Kap12: Lethe (Teil eins)

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Er hätte auf seinen Instinkt hören sollen. Er hatte es gewusst. Aber seine Ratio hatte es kompromisslos vom Tisch gewischt. Hatte nicht sogar Isar, nachdem er ihn gar nicht so lange gekannt hatte bereits festgestellt „Du grübelst zuviel, Jamie!“??

Er hatte es erkannt aber seine Intuition nicht ernst genommen weil sie einer rationalen Überlegung nicht standhielt. Was für ein Unfug! Er wusste genau wie sehr sein Schamanismus von Intuitionen und Unterbewusstem abhing. Die Unterhaltung war nicht so gelaufen wie er sich das erträumt hatte. Und bevor er morgen Abend noch einmal das Lethe aufsuchen würde, musste er unbedingt Red erreichen! Er brauchte Antworten. Und zwar nicht von Z.! Während er sich aufs Sofa wirft und versucht den ungewohnten Whisky zu verstoffwechseln ohne das ihm davon schwindelig wird, lässt er den Abend noch einmal Revue passieren. Er hatte so harmlos begonnen! Mit einem braven Gehorchen auf „Seien Sie attraktiv!“:

Jamie hatte die leichte Jacke übergeworfen und grummelt die ganze Zeit vor sich hin……………diese Hitze! Naja, mal schauen, er konnte sie auch kurz vor dem Clubeingang wieder überziehen. Wieder tauchte kurz der Gedanke auf das es eine Falle sein könnte. Er griff in eine Schublade, zog die Kette mit dem Schutzkristall über…………..Red hatte sie so programmiert, das eigentlich niemand so ohne weiteres in seine Aura kann! Dennoch blieb er ein wenig unsicher……..die Wesen der neuen Welten waren so anders als alles was ihm zuvor begegnet war! „Ich hoffe du tust deinen Dienst!“hatte er dem grossen, kühlen Quarz entgegen gebrummt.

Als er die 113th West erreichte musste der Tänzer feststellen, das es sich wohl kaum um den Lethe Club aus der Nachricht handeln konnte! Vielmehr stand er vor einem relativ offenen Gelände in dem wohl Rock und Pop Konzerte stattfanden. Seufzend hatte er Google Maps bemühen müssen und gesehen das es ganz woanders noch eine Lokalität dieses Namens gab, allerdings war ausser der Adresse kein weiterer Hinweis zu finden. Also ab zur nächsten Subway Station und dort hin. Die Verzögerung mit der er den Club erreichte betrug zehn Minuten, es hätte schlimmer sein können.

Seine Augen musterten verblüfft dieses Haus das wie ein Relikt aus den wilden Sixties wirkte……kein Schild, keine Werbung. Etwa zwanzig Stockwerke, so neutral wie ph neutrale Seife! Bis auf die Graffities. Jamie war nicht bewandert in Graffity Arts, aber hier war klar das es sich nicht um die üblichen, flüchtigen Schmierereien von spätpubertär-rebellenadoleszenten Geltungsbedürftigen handelte, deren persönliches Tag manchmal grösser ist als das eigentliche „Werk“, sondern um überraschend schöne und schlüssige Bilder.

Zwanzig Stockwerke heruntergelassener Rolläden! Einladend war anders.

Nachdem er sich die Stufen zur nichtssagenden Eingangstür hinauf bemüht hatte, schweiften seine Augen über den leeren Parkplatz. Sonderbar! Wo in NY gab es schon leere Parkplätze? Der Schlagbaum wies darauf hin das Besucher des Hauses hier nur parken könnten wenn sie eine entsprechende Parkmünze hätten……….seine Hand fand den einzig vorhandenen Klingelknopf während er ein wenig kritisch zu der kleinen Kamera über der Tür spähte.

