Kap17: Ein Päckchen aus London

(Wenn der geneigte Leser die Vorgeschichte des Päckchens eruieren möchte, so findet er sie in Zasta’s Blog, genau HIER)

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Er hatte nicht widerstehen können. Nichts aber auch gar nichts hatte auf dem Flohmarkt sein Interesse gefangen ausser diesem Oldtimer-Sofa. Eigentlich war Jamie auf dem Weg zum St. Martin’s Airfield gewesen, nachdem er im Briefkasten die Nachricht gefunden hatte, das beim dortigen Zoll eine Sendung für ihn auf Abholung wartete. Natürlich war er neugierig gewesen. Seine Eltern schickten ihm in der Regel hin und wieder Care Pakete aus Deutschland. Doch üblicherweise enthielten die nichts, was eine Abholung beim Zoll erfordern würde.

Isar’s Zustand hatte sich in den letzten paar Tagen ständig und deutlich verbessert, gottseidank! Er schlief extrem viel, und wenn er nicht schlief, aß und trank er was immer sein Gastgeber ihm anbot, untermalt von einem ständigen Jammern nach Trinkschokolade…… Jamie traute sich erstmals, ihn alleine zu lassen – also hatte er ihm einen Zettel hinterlassen damit Isar sich nicht fürchten würde ihn nirgends zu finden, und war aufgebrochen. Und unterwegs über diesen Flohmarkt gestolpert. Nachdem er eine geraume Weile um das Sofa herumgeschlichen war wie die Katze um den heissen Brei, hatte er sein Handy gezückt und Denis angerufen „Hast du den Pickup noch?“ — „klar, wieso?“ — „Hast Du Zeit mir zu helfen etwas ‚Grösseres‘ heim zu transportieren?“

Denis hatte. Und so hatte Jamie hart gefeilscht und sich dieses Sofa gegönnt obwohl er es sich nicht wirklich leisten konnte, schliesslich nagte ja bereits der unbezahlte Urlaub an seinen Ersparnissen! Der Pick-up Truck war ein wenig zu kurz für das Sofa, es ragte hinten über die Ladefläche hinaus und sie hatten es, so gut es ging, mit Gurten fixiert. Aber er war tausend Tode gestorben bis sie endlich zuhause angekommen waren. Es bis zum Lift zu wuchten war anstrengend. Als sie schliesslich keuchend vor seiner Haustüre standen, war Denis mehr als verblüfft darüber das ihn Jamie nicht herein bat. Doch dieser fühlte sich nicht berufen Denis die Anwesenheit eines schlafenden Blondschopfs auf seinem Bett zu erklären…….

Nachdem das Sofa an seinem Platz stand, das Parkett ein paar Kratzer mehr und Jamie einige blaue Flecken mehr hatte, wuchtete er noch die alte Sitztruhe in den Keller. Und dann war er erst einmal ziemlich k.o. auf seine neue Errungenschaft gesunken — und eingenickt. Wach wurde er dann, weil die plötzliche Wärme an seiner linken Seite ihm ins Bewusstsein drang, ebenso wie das sanfte Streicheln auf seinem Bein.

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Kein Zweifel, der Herbst war im Anmarsch, wenn selbst Isar sich offenbar berufen gefühlt hatte ein langärmeliges Shirt aus Jamies Kleiderschrank zu entwenden, und sich Socken anzuziehen!

Jamie war recht langsam zu sich gekommen nach diesem Nickerchen, lachend, scherzend und schmusend verging eine Weile und lediglich der Umstand, dass ihm der Gedanke an das Päckchen beim Zoll durch den Kopf schoss, hatte ihn daran gehindert seinen Prinzen auf der Stelle zu vernaschen! Es war lange her – und so lange sich Isar nicht recht erholt hatte auch indiskutabel. Aber hier und jetzt verspürte Jamie den überwältigenden Drang nach dem, was den Sex, sofern er sein Gegenüber liebte, so aussergewöhnlich machte: Jeder schamanische Anfänger wusste, dass bei einem Akt mit Liebe die Auren der Beteiligten miteinander verschmolzen.

Der sensible Tänzer brauchte nicht unbedingt Liebe um die Freuden eines Akts zu geniessen. Aber war sie erst einmal im Spiel, so bekam Sex für ihn eine absolut spirituelle Komponente. Und hier, auf dem Sofa, noch halb zwischen Wachen und Traum, sehnte er sich unglaublich danach eins mit Isar zu werden! Aber Isar würde keinen Schalterschluss haben – der Zoll schon!

