Kap16: Der Tag danach

Schlaf heilt. Eine alte Binsenweisheit.

Das Messer klapperte auf den Schneidebrett, Möhrenscheibe nach Möhrenscheibe rollte über das Holz. Asiatisch war angesagt! Lung hatte ihn auf diese Idee gebracht, nachdem Jamie seinen Geisthelfer gebeten hatte ihn und seinen Prinzen zu bewachen, denn nach einer fast durchgewachten Nacht hatte auch Jamie keine Reserven mehr übrig. Und so hatte er ein paar Stunden Schlaf nachgeholt.

Schliesslich war er gegen Mittag erwacht, hatte sich bei Lung bedankt, sich eine Schüssel Cornflakes einverleibt und seinen Kopf sortiert. Dabei war sein Blick immer wieder auf die nun so ungewohnt schmucklos nackte Brust des Satyrs gewandert. Der schlief wie ein Stein. Gut so.

In der Zeit in der Jamie ruhelos durch die Straßen gewandert war um seinen Prinzen zu finden, hatte er sich immer wieder beschäftigen müssen um nicht durch zu drehen. Nachdem er Red telefonisch Löcher in den Bauch gefragt hatte, war es immer noch nicht leicht. Aber es funktionierte nach einer heftigen Phase des Übens und Scheiterns. Dinge materialisieren. Durch blosse Gedankenkraft!

Jamie hatte das Päckchen geöffnet, den Inhalt herausgezogen und sich dann ein letztes Mal konzentriert. Glamour! Energie! Magische Energie! Das würde dem Geschenk wahrlich den letzten Schliff geben.

Das Messer klapperte laut beim Zerkleinern der Möhren………aber Jamies Sinne waren wach genug um wahrzunehmen das hinter ihm sein Prinz unruhiger wurde und schliesslich erwachte.

der tag danach 1 bea

Das Messer klirrte laut als Jamie es einfach auf die Küchentheke fallen gelassen hatte. Mit ein paar langen Schritten war er beim Bett! Gestern war Isar derart mitgenommen gewesen, das er ja kaum sprechen oder sich orientiere konnte, Jamie war nun gespannt und natürlich auch leicht besorgt, denn Isar’s Schlaf war der eines Toten gewesen. Rollte er sich ansonsten oft wild im Traum herum oder occupierte das ganze Bett für sich indem er diagonal schlief, so hatte er in dieser Nacht fast keine Bewegung gemacht.

Der Herbst kündigte sich in New York an, ein kühler und leicht dunstiger Tag. Erst als Jamie Isar erreicht hatte, nahm er wahr das er etwas desorientiert wirkte, wie ein Mensch der beim Erwachen erst einmal nicht weiss, wo er sich befindet. „Heey guten Morgen mein Prinz!“ Sanft hatte Jamie dem Satyr die so rabiat und jenseits aller Ästhetik gekürzten Haare aus der Stirn gestrichen, um ihm dann einen leichten Kuss auf selbige zu drücken. Isar’s helle Augen hatten seinen Blick getroffen und seine ersten Worte zauberten Jamie einen Kloss in den Hals: „Bleib bei mir, ja?“. Seine Hand hatte sich um Jamies Arm gewunden. Fest. Erstaunlich fest. Als fürchte Isar wirklich, Jamie sei nur ein Traum und könne ihm jederzeit wieder abhanden kommen.

Der Tänzer hatte den Kloss hinunter geschluckt. Die ganze Nacht über während er Isar bewacht hatte, hatte er gegen den Impuls gekämpft, sich einfach fest um seinen Geliebten herum zu wickeln, ihn gegen alle Unbillen sämtlicher Welten mit dem eigenen Leib zu panzern. Mit einer geschmeidigen, fast raubtierhaften Bewegung glitt er hinter ihn und zog ihn an sich. „So lange Du willst, mein Prinz. Aber dann wird das süss-saure Hähnchen nicht fertig!“ Ein leises Lachen um Isar zu vermitteln das alles in Ordnung war.