Die Asiatin öffnete die Tür schon bevor das melodische Klingeln verstummt war. Er taxierte sie flugs…..eine androgyne Erscheinung die ihn ausdruckslos ansah und den Eindruck erweckte das sie es mit allen möglichen ungebetenen Gästen hätte aufnehmen können. Der Hosenazug an der großen, durchtrainierten Gestalt schien so gediegen wie die Lobby die er im Hintergrund wahrnehmen konnte……….leise Stimmen, Klaviermusik………ein gedämpfter Klangteppich mit Noblesse.

Auf sein „Guten Abend“ reagierte sie in keinster Weise. Sie stand schlicht da und wartete.

Er unterdrückte das leichte Befremden und murmelte mit einer Stimme die nicht seine zu sein schien; so distinguiert klang sie wirklich selten „Mein Name ist J. Journalist…………ich bin einer Einladung nach Mayfair hierher gefolgt, Lady.“ Während er noch sprach machte er einen kleinen Schritt nach vorne der eine sehr gut geschauspielerte Selbstverständlichkeit ausstrahlte, so als habe Jamie nie einen Zweifel gehabt umgehend eingelassen zu werden.

Eine Bewegung in der Lobby erhaschte seine Aufmerksamkeit…..ein bis auf diverse exquisite Schmuckstücke nacktes Paar, ausnehmend attraktiv, glitt durch den Gang um dann in einem der Aufzüge zu verschwinden. Jamie erinnerte sich an die Gerüchte von dionysischen Parties……..und kurz erschien auch ein Bild von Oberon’s Hof vor seinem geistigen Auge, so wie Jamie sich den nach Isar’s Beschreibungen eben vorstellte.

Nachdem die Aufzugtüren sich geschlossen hatten, gab die athletische Asiatin den Eingang durch ein schlichtes Drehen des Körpers frei und so wie jedes Haus auf dieser Welt, hatte auch dieses einen Duft, der durch diese Drehung zu ihm hinaus wehte…..Orchideen, Moschus, Amber………eine Explosion an olfaktorischer Sinnlichkeit! Jamie war ihr zu einem etwas abseits liegenden Lift gefolgt, wozu er fast die gesamte Lobby durchqueren musste. Er staunte nicht schlecht. Dicke, kostbare Teppiche dämpften jeden Schritt, teure und exquisite Kunstdrucke an den Wänden, vielleicht sogar Originale, mit hoch erotischen und ausgefallenen Szenen…….dazu die leisen Klänge die irgendwo ein Pianist offenbar seinem Instrument zu entlocken wusste. Wer auch immer dieses Haus eingerichtet hatte, hatte nicht mit Dollars gegeizt. Und Geschmack bewiesen. Fast fühlte er sich etwas deplaziert in dieser Upperclass-Umgebung.

Die Chinesin, (oder was immer sie war), wandte sich ab als er den Aufzug betrat…….fragend öffnete er bereits den Mund doch dann bemerkte er, dass es nur einen einzigen Knopf gab. Ein Direktlift. Vermutlich zu einem Penthouse oder ähnlichem. Die lange Fahrt bestätigte ihn in der Annahme.

Oben angekommen blieb Jamie für einen Sekundenbruchteil im Aufzug stehen, mit schmäler werdenden Augen musterte er den Gang der sich zeigte als die Türen zur Seite glitten. Ebenso gediegen wie bereits im Eingangsbereich! Als er sicher war, das im Gang keine Gefahr lauterte, eilte er mit langen Schritten auf die Stahltür an seinem Ende zu. Sonst gab es keine möglichen Ziele hier oben. Auch keine Klingel und keinen Klopfer. Aber eine Klinke.

Er drückte die Klinke hinunter und trat zögernd ein, seine Augen flogen eilig über die Szene die sich ihm bot. Fast war es wie eine kalte Dusche nach der Eleganz zuvor.

