Kap7: Vision impossible

a vision 13_001

Er würde nicht ewig hier bleiben können. Die Miete der Räumlichkeiten auf Hawaii, wo er seine schamanischen Seminare abhielt, wollte bezahlt sein! Red hasste Verpflichtungen, aber auch das Leben eines Schamanen war voll davon. Und er taugte definitiv nicht zum Einsiedler, der Versuch bei einem indigenen Volk am Amazonas zu leben war kläglich gescheitert. Dennoch hatte er von dort einen Vorrat an Kräutern, Hölzern und Pilzen mitgebracht, der ihm beim Erreichen diverser Trance Zustände sehr dienlich war.

Am späten Nachmittag hatte sich Red auf einen der kleinen Felsvorsprünge am Wasserfall zurück gezogen. Während die Schatten länger wurden, versuchte er eine Lösung für diesen inneren Zwiespalt zu finden.

Einerseits hatte er Oberon mehr oder weniger versprochen, die Beiden unter seine schützenden Fittiche zu nehmen. Andererseits hatte er nicht damit gerechnet, dass es über eine Woche dauern würde – sicher, er konnte seine nächsten Seminare absagen. Die Teilnehmerliste ruhte in seinem I-Pad und somit waren sie erreichbar, doch er konnte es sich finanziell schlicht nicht erlauben. Abreisen schien unmöglich ohne das Versprechen zu brechen, Bleiben war ebenso undenkbar. Das Rauschen des Wasserfalls half ihm schneller den Alpha Zustand zu erreichen, den sein Hirn für eine gute Meditation benötigte.

Die Schatten wurden länger. Eine Lösung war trotz tiefer Meditation und Rücksprache mit einigen seiner geistigen Helfern nicht in Sicht. Schließlich hatte er unwillig den Kopf geschüttelt. Es half nichts! Eine Vision musste her. Was Jamie und Isar trieben wusste er nicht, er hatte seit zwei Stunden keinen von Beiden zu Gesicht bekommen. Jamie wusste was eine Visionssuche war, selbst wenn sie jetzt auftauchen würden, konnte sich Red darauf verlassen, das Jamie die Situation erkennen und ihn in Ruhe lassen würde.

a vision 16_001

Entschlossen hatte sich der Schamane erhoben, verblüffend schnell und wendig für einen Mann von fast siebzig Jahren. Einige zielstrebige Schritte und er stand vor seinem Zelt, wo er aus seiner Tasche diverse magische Hilfsmittel nahm und eine Prise der trancefördernden Pflanzen. Nachdem er sie in Zigarettenpapier mit ein wenig Tabak gemischt aufgerollt hatte, eilte er zurück zum Wasserfall, um sich erneut auf einem Felsen niederzulassen, diesmal etwas höher als zuvor. Die letzten Sonnenstrahlen würden seinen Körper warm halten während sein Geist „aushäusig“ war.

a vision 14_001

Seine Augen brauchten einen Bezugspunkt. Bereits während er rauchte, hatte Red eine der Birken auf der Landzunge fixiert. Wie friedlich diese Insel doch war sofern das Wetter mitspielte! Dem Atlantik zugewandt störte nichts den Blick, die anderen Landmassen der Hamptons waren nah, aber durch die Felsen im Norden und Osten gut abgeschirmt. Red hatte im Laufe der vierzig Jahre in denen er schamanisch tätig war, viele Visionen gesucht und gefunden. Auch bei solchen Dingen pflegte sich eine gewisse Routine zu entwickeln, und so hatte er den Geistern seine Anliegen mitgeteilt: „Zeigt mir ob die Zwei hier alleine klar kommen, damit ich entscheiden kann ob ich Arcanshe herzitiere wenn ich weg muss!“

Während die Kräuter ihre Wirkung taten, hatte Red die Augen geschlossen und sein Ego völlig in den Hintergrund befohlen. Tat man das nicht, konnte es geschehen das das eigene Unterbewusstsein die Stimmen der Geister übertönte, die Bilder der Vision überschrieb. Und dann bestand sie am Ende in einer „Der Wunsch ist der Vater des Gedanken“ – Szene. Mehr als ineffektiv, er hatte genügend Lehrgeld bezahlt in den ersten Jahren! Der Wind hatte mit den Lederschnüren an seinem Kopftuch gespielt, aber Red war seiner Physis bereits so fern, dass er das Kitzeln nicht mehr wahrnahm.

a vision 19_001

Als sein Geist sich vollends vom Körper gelöst hatte, sackte sein Kinn Richtung Brust, und während die Schatten sich schließlich auch den höchsten Punkt des Wasserfalls eroberten, durchquerte er dieses diffuse Nichts, das all seinen Visionssuchen vorausging. Meist landete er dann im Kreise durchaus hilfsbereiter Geister, deren Aufgabe unter anderem darin bestand, Menschen wie ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Wie gewohnt war er davon ausgegangen sobald sich der Nebel des Nichts auflösen würde,  die Lichtung zu sehen die in achtzig Prozent seiner Geistreisen sein Landeplatz war…………..als aber sein Avatar festen Boden unter den Füßen spürte, verschlug es Red erst einmal den Atem.