der tag danach 2 bea

Ein wenig zusammenhanglos ertönte ein fast kindliches: „Ich will nicht, dass das Hähnchen sauer wird …“ er lehnte sich an Jamie und schloss wieder kurz die Augen, öffnete sie aber recht schnell wieder. „Gibt es Schokoladengetränke? Ich wollte vor ein paar Tagen so gern eins haben ..“

Ja. Und das war ihm dann zum Verhängnis geworden. Jamie würde vermutlich für alle Zeiten Schokoladengetränke mit der Entführung assoziieren! „Einen Kakao kann ich Dir leider nicht anbieten. Aber ich kann uns einen liefern lassen. Wie fühlst Du Dich heute?“ Seine Hand suchte unter dem Kissen nach Red’s Salbe während er prüfend über Isars Haut sah und mit der anderen Hand dessen blonde Strubbeln kraulte.

„Geht so .. ich hab das Gefühl, ich habe tagelang nur geträumt ..“

„Vermutlich hast du das auch. Sie hatten Dich, wenn ich das recht sehe, in eine Art künstlichen Schlaf versetzt. Hast Du irgendwelche Schmerzen?“

„Es tut nicht mehr weh … ich bin nur hungrig und immer noch so durstig …“ er legte den Kopf schief, sah zu Jamie hinauf. „Wie hast du mich überhaupt gefunden? Ich weiß ja selber nicht, wo ich war!“

Jamie hatte ihm sämtliche Getränke auf ein Tablett gepackt sie sich in den Tiefen seines Kühlschranks fanden, und ihm berichtet was vorgefallen war und wie er durch Zachary den Aufenthaltsort von Isar hatte ermitteln können. Eine plötzliche Umarmung stoppte seine Rede………schwang da nur Erstaunen mit, oder auch eine subtile Dankbarkeit? Auf jeden Fall ein wenig Sorge.

der tag danach 3_001

„Du hast dich für mich bei einem Vampir verschuldet? Krass! Ich hoffe, er hat keinen Narren an dir gefressen!“

„Ehm…….keine Ahnung aber er sagte irgendwas von wegen das wir uns auf jeden Fall wiedersehen würden, auch wenn er jetzt erst mal seine Zelte in NY abbrechen und nach London reisen wollte. Er hat dort wohl ’ne unglückliche Liebe hocken. Es war…….ziemlich verwirrend für mich, aber jedenfalls sah ich mit seiner Hilfe wo du lagst. Und Red hat dann deinen Entführer abgelenkt während ich dich mit Hilfe von Lung da raus holte. Öhm…. und Isar……..ich würde ALLES für Dich tun.“ Der letzte Satz kam leise aber aus vollem Herzen. Jamie konnte fühlen wie Isar sich während der Unterhaltung mehr und mehr berappelte, sicher half auch die enorme Flüssigkeitszufuhr der „Tablett-Bett-Bar.“

„Und da dachte ich, Dein alter Meister würde mich nur für lästig halten, eine Ablenkung für seinen Schüler. Und dann begibt er sich in Gefahr ….“ er wurde etwas ernster. „Und wie soll ich das je wieder gut machen?“ Jamie hatte leise gelacht und dann ein wenig geschnauft, schliesslich hatte er sich in einen Scherz gerettet: „Gut machen? Wieso gut machen? Ist es denn schlecht, dass wir Dich da raus geholt haben?“

Sie redeten noch eine ganze Weile während Isar’s Zustand sich zunehmend besserte. Schließlich hatte Jamie sein Geschenk aus der Hostentasche gezogen.“Ach ja und nochwas: Während ich nicht wusste wo du bist musste ich mich beschäftigen um nicht irre zu werden……….und ich habe Materialisieren geübt. Weisst schon, etwas Materie werden lassen das man sich einfach geistig vorstellt……………“  — „Zeig mal!“

Jamie hatte inständig darum gebetet das sein Versuch von heute früh, die Kette so zu programmieren das sie automatisch die Glamour Energie anziehen und für den Träger bündeln und sammeln würde, auch funktioniert hatte. Es war ein ziemlich schwieriges Ziel für einen Tänzer der sich mit dem Schaffen von magischen Dingen kaum je befasst hatte! Er hatte Isar die Schachtel in die Hand gedrückt, und als das erstaunte „ohhh“ erklang hatte er die Luft angehalten.

