder ..nein das war keine ihm bekannte Skyline! Eine leichte Hektik ergriff ihn. Aus der Mitte des Parks oder was immer das hier war, tönte ein beruhigend – meditatives Plätschern. Das Geräusch sorgte dafür das Jamie unwillkürlich näher darauf zu ging.

Und dann wuchs der Brunnen vor ihm quasi aus dem Boden. Der Brunnen der gekrönt wurde. Gekrönt von einem Käfig. Ein Käfig mit einem Schatten darin, denn das Wasser das den Brunnen speiste schien aus einer Thermalquelle zu stammen oder geheizt zu sein….dampfte….möglicherweise ein etwas extravaganter Swimming Pool…..doch so weit kam Jamie in Gedanken gar nicht mehr. Dort! Waren das Schwingen in dem Nebel? Verdammter Dunst!

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Ein paar eilige Schritte an den Rand des Brunnens! Das Zusammenkneifen der Augen machte das Bild nicht klarer. Sonderbare, nie zuvor gesehene Fische in einer Art Vitrinenaquarium starrten Jamie Blasen blubbernd entgegen. Schwer zu sagen wer den sonderlicheren Blick hatte. Er umrundete die Fische im Versuch diesen fast luminiszierenden Nebel in dem Käfig zu durchdringen. Die Form dieser Schwingen……….man vergass sie nicht wenn man ihrer einmal ansichtig geworden war!

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Lustig auf dem Wasser dümpelnd drehte sich der Schwimmreif mit dem Isar so gern planschte wie ein überdimensionaler Donut. Und der genau jetzt in der Bucht von Unicorn Island Isar zu kristallklarem, kühlen Vergnügen verhelfen sollte. Musste. Würde. Jamies Zunge wurde trocken.

Das eben noch so meditative, beruhigende Plätschern des Brunnens steigert sich, schwoll zu einem aggressiven Crescendo an! Sein Herz krampfte kurz bevor es einige Schläge aussetzte. Lichtete sich der Nebel in dem Käfig etwas? Der „Schrei“ war faktisch kaum zu hören. Trockene Kehlen krächzen; sie schreien nicht. „Isar??“

Mit einigen langen Schritten erklomm er den fast viktorianisch anmutenden Badezuber, balancierte traumwandlerisch sicher auf dessen Rand, während sein durchtrainierter Tänzerleib angesichts einer heftigen Adrenalinschwemme keinerlei Problem hatte den Rand des Brunnens zu erreichen und sein Gesicht dicht an die Gitterstäbe zu pressen. Der Schrei war so laut, dass man eigentlich hätte erwarten können der Nebel im Käfig würde von den Schallwellen verdrängt werden!

Jamie bemerkte nicht, dass seine Knöchel am Brunnenrand weiss wurden, er merkte auch nicht das er aufgehört hatte zu blinzeln. Mit weit aufgerissenen Augen und einem Mund der sich einfach nicht mehr schliessen wollte, nachdem ihm der Schrei entfahren war, konnte er nicht fassen was seine Netzhaut an sein Gehirn weiter leitete. Er starrte auf den Käfig und die Zeit stand still.

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Jegliche Farbe schien aus dem Bild gewichen zu sein, das sich ihm bot. Sein Herz setzte mit einem Stolpern wieder ein, sein Puls verlangte nach dem Recht zu rasen! Isar! War DAS wirklich Isar? Jegliche Farbe verschwand bis auf dieses Rot.

Es gab keinen Zweifel. Fassungslosigkeit. Verwirrung. Und dann – langsames Zurückkehren der Farben. Zuerst nur dieses Rot. Scharlachrot…Blutrot. Das verzerrte Bändchen am Hals einer diabolisch wirkenden Glücksneko die sich an Isar’s Horn klammerte? Der Schädel an dem schmiedeeisernen Ring hinter dem Rücken seines Geliebten schien ihn höhnisch anzugrinsen. „Isar, sag was!“

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Die einzige Reaktion auf seine gehechelte Bitte bestand darin das ein dunkeles Lachen von dem Schädel ausging und die Farben zurückkehrten. An den Rändern seines Sichtfelds breitete sich eine Art von Tinte aus, verästelte sich als sauge Löschpapier sie auf. Schwarz und Blutrot. Leise als bewege sich Seide, knisterten die schwarzen Rosen auf Isar’s Brust. Seine Haltung war…….demütig. Er bewegte sich kaum, nur sein Kopf schien ein wenig weiter nach unten zu sinken.