a vision 6_001

Was sich aus dem Reisenebel herausschälte, war eine düstere Kraterlandschaft. Staub. Dieser Staub! Gottlob legte er sich etwas nachdem Red sein geistiges Ebenbild, den Avatar, einmal um die eigene Achse gedreht hatte. Er sah nichts außer ödem Gestein, fast hätte man denken können diese Vision fände mitten auf dem Rücken von Luna statt! Schliesslich war seine Sicht klar und scharf wie gewohnt. Als er sich nach seinen Geisthelfern umsah wurde ihm klar das er nicht nur völlig alleine war, sondern das er offenbar mitten in einem Krater stand, über dessen Rand er gerade so spähen konnte. Die Dunkelheit besaß keinerlei Schwärze. Im Gegenteil, er würde es in Ermanglung eines besseren Terminus als eine lunare Nacht bezeichnet haben.

a vision 7_001

Die Hände auf die Schenkel gestützt hatte er den Blick seines Avatars in den Himmel gelenkt. Sterne. Offenbar war er zumindest nicht weit von den irdischen Gefielden entfernt. Doch die Sternbilder die er sah schienen nicht vertraut……vergeblich suchte er nach der Venus, dem großen Wagen……………Falten auf seiner alten Stirn! Also doch eine völlig fremde Galaxie? Es konnte nicht Luna sein, denn dann hätte er Vertrautes am Firmament gefunden. Er würde es nicht herausfinden wenn er sich nicht aus diesem Kraterloch bewegte!

a vision 8_001

Als er den Aufstieg etwa zu zwei Dritteln bewältigt hatte, entdeckte er Sirius. Ja, da war es, das Sternbild des ‚großen Hundes‘. Doch wo war die Milchstraße? Eigentlich sollte sie sich durch einen Teil des Canis Majoris hindurchziehen! Red befahl die Vewirrung, die versuchte sich seiner zu bemächtigen, hinfort. Es war eine Vision. Man musste mit dem Ungewöhnlichen rechnen! Außerdem war er kein Astronom, auch wenn die Sternbilder des irdischen Nachthimmels ihm sehr vertraut waren, was wusste er schon wie sie von anderen Planeten aussehen würden?

Er stapfte los. Da sich der Himmel zunehmend zu bewölken schien, gab es offenbar eine Athmosphäre………aber die Sterne verbargen sich seinem neugierigen Blick zunehmend. Also erst mal ganz heraus aus diesem Loch und sich einen Überblick verschaffen. Schließlich mussten ja auch irgendwo seine Geister warten!

a vision 10_001

Auf das Bild das sich ihm bot sobald er den Krater verlassen hatte, war Red nicht vorbereitet, nicht einmal in der durchaus erwartungslosen Geisteshaltung einer Vision!

Endlos. Bis zum Horizont und vermutlich darüber hinaus nur diese staubige, nächtliche Ebene…..sein Blick wurde von einer Art hellem Flackern, einem leuchtenden Fließen gefangen. Was war das? Er kniff die geistigen Augen zusammen, aber außer einigen dunklen Formen die sich in der kontrastarmen Düsternis kaum gegen die Ebene abzeichneten, konnte er nichts erkennen. In der Mitte dieser Konturen waberten undeutlich Lichter. Vermutlich der Versammlungsort seiner Geisthelfer. Also los. Mit etwas Glück würde er nicht lange brauchen, auch wenn er nicht abschätzen konnte wie weit dieser Ort entfernt war. Weit und breit gab es keinen Orientierungspunkt an dem er das hätte ausmachen können. Egal. Es war eine Vision. Entfernungen sind relativ. So begann er einfach los zu marschieren.

a vision 9_001

Die Stille war gespenstig. Selbst seine Schritte verursachten lediglich ein leises Knirschen. Die Lichter schienen weiter weg als er vermutet hatte, jedenfalls war er nun schon eine ganze Weile unterwegs gewesen aber hatte sich nur minimal genähert. Er beschloss, sich Kraft seines Geistes dort hin zu versetzen. Meist konnte man in Visionen Entfernungen innerhalb eines Sekundenbruchteils überwinden, aber der Schamane musste feststellen das das hier nicht galt. Jede Vision hatte ihre eigenen Gesetze……….na gut. Also weiter marschieren! Als er den ersten Schritt tat, war er nicht mehr alleine.