Und so wurde es das erste Mal seit seiner Entführung, dass Isar wieder das Loft verlassen konnte……..sie machten sich gemeinsam auf den Weg. Und Jamie war froh das es nicht das Hauptzollamt war wo sein omniöses Päckchen lagerte, sondern nur der kleine Zollschalter am St. Martins Airfield, welches er schon allein deshalb mochte, weil man dort dem New Yorker Klima zum Trotz eine Menge tropischer Pflanzen (inklusive einer Menge Palmen) gepflanzt hatte. Die wurden zwar jeden Winter eingesammelt und in ein städtisches  Gewächshaus gebracht – zumindest die kleinen in Kübeln – oder gingen ein, aber die Stadt in Kollaboration mit dem Betreiber des Airfields wurden nicht müde, an Kälte eingegangene Palmen im Frühling auszugraben und durch neue zu ersetzen. Und so entstand ein Flair als befinde man sich am Strand von Miami, Jamie liebte das!

Zudem wusste er das die Lounge neben der Schalterhalle für ihren Kaffee und Kakao berühmt war. Isar hatte schon wieder seiner Lust nach Schokolade Ausdruck verliehen, also standen sie eine Stunde später auf dem kleinen Flugplatz.

Während Jamie am Schalter seine Sendung in Empfang nahm, deren Absender in London ihm total unbekannt war, und die mit einer unglaublichen Summe transportversichert war, kaufte Isar sich das Objekt seines never ending Verlangens und liess sich damit an einem Tisch nieder. Jamie hatte noch einen Kaffee und zwei Muffins geordert und sich dann neugierig zu ihm gesetzt, mit fliegenden Fingern die Pappröhre geöffnet, die das „Päckchen“ war.

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Die Röhre enthielt einen Brief und zwei Zeichnungen, der Brief fiel als erstes aus der Röhre. Ein ihm unbekannte Handschrift. Sütterlin!

Eine Ahnung kroch seine Wirbelsäule hoch und brachte seine Nackenhaare zum Kribbeln.

Während er las hatte sich seine Stirn gefurcht, sodass Isar ihn mehrfach fragte was los sei, und beim Anblick der hinabsackenden Kinnlade des Tänzers deutlich unruhig wurde. Jamie zog die beiden Zeichnungen aus der Röhre, schaute sie eine nach der anderen an und wurde blass. Unglaublich! Nicht zu fassen! „whoooooaaaaaahhh……………oh Mann! Heilige Scheisse………das………..nee oder?!“

Sowohl die Zeichnungen als auch den Brief wurden erst einmal mit dem Gesicht nach unten auf den keinen Tisch gepackt und Jamie schaute Isar in die Augen „Ich habe dir erzählt, das der Toreador in meinem Kopf war, nicht wahr?“ — „Jaaa … und das ist ja immer so ´ne Sache … andere in den Kopf lassen und so .. was ist passiert?“

Jamie hatte geschnauft, dann sehr zögerlich zu grinsen begonnen. Er hielt Isar die erste der beiden Zeichnungen hoch, sodass er einen Blick darauf werfen konnte. Sie zeigten Isar. Frontal. Nackt. Mit seinen großen Schwingen, von denen Jamie ja nur theoretisch wusste, und die er nie gesehen hatte. Detailreich gezeichnet. Kohle und Kreide.Wunderschön. Und……..erigiert! Eine pornographische Kunst wie Jamie sie selten gesehen hatte, nicht schwarz-weiss, aber auch nicht ausgesprochen farbig. Die Zeichnungen schienen durch ihre Kontraste zu leben. Jamie pustete ein wenig Kreidestaub von dem Blatt.

Kaum hatte Isar’s Blick das Bild erhascht, verschluckte er sich an seinem Schokoladengetränk und stammelte fassungslos: „Wie geht das? Wie kann .. der Vampir… wie kann er ..?“

„Hör zu………. er schreibt:

Guten Abend, Jamie!

Mir war danach, etwas Bleibendes zu überlassen. Und da ich mit dem Fluch geschlagen bin, nie etwas zu vergessen, reichte der kurze geistige Blick, um den kleinen Satyr zu Papier bringen zu können. Ich wünsche viel Freude damit. Natürlich war ich ein wenig auf Spekulationen angewiesen, da ich ihn noch nicht nackt gesehen habe – aber so weit weg von der Realität bin ich vermutlich nicht.

Wir werden demnächst wieder etwas Zeit in New York verbringen, da mich die Zuflucht dieses Technokraten interessiert. Ich werde mich melden.     Z.