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Jamie beäugte die mitgenommenen Betonwände, es war als sei er in eine andere Welt geglitten. Der harte Kontrast der blitzenden Gerätschaften um ihn herum, die offenbar im Gegensatz zum Raum sehr gut gepflegt waren, ließ ihn beinahe eine Gänsehaut entwickeln. Er machte zwei, drei langsame Schritte in den Raum hinein, ein halblautes „Hallo?“

Alle Sinne in Alarmbereitschaft, und seine Nervosität hatte nun dieser emotionslosen Kühle Platz gemacht, die ihn jedesmal ergreift wenn er glaubt es gehe „Ums Ganze“. Jedes Detail nahm er überscharf wahr, denn seine Wahrnehmung wurde in dem Moment nicht mehr von irgendwelchen Emotionen getrübt. Sein Kopf speicherte die Eindrücke einem Computer ähnlich. Ein Käfig dessen Verwendungsmöglichkeiten klar waren. Ein großes Bett mit einer Kamera und Beleuchtung……….zwei Staffeleien……..ein Pornostudio? Ein Künstleratelier?

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Von weiter hinten, in der Nähe der breiten Fenster, die das Spektakel von New York bei Nacht zeigten, kam eine Antwort „Treten Sie ein. Machen Sie es sich bequem“. Ein eindeutig sehr britischer Akzent und eine unglaublich hypnotisch-wohlklingende Stimme!

Nach einigen weiteren Schritten auf die Fenster zu erspähte er dann den Besitzer der Stimme, der entspannt in einem noblen Sessel lehnte………alleine diese Sessel konrastierten mit der heruntergekommenen Bausubstanz derart, das Jamie blinzeln musste. Dann hatte er gelacht und auf eine leicht amüsierte, zynische Weise entgegnet:

„Eingetreten bin ich bereits. Bequemlichkeit wird überbewertet. Aber danke sehr. Habe ich die Ehre mit Z.?“

Sein Gegenüber hatte sich etwas vor gebeugt und begonnen mit flinken Fingern eine Linie Koks auf das glattpolierte Holz des erstaunlich urig wirkenden Tisches zu klopfen……..hatte sie dann mit einer einladenden Geste auf den leeren Sessel zugeschoben. Die Abwehrbewegung von Jamies Hand war subtil aber eindeutig. „No Drugs!“

Das Kokain war nicht die einzige Droge auf dem Tisch..Spritzen, Pillen……..zwei Flaschen weisser Tequila vor dem Sessel…….und dann, wie aus einem Bioladen versehentlich dort angelandet…..eine halb aufgegessene Apple Pie! Was für ein sonderbares Sammelsurium an Gegenständen. Noch sonderbarer dieser Mann! Mann? Junge! Wenn Jamie sich nicht völlig verschätzt hatte konnte er gerade mal volljährig sein. Schlank, fast zierlich. Der Teint eine noble Blässe, die aber nicht unbedingt ungesund wirkte. Während er Jamie mit einem etwas hintergründigen Lächeln bedachte, erklang die ungewöhnlich anziehende Stimme erneut „Wie Sie möchten, Jamie!“. Diese Augen!

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Als Jamie sich langsam in den angebotenen Sessel gleiten liess, hatte er den Eindruck einer unglaublich unschuldigen Verderbtheit, es fehlten dem Individuum nur noch große, schwarze Flügel und der gefallene Engel wäre perfekt gewesen. Z., (Jamie ging nun davon aus das er es war), saß in der sündigen Umgebung wie ein in Haut gebündeltes Unschuldsextrakt. Jamie hatte viel gesehen in seinem Leben, aber selten eine Häufung solcher Kontraste. Schweigen. Es erschien ihm laut. Zu laut. Aber er hatte seine Frage gestellt, sie hing noch im Raum, und zuweilen war zu eifriges Fragen eher kontraproduktiv. ‚Lass ihn kommen, Jamie………das wird schon………er hat dich eingeladen, er wird nicht ewig still bleiben….‘ Es war normal, das Jamie in Situationen die er als spannungsgeladen oder gefährlich empfand, Gedankendialoge mit sich selbst führte.

Der Junge schenkte sich einen Whisky ein und seine Handbewegung forderte Jamie auf es ihm gleich zu tun.