Das Leben kehrte in den erstarrten Jungmagus zurück! Mit wilder Entschlossenheit rüttelte er an den dicken Gitterstäben…….und schrie auf. Sie waren kalt. Eiskalt. So kalt, dass seine schwitzenden Hände umgehend daran festfroren. Konnte Isar ihn sehen? Das Dunkle über seinen Augen war keine Augenbinde………kurz hatte Jamie erkennen können das sich das bleifarbene Licht in den violett schimmernden Pupillen gespiegelt hatte. Aber blickloser hätten sie nicht sein können! Der Sturz geschah wie in Zeitlupe.

Isar’s Bild wurde nach oben aus seinem Blickfeld gezogen während seine Fersen vom Rand des Bottichs abglitten. Leise klirrte eine der Ketten des schmiedeeisernen Gebildes an Isar’s Rücken,  derweil Jamie quälend langsam beobachtete wie die Haut seiner Finger durch den Frost im Käfiggestänge an den Gittern blieb – seine Hände sich jedoch durch den Fall lösten und aus seinen rohen Fingerkuppen sein warmes Blut schoss.

Das „Plopp, plopp“  der auf dem Boden landenden Blutstropfen seiner von der Haut auf diese frostige Art befreiten Finger ging unter. Ging unter in dem berstenden Geräusch mit dem seine Stirn auf einem der Steine knallte welche den Teich begrenzten.

Wie lange er dort gelegen hatte war unklar. Lange genug jedenfalls um völlig taube Hände zu bekommen. Der Lebenssaft an seinen Fingerkuppen war bereits geronnen, glitzerte wie Himbeergelee auf den Spitzen der gefühllosen Finger.

Zachary’s Stimme war nah an seinem Ohr. Zu nahe. Viel zu nahe. „Ist er nicht wunderschön?“. So viel Passion in diesem hypnotischen Timbre. Jamie fühlte wie er von sanften, kühlen Händen auf die Füsse gestellt und schliesslich langsam hochgehoben wurde. Wo nahm der Vampir diese Kraft her? Jamie war nicht schwer, aber er war auch keine Feder. Ruckediguu! Er konnte den Kopf nicht wenden um Zachary anzuschauen. Aber es bestand kein Zweifel daran wer ihm half, den Kopf der höllisch schmerzte wieder dicht vor den Käfig zu bringen. „Schau nur. Diese Unschuld. Diese Reinheit!“

Es war als hätte man ihm jedwede Kraft aus dem Leib gezogen. Jamie wollte schreien „lass ihn da raus! Was soll die verdammte Scheisse? Lass mich los Du Tier!“, aber alles was seiner Kehle entrollte war ein leises, hilfloses Glucksen für das er sich selbst hasste. Obwohl er heftig atmete wollte der Sauerstoff nicht seine Lungen erreichen. Irgendwo auf dem Weg zwischen Rachen und Bronchien verlor die Luft sich im Nichts. Ohne es sehen zu können wusste der Jungmagus, dass Zachary ebenso gebannt wie er selbst auf seinen schönen Geliebten starrte. Daher hatte er nicht mit den kühlen, duftenden Lippen gerechnet die sich zart wie ein Hauch gegen seinen Hals schoben um ihn wie nebenbei zu kosen. Der Schauer den sie auslösten war angenehm, löste eine durchaus sinnliche Erregung in Jamie aus. Nicht erwähnenswert, dass das seine Hilflosigkeit und Fassungslosigkeit noch steigerte! Was war nur los? Sein Schädel schmerzte höllisch und litt möglicherweise unter einem kleinen Riss von dem Sturz……..vor ihm kam Isars Bild wieder näher und schnürte ihm den Atem ab, und dennoch fühlte er Dankbarkeit und Erregung für den Vampir der ihn mit nichtmenschlicher Kraft seinem devot und duldsam schweigend da knienden Prinzen entgegenhob………….“Aber…….Zach……..was……….?“