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Du siehst, er hat geraten. Und nicht schlecht würde ich sagen!“ Die zweite Zeichnung wurde Isar präsentiert. Der selbe Stil, nur eine andere Pose. Jamie wurde bei dem Anblick derart warm, dass  sein Hirn ein wenig Ladehemmung zu haben schien, nicht das sich ganz hinten im Kopf nicht einige Fragen angebahnt hätten, aber noch war er damit befasst diese ausgesprochen „sexy charcoal strokes“ fasziniert zu beäugen.

„Echt jetzt? Ein Vampir verbringt seine Zeit mit sowas?“ — „Er ist ein Toreador…….Künstler…….schaffensdurstig offenbar. Schau nur wie herrlich er Deine Flügel gezeichnet hat…“ — „Ich bin nur .. besorgt. Vampire sind schlau. und haben viel Zeit. Ich hoffe, Du bist vorsichtig!“ — „Och….klar bin ich das…….vor allem weil er ja sagt die Lagerhalle würde ihn interessieren. Was zum Teufel will er dort?“

Isar hatte den Hals gereckt nachdem der erste Schrecken überwunden war, und neugierig die Zeichnungen gemustert.“Naja, sieht mir schon sehr ähnlich … das ist wahr. Und vielleicht will er den Technokraten fangen und trinken.“

Jamie hatte an sowas in der Tat gar nicht gedacht und verblüfft aufgeschaut. „Hm….meinst du? Der einzige Reim den ich mir machen konnte war, dass sein…….Gefährte…..Liebhaber, was auch immer, also seine unglückliche Liebe dieser John Watson mit den New Yorker Technokraten Geschäfte anbahnen will.“ Während der Rede zeigte er auf den Absender der Rolle, die ‚Watson MedTech&Security‘ mit Firmensitz in London. „Und er hat Dich wirklich verdammt gut getroffen!“

Der Satyr schob die Unterlippe vor „Ja, schon. Aber du hast mich noch gar nicht mit den vollen Flügeln gesehen … er wusste das aber irgendwie. Kommt Dir das nicht komisch vor?“

„Nee eigentlich nicht. Wenn er einmal von Dir weiss, und wenn er nichts vergessen kann, wie er schreibt……..wer sagt denn dass er nicht aus dem Umbra heraus nach dir Ausschau halten kann? Und da würde er deine Prachtschwingen  wohl gesehen haben. Oder bin ich jetzt total auf dem Holzweg, Isar?“ Jamie wurde wieder einmal schmerzhaft bewusst, wie unwissend er in vielen Dingen war! Offenbar ging es seinem Prinzen aber in puncto Vampire nicht viel anders, denn seine nächsten Worte trafen so ziemlich das was auch in Jamie vorging: „Keine Ahnung. Ich glaube, das möchte ich gern jemanden fragen, der sich mit Vampiren auskennt. Nicht, dass der Toreador nun nach New York kommt, einen Technokraten frühstückt und Dich als Nachtisch will ..“

Jamie verdrehte die Augen, denn so ganz von der Hand zu weisen waren Isar’s Gedanken ja nun auch wieder nicht! „Ich weiss nicht was er will. Und ……..ich weiss das du nicht der erste Satyr bist den er sieht, auch wenn sich Eure Arten wohl eher selten begegnen. Aber Du hast recht……….selbst wenn er weiss wie Satyre aussehen………….die Flügel hast nur Du wegen den Genen deiner Harpyenmutter, des Feldwebels, nicht wahr?“ Ein Nicken.“Satyre haben keine Flügel. Woher weiß er also davon? Traust du ihm?“

Jamie hatte auf einmal das dringende Gefühl das St. Martins Airfield verlassen zu müssen, irgendwohin wo sie ungestört wären.  „Komm…………fahren wir mit dem Boot raus, hier ist es mir zu unruhig für das Thema. ja? Da draussen könntest Du……………..mir die Flügel……………zeigen……….damit ich sehe wie dicht er an der Realität war. Und…………..Trauen………..ich habe keinen Vergleich, ich kenne sonst keinen Vampir, jedenfalls nicht bewusst. Isar ich MUSSTE ihm trauen, ohne ihn hätte ich Dich nicht gefunden!“

Ein etwas zittriges aber sehr ehrliches Lächeln:“Ja, lass uns zur Insel gehen. Und ich weiß, dass Du das richtige getan hast. Und zumindest malen kann er ja.“