Es war schwierig, aufmerksam zu bleiben als Z. nach einem fast lasziven Nippen an seinem Glas zu sprechen anhob…….diese Stimme verführte förmlich dazu sich einfach hineinfallen zu lassen……..dieser fast jedem bekannte Effekt das man so sehr eine Stimme fokussiert, bis der Sinn des Gesagten hinter irgend einem fluffigen Nebel verschwindet.

„Mein Name ist Zachary Quentin Baringford. Sie können gern bei meinem ersten Vornamen bleiben. Ich habe sie auf bitten von Mr. Smith eingeladen. Und nun möchte ich natürlich auch ein wenig für meine Hilfe haben – ganz egal, was Oberon meint, ich schulde ihm nicht gar so viel. also – wie wäre es, Sie erzählen mir, warum Sie einem Satyr hinterherlaufen?“

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Jamie’s Verblüffung hatte sich kurz in seinen Augen gespiegelt, irgendwo tief hinten hatte sich eine Alarmglocke gemeldet……aber er nahm sich nicht die Zeit auf sie zu achten. Vielmehr beugte er sich vor, schenkte sich (obwohl er ja so gut wie nie Alkohol trank) einen Whisky ein um Zeit zu schinden, hob das Glas, lächelte den fast fragil wirkenden jungen Mann gewinnend an.

„Cheers, Zachary! Sehr erfreut! ………….. Tue ich das denn?“

„Oh ja, das tun Sie. Mein … Assistent hat sie die letzten Tage beobachtet. Was ich mich allerdings frage … warum nutzen Sie nicht Ihre Fähigkeiten, um ihn zu finden? Sie haben zweifellos persönliche Gegenstände von ihm. Oder Körper…teile .. flüssigkeiten. Sie sollten das Selbe, was ich getan habe, mit weitaus größerer Präzision zu tun in der Lage sein.“

‚Das Selbe was er getan hat? Um Dich zu finden? Frag ihn was er genau getan hat! — Den Teufel wirst Du tun. Offenbar hält er dich für einen versierten Magus. Es wäre viel zu gefährlich gleich mit offenen Karten zu spielen! — Aber er weiss offenbar was zu tun ist um Isar zu finden! — Deshalb sind wir ja hier……..aber wir bleiben achtsam verdammt nochmal. Du hast keine Ahnung was er ist, was er will, was er kann!‘

Nach außen hin zeigte Jamie lediglich eine sehr glatte Oberfläche die von dem Streit seiner Emotionen mit seinem Verstand nicht das geringste offenbarte. Während er an seinem Glas nippte und es schliesslich abstellte, die Beine übereinander schlug und sich zurücklehnte, Entspanntheit vortäuschend, versuchte er zu ergründen was er hier vor sich hatte. Die Blässe……dieses kühl wirkende Sexappeal, Zachary konnte als Vampir durchgehen. Doch er trug an einer Kette einen Anhänger in Form eines Kreuzes……das konnte ein Vampir nicht, jedenfalls wenn die Legenden und Hypothesen die Jamie bekannt waren zutrafen!

Alles was Oberon und Red ihm berichtet haben über die Wesen der Umbrae geistert durch seine Synapsen während er bemüht ist nach aussen hin diese entspannte Selbstvertändlichkeit weiter zu mimen. Doch was kann man noch glauben und was nicht? Es könnte auch alles anders sein………………sein Lächeln blieb, wirkte aber inzwischen fast ein wenig einzementiert.

„Nun, Zachary………….meine Gründe sind also von Interesse für Sie. Und die Einladung habe ich wohl definitiv Mr. Smith zu verdanken. Schön. Sicher stimmen Sie mir zu wenn ich bemerke, dass blindes Vertrauen eine recht verhängnisvolle Eigenschaft sein kann — würde sie einem denn innewohnen. Vielleicht erzähle ich Ihnen also meine Gründe. Vielleicht auch nicht. Überzeugen Sie mich von Ihrer Vertrauenswürdigkeit und berichten Sie mir zuerst ein wenig über sich!“