„schhhhhh!“

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Jamie wusste nicht ob das Bild vor seinen Augen immer roter wurde weil ihm möglicherweise Kapillaren im Auge platzten, oder ob der Nebel im Käfig sich wirklich mit Blut anreicherte……er beobachtete wie Isar’s Lippen sich ein klein wenig öffneten. Weich wie sein Blick wurden. Immer noch hatte er sich ansonsten nicht bewegt, die so absonderlich schwarzen Hörner hatten nicht gebebt, kein Haar gezittert, kein Ton hatte sich von seinen Lippen gelöst. Aber er schaute Jamie in die Augen. Und dieser Blick schien dem Tänzer das Herz in zwei Stücke zu reißen. Mit letzter Kraft begann Jamie nach hinten auszutreten und zu zappeln, versuchte sich dem Vampir zu entwinden und gurgelte eben grade verständlich „Lass ihn………..frei verdammt! Trink mich, mach………was Du willst……..mit deinem Bio…..Hühnchen aber………LASS IHN DA RAUS!“

Er hörte das amüsierte Lachen noch ehe seine Füsse zurück auf dem Boden waren. Als Zachary ihn abgestellt hatte erklang seine Stimme leise aber deutlich „Jamie, ich halte ihn nicht gefangen. Er IST frei! Und so unfassbar schön, nicht wahr?“

Im gleichen Moment hatte sich Isar wortlos erhoben. Während Jamie’s Hirn noch versuchte die Worte zu verstehen, schwang der Deckel des Käfigs auf, völlig geräuschlos. Und während Zachary mit einem kaum zu definierenden Blick Jamies kleinen Finger zwischen die Lippen nahm um das geronnene Himbergelee abzulecken, hatte der Prinz seine dunkelsamtenen Schwingen ausgebreitet und sich aus dem Käfig emporgeschwungen.

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Sirrend teilten die majestätischen Schwingen die Luft. Für einen Moment schwebte Isar so über dem vermeintlichen Gefängnis. Dann fiel eine einzelne, heisse Träne hinab auf Jamie’s Stirn. Und während er völlig verwirrt nach oben starrte und die Lust zurückzudrängen versuchte die Zachary’s saugende Zunge an seinen blutigen Fingern auslöste, schlug Isar zwei, dreimal wild mit dem Greifschwanz um dann in Richtung der unbekannten Skyline davon zu fliegen.

„Sir? Geht es ihnen gut? Alles in Ordnung, Sir?“

Es knallte laut als Jamie mit dem Kopf auf die Taschenuhr krachte. Das Glas ging zu Bruch und er riss seinen Kopf nach oben. Das besorgte Gesicht der Kellnerin sprach Bände. „Sir, ich hole ihnen ein Glas Wasser. Nicht bewegen, bitte! Der Kaffee geht aufs Haus!“.

Trotz des Schmerzes den der Splitter des Uhrglases über seiner linken Braue verursachte, lachte Jamie laut und fast hysterisch auf. Es war ein Traum gewesen. Nur ein beschissener, blutiger Alptraum! Die Tauben waren damit beschäftigt Brotkrumen eines unbekannten Spenders aus den Ritzen im Pflaster zu picken. „Ruckediguuuuu“…….. „Shut up! Sonst gibt es heute Tauben in Aspik!“

Irgendwie hatte er die Brote abgeholt und es geschafft heim zu rudern. Schon von weitem sah er Isar in der Bucht im Schwimmreifen herum zappeln. Das war vermutlich der schönste Anblick des Tages!

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6 Gedanken zu “Kap20: Des Magus‘ Daymare

  1. hehe, mir dünkt ich habe Dich erstaunt. Okay, Meine dunkle Seite lasse ich auch selten raus, wohl war. Es hat Spass gemacht diesen Alptraum zu entwickeln. Das schwarzweiss rote? Du meinst das erste? Also das Colorkey? Es hat auch total Spass gemacht die zu bearbeiten. Ich hab noch mehr gemacht an dem Abend, die wirste demnächst auf Flickr sehen. 😉

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