Es gab kleine Charterboote. Eigentlich nicht mehr als eine kleine Ruderjolle mit Aussenbord Motor. Aber man konnte sie auch bei einer Dependance des Vermieters auf den Hamptons abgeben und die Miete war günstig. Es war eine gute Idee von Isar jetzt auf die Insel zu wollen. In seinem Loft fühlte Jamie sich mit Isar sowieso nicht mehr sicher. Und Aranza hatte ihn kürzlich wissen lassen, das Lena, ihre Vertretung, darauf brannte Unicorn Isle zu verlassen und sich wieder um ihre eigenen Belange zu kümmern. Da er ja sowieso ständig eine Truhe mit Kleidern und den wichtigsten Dingen die er so brauchte auf Unicorn Isle hatte, gab es keinen Grund, nicht sofort dort hin zu schippern. Den Inhalt des Kühlschranks in New York würde er Denis überlassen, der in Jamies Abwesenheit die Blumen zu giessen pflegte.

Jamie brauchte nicht lange um eines zu chartern, und nach einer kurzen Weile in der sich Isar ziemlich ungemütlich dreinblickend an die Bootswand geklammert hatte (dem Nichtschwimmer waren tiefe Wasser begreiflicherweise unbehaglich), erreichten sie eine unbewohnte Insel, was Jamie an dem Schild eines Grundstücksmaklers am Bootssteg erkannte. Kurzentschlossen hatte er dort angelegt. „Hier dürfte uns niemand sehen!“

„Teilweise Transformation ist anstrengend. Kriege ich aber hin“. Sicher, er hatte vor NUR die Flügel anzunehmen, nicht aber die Satyrbeine mit den Hufen………und wieder hatte Jamie etwas gelernt. Sich nur teilweise zu transformieren war anstrengender als ganz und gar……

Kaum hatte Jamie angelegt als Isar sich auch schon ein wenig streckte, beugte, und dann verschwamm er vor seinen Augen………nur für einen Bruchteil einer Sekunde. Ein Rauschen wie von Seide und doch ganz anders……..und da waren sie! Die großen Schwingen mit denen Jamie Isar noch nie gesehen hatte……..lediglich die kleinen mit denen er nirgends anecken konnte, materialisierte Isar in New York, wenn überhaupt.

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Kaum waren sie entfaltet, schwang sich der Satyr auch schon aus dem Boot in die Luft……..Jamie’s Augen konnten kaum folgen. Beeindruckt hockte er immer noch im Boot und starrte in die Luft von wo Isar flügelschlagend auf ihn hinab lächelte. Schließlich war er wieder gelandet, für einen langen Flug reichte seine Kraft wohl noch nicht aus, und Jamie hatte den Steg erklommen. „Darf ich sie anfassen?“

„DU darfst das. Andere nicht so gern!“

Und so ging der Tag seiner  Neige entgegen….Jamie bestaunte die grossen Schwingen ausführlich, genoss es, davon umarmt zu werden, lachte und scherzte auf der Weiterfahrt mit Isar über Seeungeheuer, bereitete ihn darauf vor das auf der Insel eine Dame namens Lena sein würde, welche das neue Hostel für Aranza führte und fühlte wie die Erschöpfung sich breit machte während die Pappröhre mit dem Vampirgeschenk auf dem Bootsboden hin und her rollte. Ein Vampir würde vermutlich nichts ohne Eigennutz verschenken……..Isar hatte recht, man würde jemanden fragen müssen, der etwas mehr von Vampiren verstand!

Auf Unicorn Isle angekommen, hatte Isar kaum noch die Energie das Haus zu bestaunen und auch Jamie war platt wie eine Flunder. Lena freute sich, gleich am kommenden Morgen das Boot zurück bringen zu können, denn es war bis zum Mittag des nächsten Tages gemietet. So brauchte sie keine Fähre um nach NYC zurück zu gelangen. Ein paar Höflichkeiten flogen hin und her, und dann hatte Jamie seinen Prinzen ins Obergeschoss gezogen, sich aufs Bett fallen lassen und gemurmelt „Morgen wenn wir aufwachen will ich Dir…………..unter anderem“, ein breites, eindeutiges Grinsen, „das Haus zeigen…………und um Lena mach dir keine Gedanken, die will vermutlich schneller hier weg als der Wind.“

Nachdem er sich schützend ‚um Isar herumgewickelt‘ hatte, wurden beide schneller vom Schlaf übermannt als man hätte bis 50 zählen können.

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Jamies Träume in dieser Nacht waren allerdings alles andere als vergnüglich..ein wildes Gemisch aus bluthungrigen Vampiren, majestätsichen Schwingen, Seeungeheuern und ausgesaugten Technokraten.

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4 Gedanken zu “Kap17: Ein Päckchen aus London

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