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„Über mich? Oh, da gibt es wenig von Interesse. Ich lebe derzeit von dem, was der Club mir an Amüsement bieten kann. Aber ich werde in absehbarer Zeit nach London zurückkehren. Ich bin nur hier, um ein wenig Abstand zu gewinnen. Das tut einer Beziehung manchmal ganz gut.“ er hob die rechte Hand, spielte kurz mit den Fingern um diese Aussage zu untermauern. Jamie’s wacher Blick fiel auf einen  Claddagh-Ring. „Dass Oberon sich an mich wendet, hat mich verwundert. Mit meiner Sorte kommen sie zwar in speziellen Situationen gut aus, aber normalerweise hüten sich Feen, in unsere Schuld zu geraten.“

Jamie war offenbar ein wenig überfordert. Wie konnte Oberon durch die Hilfsbereitschaft von Z. in seine Schuld geraten, wenn Z. Jamie doch angeblich eingeladen hatte weil er selbst Oberon etwas schuldete? Diese Diskrepanz fiel ihm, wie einiges Andere nicht auf. Erneut versuchte er Zeit zu schinden.

Nachdem er den Ring erspäht hatte hob er sein Glas, murmelte diesmal aber ein leises „Sláinte!“ und schaute über die Schulter zu den beiden Staffeleien. Rot, schwarz, weiss………auf dem Boden jede Menge rote Farbe. Oder Blut? „Ihre Werke, Zachary?“

Sein Gegenüber war seinem Blick gefolgt, die Art wie er mit den Schultern zuckte wirkte erneut verdammt anziehend……..er verfügte wahrhaftig über eine ganz eigene Art von Nonchalance.

„Alles ist Werk. Ob man es nun festhält oder nur flüchtig beobachtet.“

‚Er weicht Dir aus, dafür muss es einen Grund geben. Ich ahne nichts Gutes! — Ach was, vermutlich ist er Fische vom Sternzeichen, die wirken immer und ständig wie ein Aal — ja aber was ist er, verdammt nochmal? *ich lebe von dem was mir der Club an Amüsement bieten kann* klingt bei Gott nicht nach einem vernünftigen Broterwerb. Und dieses Penthouse, so heruntergekommen der Putz auch ist……….btw, hast du dieses Graffity gesehen, die Monalisa mit einem Sturmgewehr?……..kostet mit Sicherheit ein kleines Vermögen. Irgendwoher muss die Kohle ja kommen! — Vielleicht ein Magus, den Vampir hab ich ja bereits ausgeschlossen. Ein Satyr isser jedenfalls nicht! Viel zu kühl, viel zu wenig Lebendigkeit, und wenn er verspielt ist, dann eher auf eine ätherische, abgeklärte Weise als ein warmer, erdiger Satyr! — Du hast den Vampir ausgeschlossen, ich noch nicht! Hast du die Bilder mal genau betrachtet?– Er trägt ein Kreuz! — So what? Wer sagt das ein Vampir das nicht könnte wenn es ein reines Camouflage Ding wäre? — ohhh halt die Klappe, wir müssen ihm langsam irgendwas antworten!‘

„Es war weniger eine philosophische Frage als die nach der Urheberschaft, junger Mann.“

„Urheberschaft .. das war früher wichtiger als heute. Aber wenn es für Sie wichtig ist, wer den Pinsel gehalten hat – ja, das war ich. Aber Sie fragen ja auch nicht danach, wer bei einem intimen, körperlichen Akt der Urheber ist. es ist das Zusammenwirken der Akteure, das die Kunst schafft.“ wieder ein amüsiertes Lächeln „Wobei sich natürlich zugegebenermaßen fassbare Dinge besser zu Geld machen lassen. Und ich habe mich an einen gewissen Lebensstil gewöhnt, wie Sie sehen können.“

Jamie hätte sich am liebsten die Haare gerauft. Der Sinn einen sexuellen Akt mit einem stofflichen Gemälde zu vergleichen erschloss sich ihm genau so wenig wie die Antwort auf die Frage wieso es bei Sex einen „Uhrheber“ geben sollte. War Zachary einfach auf einem Trip? Aber er erschien nicht zugedröhnt, im Gegenteil, er war von einer glasklaren Wachheit.