Nicht, dass er jemanden gesehen hätte, oder einer seiner Geisthelfer erschienen wäre. Aber die fremde Präsenz war deutlich zu fühlen. In seiner üblichen Routine fragte er stimmlos „Wer bist Du? Was willst Du von mir? Gib Dich zu erkennen oder weiche dorthin zurück, wo Du entsprungen bist!“

a vision 11_001

Für einen Sekundenbruchteil war die Visionswelt in sich zusammengebrochen, es war als stünde er nun unmittelbar vor den……..Bäumen? Steinen? Pfeilern? Dem Tempel? Zu kurz. Viel zu kurz. um sich auf seiner geistigen Netzhaut einzubrennen. Das Bild zerbröselte als habe Wind ein Sandgemälde in tausend Körner gewirbelt und Red stand wieder genau da, wo er seine Frage gestellt hatte. Besser gesagt, er hatte sich nicht bewegt. Die Präsenz gab ihm weder eine Antwort, noch verließ sie ihn. Das war neu. Es gab kosmische Gesetze! Und eines davon besagte klar, dass jedwedes Wesen auf diese Frage gehorchen musste!

Drei, vier schnelle Atemzüge……auch wenn der Avatar eines Magus keinen Sauerstoff benötigte, war er doch nichts anderes als eine Art geistiges Hologramm, so wird ein irdischer Geist seine irdischen Gewohnheiten kaum ablegen. Da!

Etwas umfing ihn! Es fühlte sich an als ob die Energie des Wesens ihn einhüllen würde. War das etwas das man als Antwort werten konnte?  Seine Intuition sagte ihm klar, dass das Wesen über Bewusstsein verfügte. Freude. Er konnte Freude spüren. Da er weit davon entfernt war sich über etwas zu freuen, konnte sie nur von der Präsenz stammen. Mit gerunzelter Stirn stellte er seine Frage erneut. Der einzige Effekt war, dass sich die Freude zu verstärken schien. Red machte einige Schritte, gespannt ob das Wesen ihm folgen würde.

In der Tat schien es ihm nicht nur zu folgen sondern wie ein unstoffliches Seidentuch an seiner Aura zu haften. Wortlos hatte er die Frage formuliert „Was ist das für ein Ort? Wie soll ich Dich nennen?“ Währenddessen hatte er sich dem Leuchten bis auf etwa dreihundert Meter genähert, doch trotz der geringen Entfernung konnte er nicht klar erkennen um was es sich handelte. Es war als wäre dieser ……..Baumkreis? Steinkreis? Tempel?……einfach nur ein geistiger Schemen. Und er blieb schemenhaft. Auch die Sterne waren verschwunden.Nicht einmal die nun heller wirkenden Lichter hatten eine bestimmte Form, sie waren in ständiger Bewegung aber so verschwommen als trüge ein fast Blinder seine Brille nicht.

a vision 12_001

Red hatte den Kopf geschüttelt als könne er so die Augen schärfen und die schlierigen Schleier die auf ihnen zu liegen schienen abschütteln. Genau in dem Moment als das zu gelingen schien, fühlte er plötzlich die Silberschnur, die seinen Avatar über Raum und Zeit hinweg mit seinem stofflichen Leib verband…….offenbar begann sein Körper ihn zurück zu pfeifen! Kurz war er abgelenkt…….und bevor er einen wirklich guten Blick auf den mysteriösen Ort werfen konnte, fühlte er bereits den Nebel des NICHTS, welcher ihm ankündigte das seine Vision hier und jetzt enden würde. „NEIN!!“

Es klang wütend. Frustriert. Dieses Nein füllte sein ganzes Sein vom Scheitel bis zur Sohle. Geistig wie körperlich. NEIN! Nicht jetzt! Nicht so!

Während Red versuchte, seinen Geist entgegen den Gesetzen seiner Vision an diesen Ort zu klammern, tönte überraschend eine Stimme in seinem Kopf. Sie gehörte dem Wesen, kein Zweifel! Es gab Dinge, die musste man nicht hinterfragen, die waren einfach klar.

„Ich freue mich auf Dich. Aber sei vorsichtig. Sie suchen euch und sind ganz nahe!“

Die Silberschnur hatte heftig gebebt und anstelle des sanften Gleitens durch das Nichts, schien er mit Lichtgeschwindigkeit in seinen Körper zurück zu schnellen! Das Gefühl eines harten Aufpralls………….dieses Mal war das „Hineingleiten in den Leib“ eher eine Art vom eigenen Körper fast gefressen zu werden……..

„Verdammt!“ Es war Nacht geworden auf Unicorn Isle. Schnellatmend, verwirrt und erschöpft, war Red’s Blick als erstes zum Himmel geglitten.

a vision 21_001

Luna befand sich da wo sie hingehörte. Und nicht nur sie………

Der alte Schamane hatte den Frust ausgespuckt. „Fuck….fuck…….FUCK“. Eine neue Vision würde es hier und jetzt nicht geben. Er hasste diese Visionen die einen verwirrter zurückließen als man aufgebrochen war!

Der Atlantik rauschte ebenso unbeeindruckt wie der Wasserfall.

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s