Er selbst trug den Prototypen der Halskette, der über keinerlei Magie verfügte. Gespannt hatte er zugeschaut wie Isar daran herum fummelte und schliesslich die Faust um den Anhänger schloss. Bei seinen Worten hatte Jamie’s Herz dann einen freudigen Hüpfer vollführt: „Ich spür’s … aber auch wenn´s gar nichts tun würde, wollt ich es haben. Weil Du es für mich gebaut hast.“

der tag danach 5 bea

„Yaaaaaaaaaaaaaaaaaay es geht, es geht! Meine hier“,  er zog sie unterm Shirt vor und zeigte Isar das er die gleiche trug, „ist der Vorgänger. Hat aber noch ein paar Macken. Deine war der erste wirklich gelungene Versuch und………..sie konnte auch nix. Bis heute früh. Aber seit ich wusste das man dir allen Schmuck geklaut hat der magisch war und weil ich heute früh nix zu tun hatte hab ich halt…………oh Mann wie geil, ich bin froh das es offenbar funktioniert hat!“ Seine Augen leuchteten so stolz als hätte sie ein begabter Künstler aus Bernstein geschnitzt.

„Du willst ein Artefaktmeister werden? Ich dachte, Du wolltest lieber tanzen. Apropos Tanzen … das hab ich verpasst, oder?“

„Yap hast du. Aber das ist nix was sich nicht nachholen ließe wenn erst mal wieder Normalität hergestellt ist. Es gibt ‚Artefaktmeister‘? Das wäre in der Tat etwas das mich reizen könnte!“ Jamie hatte sich zu dem blonden Schopf hinab gebeugt und geflüstert: „Und ich denke jetzt schläfst Du noch ein wenig bis ich das Hühnchen fertig habe mein Prinz!“ Dabei küsste er Isar’s Lippen. Zum ersten Mal seit der Rettung lag auch ein ganz leichter Hauch Erotik in diesem Kuss.

Das Isar nun definitiv auf dem Wege der Besserung war und begonnen hatte, wieder der Alte zu werden spürte Jamie an der Reaktion: Der Satyr hatte Jamie’s Unterlippe ganz kurz festgehalten, ihn für eine Sekunde seine Zunge spüren lassen, ehe er ihn ganz und gar los liess. „Ja, Du hast recht .. ich will nicht, dass das Huhn nun doch sauer wird ..“

„Das sähe dir auch nicht ähnlich wo du doch immer bemüht bist alle Geschmäcker im gleichen Mahl zu vereinen!“ hatte er grinsend erwiedert….sich die Lippen geleckt…….oh wie sehr er diesen Geschmack vermisst hatte! Mit einem fast nicht hörbaren „verdammt, ich liebe Dich, Du Niedlichkeitsfaktorträger!“ schwang sich Jamie vom Bett um das Gemüseschnippeln wieder aufzunehmen. Verdammt. Er hatte keine Ahnung ob Isar das gehört hatte. Und er hatte es nicht sagen wollen. Aber durch die Erleichterung das es seinem Prinzen besser ging, waren diese Worte einfach so aus ihm heraus gebrochen. Die drei wichtigsten Worte die es geben konnte….. vermutlich in allen Welten……..es war zu früh. Verdammt. Isar war noch so jung…….und im Augenblick auch gar nicht fit………und und und……..Scheisse, es war passiert. Es war draussen. Besser nicht den Kopf über Dinge zerbrechen, die nicht zu ändern waren. Vielleicht hatte er es ja auch gar nicht gehört!!

Die Hand fest um den Anhänger geschlossen hatte der Satyr ihm nachgesehen. Er wirkte tatsächlich müde.

Artefaktmeister! Darüber würde er nachdenken und vielleicht mit Red reden müssen. Denn wenn sein Leben so weiter ging wie im Augenblick, konnte Jamie sowieso kaum noch der Arbeit am Theater nachkommen. Ob man vom Artefakte Bauen leben konnte? Während das Hackmesser wieder sein typisches Geräusch produzierte und die Möhrenscheiben sich mehrten, fühlte Jamie das unsichtbare Band zwischen den beiden Ketten……………

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s