Jamie’s Augen wanderten zu der Spritze auf dem Tisch „ja, das sehe ich. Und ich sehe ebenso das die Philosophie eine wunderbare Ausweichmaterie für ungewollte Fragen sein kann. Man lernt nie aus, danke für den Hinweis, Zachary“……..seine Augen wurden etwas schmaler. Auf diese Weise war offenbar nicht weiter zu kommen, also Strategiewechsel! „Was ich aber immer noch nicht sehe ist, wie Sie mir im Sinne von Mr. Smith behilflich sein können oder möchten…………………..möglicherweise möchten Sie ja diese meine Denkblockade ein wenig zur Seite schubsen?“

„Sie haben mir meine Fragen auch noch nicht beantwortet!“ Er hatte sich inzwischen eine Zigarette angezündet, mit deren Rauch er nun kunstvolle Kreise in die Luft paffte um ihnen dann einige Sekunden mit den Augen zu folgen. „Aber ich will nicht so sein. Sie wissen ja, wozu meine Art in der Lage ist. Ich mag mich nicht so sehr auf die Seelenschau spezialisiert haben wie die geschätzte Kollegin von Phoenix and Dragon, aber ich bin in der Lage, Orte zu sehen. Und wenn Sie mir konkretere Hinweise zu Ihrer Suche geben, können wir gemeinsam sehen, wo der Satyr sich aufhält.“ Jamie hat tatsächlich schon von Phoenix and Dragon gehört – ein taiwanesischer Konzern, geführt von einer Lady, die sehr die Künste fördert und auch schon in New York Balletproduktionen gesponsort hatte. Aber er kannte sie lediglich aus der Presse, sie war ihm nie begegnet.

‚Er spielt mit Dir — achja? Was lässt Dich das vermuten hm? Ich spiele mit IHM! — oh mein Gott Du bist so blauäugig. Eine schlechte Eigenschaft für einen Verstand! Ich komme mir langsam vor wie ein Gazellenkind das von einer Löwin angefüttert wird! — Oh ja liebe Emotionalebene……..einen Hang zum Drama hattest Du ja schon immer………! — ach, leck‘ mich! Zieh Dein Ding durch aber wenn du nicht auf mich hörst, wasche ich hernach meine Hände in Unschuld. Ich hab Dich gewarnt.‘

Er hätte auf seinen Instinkt hören sollen. Das wusste er nun, da er auf seinem Sofa lag und seine Gedanken ordnete. Aber dort, im Penthouse, hatte er weiter den Überlegenen gemimt. Vermutlich war der Einzige der ihm die Überlegenheit abnahm, er selbst gewesen. Er hatte eine Braue gehoben und angefangen zu pokern.

„Wozu ist denn Ihre Art in der Lage, Zachary? Nehmen wir rein hypothetisch doch einmal an ich wäre unbedarfter als ich es bin………und nehmen wir weiter an, ich würde keine der Fähigkeiten nutzen wollen die mir zur Verfügung stehen……….wären die Gründe die ich als Antwort auf Ihre Frage nennen könnte dann relevante und konkrete Hinweise zu meiner Suche?“

Spätestens die von Verblüffung untermalte Antwort hätte ihm klar machen müssen, was Zachary war. „Sie sagen mir, dass Sie aus … ich vermute Höflichkeit .. noch nicht nachgesehen haben, was ich bin?“ er lacht und schüttelt den Kopf „Großartig! das erklärt, warum Oberon Sie so sehr mag! Sie sind das Gegenteil meines Abendessens!“

„Das Leben ist voller Überraschungen. Und Höflichkeit ist essentiell!“

„Nun, dann war ich zweifellos weniger höflich, da Sie ja bemerkt haben, dass ich mich informiert habe, was Sie sind. Wobei das natürlich auch nur die geringste aller Anstrengungen kostet.“

Dann hatte Jamie den kapitalen Fehler gemacht, denn er fuhr die überlegene Linie weiter, er hatte sich tatsächlich eingebildet mit so gut wie Null Wissen ein Wesen, das ihn zu lesen schien wie ein offenes Buch, eben mal bluffen zu können. Er hatte den jungen Briten auffordernd angestrahlt.“Es ist nicht zu spät, das nachzuholen, Zachary……also ehm, das höfliche Element………“

Natürlich hatte er daraufhin erwartet das sich Z. nun outen würde………..höflichkeitshalber. Er beobachtete wie Z. die Arme ausgebreitet hatte, offenbar um ihm zu zeigen das er weder die typischen Einstichstellen eines Drogenabhängigen hatte, noch irgendwelche Hämatome von alten Einstichstellen. „Bitte sehr, sehen Sie nach. Ich werde Sie nicht beeinflussen!“

Fuck! Caught! Was konnte er schon nachsehen? Hätte er die Fähigkeit besessen das Wesen zu identifizieren, hätte er es längst getan! Obwohl……….vielleicht würde die alte schamanische Weise die er auf der Erde benutzte ja auch bei einem Wesen der Umbrae wirken? Jamie war aufgestanden, hatte sich hinter Z. gestellt und dabei völlig vergessen eins und eins zusammen zu zählen. Wenn Z. sich nicht sicher gewesen wäre, Jamie’s Wahrnehmung beeinflussen zu können, hätte sein letzter Satz keinen Sinn gemacht. Wieso glaubte man einem Typen den man nicht einmal eine halbe Stunde kannte?

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Jamie brauchte nicht lange um in den Alpha Zustand zu gleiten, wobei seine Augen auf dem Panorama lagen das die Fenster vom nächtlichen New York boten. Er sprach telepathisch den Satz, der in seiner Welt kaum jemandem ausser den Schamanen bekannt war, und der jedwede Wesenheiten nach dem universellen Gesetz zwang sein wahres Ich zu offenbaren. Dann hatte er gewartet was sich vor seinem inneren Auge abbilden würde.

Nichts, nikkesse, nada, rien! Er versuchte es erneut – mit dem gleichen Ergebnis. Ein kurzer Seitenblick mit offenen Augen auf Zachary………..da war sie, seine Aura. Seltsam bleich. Eine sonderbar farblich gedämpfte Aura die fast nur Ruhe zeigte..ein ganz klein wenig Gier vielleicht und ein ganz klein wenig Lust. Zachary hatte sich im Sessel geräkelt und Jamie sich wieder auf die inneren Bilder konzentriert, nach wie vor: NICHTS! Es funktionierte nicht. Die irdischen Gesetze für Wesen sind offenbar nicht die gleichen wie die Gesetze in den Welten die sich Jamie durch Isar offenbarten. Man muss einsehen wann man verloren hat. Die Scharade war nicht länger aufrecht zu halten.

Jamie öffnete erneut die Augen. Hatte sich da nun ein wenig Amüsement in die Aura von Zachary geschlichen, oder bildete Jamie sich das nur ein?

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____________________________________ Fortsetzung folgt.

OOC: Ich habe beschlossen aus diesem langen und tollen RP zwei Blogposts zu machen. Denn nichts ist den meisten Lesern lästiger als wenn ein Beitrag kein Ende mehr nimmt, und selbst beim ganz unvirtuellen Essen sind kleine Häppchen besser verdaulich als große, schwere Mahlzeiten. Also, to be continued!

 

 

 

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2 Gedanken zu “Kap12: Lethe (Teil eins)

    • na gerne, ich danke Dir ebenfalls. Hab grad nochmal Deinen Post zu dem Ganzen gelesen. Mir dünkt Du kommst (Stöckchen und Ästchen hin oder her) doch deutlich besser auf den Punkt als ich. Ich neige dazu mich in Details zu verlieren, seufz. Jetzt wird gefrühstückt. Und dann folgt der zweite Teil 🙂

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