Kap4: Tänzer Workout

workout 1_001

Die Morgendämmerung ließ das Meer glitzern als hätte ein Zauberer Diamantenstaub darauf verstreut. Ein unglaublicher Bewegungdrang hatte Jamie kurz nach fünf bereits aufgeweckt. Mit einem zärtlichen Blick auf das warme, schlafende Bündel neben sich war er auf den Balkon getreten und hatte diesen magischen Moment zwischen Nacht und Tag ausgiebig genossen.

Was war los? Normalerweise wachte er nicht mit dem ersten Hahnenschrei auf! Während er sich den Schlaf aus den Augen rieb, konnte er diese unbändige Energie in sich fühlen, diesen Drang sich zu bewegen, seine Muskeln und Sehnen zu spüren. „Verdammt ja! Es ist der vierte Tag an dem ich weder arbeite noch trainiere!“ hatte er halblaut gemurmelt als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel.

So ging das natürlich keinesfalls. Nichts ist übler als wenn ein Tänzer an Kondition einbüßt! Jamie hatte sich in der Küche eine Flasche Wasser gegriffen und beschlossen, einmal um die Insel zu joggen. Während er unterwegs war und die Sonne langsam über den Felsen kroch, erinnerte er sich an die Yoga Matte welche Aranza an der schmalen Landzunge liegen hatte. Das wäre ein hervorragender Ort für ein kleines, morgendliches Workout, und dort wäre er auch nahe genug am Zelt um zu sehen, wenn Red erwachte. Ein prüfender Blick in den rosigen Morgenhimmel ließ erahnen, dass es ein klarer, sonniger Tag werden würde.

workout 5_001

Schnell wurden aus der einen Joggingrunde um die Insel drei. Danach konnte er sich das Aufwärmen schenken. Er huschte noch einmal ins Haus, schlich sich ins Schlafzimmer an die drei Rattankörbe in denen seine Habseligkeiten ruhten, welche er grundsätzlich hier deponiert hatte. Er hielt sich oft genug auf der Insel auf und wollte nicht jedesmal eine Riesentasche mitschleppen. Die Kisten knarzten, wie es Rattankisten gerne tun, leise vor sich hin als er die Hanteln entnommen hatte und sie wieder schließen wollte. Sofort glitten seine honigfarbenen Augen zu Isar. Nein, offenbar hatte er keinen extrem leichten Schlaf. Isar lag zusammengerollt auf der Seite, und nur das leichte Zittern seiner Flügelspitze zeigte überhaupt, dass er atmete und lebte. Beruhigt tänzelte Jamie auf leisen Sohlen wieder hinaus.

Die Landzunge war fix erreicht, und er begann mit einigen Dehnungsübungen.

„Fuck!“…… bereits jetzt, nach nur vier Tagen relativ starker körperlicher Untätigkeit konnte er spüren dass seine Sehnen und Bänder offenbar ein wenig an Elastizität eingebüsst hatten! Das Zelt in dem Red logierte, liess er nicht aus den Augen. Während Schmetterlinge ihn umflatterten und ihm hin und wieder ein Schmunzeln entlockten, ging er zu Kniebeugen über. Die morgendliche Stille hatte etwas Friedvolles, das Wasser der Bucht lag relativ glatt und glänzend in seinem Bett.

workout 6_001

Ohne nachzudenken passte Jamie seinen Rhythmus automatisch der Umwelt an, in diesem Falle dem Rauschen der heute sehr friedlichen Brandung. In der Zeit die ein Rauschen füllte, schafft er drei Kniebeugen. Die absolute Stille zwischen den Brandungsgeräuschen füllte jeweils nur das leise „phhhhüüü“ wenn er aus- oder einatmete. Ob der kleine Handlauf am Anlegesteg als Balettstange taugte? Kondition war eines aber die speziellen Übungen der Modern School Of Dance Arts Inc.,bei der er gelernt hatte, etwas ganz anderes…..

Jamie schüttelte seine Beine aus und trank einen langen Schluck Wasser um zu den Liegestützen zu wechseln.

workout 9_001

Die Seevögel übertönten mit ihrem aufgeregten Gekreisch welches sie anstimmten als sie offenbar einen kleinen Schwarm Jagdbeute erspäht hatten, fast den Ruf vom Zelt …

„Hey, Morgen Zauberlehrling!“

Die nächste Liegestütze verunglückte, weil diese Anrede ihn derart zum Lachen brachte, dass er sich nicht halten konnte. „Morgen ‚Meister‘ Reddy!“, hatte er zurück gerufen und fröhlich gewinkt. Ein lautes Platschen, und schon hatte Red, der ja gerade erst aus dem Zelt gekrochen war, sich in das ruhige Wasser der Bucht gestürzt und kam mit ziemlich ausholenden Bewegungen die man einem alten Mann gar nicht zugetraut hätte, herüber gekrault.

workout 10_001

Am Ufer angelangt, schüttelte er sich erst einmal wie ein junger Hund, dann stiefelte er tropfend und breit grinsend auf die Matte zu. „Schöner Morgen für Fitness!“

Jamie hielt nicht für eine Sekunde Ruhe, er war es gewohnt bei körperlicher Anstrengung zu sprechen. „In der Tat! Du bist auch ganz schön fit für Dein Alter, Alter!“

„Nana, werd‘ mal nicht übermütig, du Dreikäsehoch! Obwohl, so ganz grün hinter den Ohren biste ja nicht mehr.“

„Bin ich nicht? Was verschaffte Dir denn diese Erkenntnis, Opa?“

Red’s Grinsen wurde breiter, und fast im Verschwörerton stellte er fest: „Du fickst ihn. Oder besser gesagt, Du lässt Dich ficken. Ein Satyr ist selten der weniger aktive Part.“

workout 21_001

Jamie Bewegungsfluss stockte. Für einen Moment hatte es ihm die Sprache verschlagen und er geriet aus dem Rhythmus. Mit schiefgelegtem Kopf und leicht gehobenen Brauen hatte er seinen schamanischen Lehrer gemustert, während die kleinen Schweissperlen sich offenbar zusammenrotteten um schließlich als große, salzige Tropfen seine Schläfen hinabzugleiten. „So what?“, ein knappes Knurren nur.

„Nichts, Jamie. Aber denk nach, bitte! Eigentlich solltest Du von selbst darauf kommen!“

workout 13_001

Jamie hatte seine Übungen wieder aufgenommen. Allerdings war für Red’s wässerige Altmänneraugen aufgrund der mentalen Schärfe seines Blickes klar, dass der Workout nun einer völlig anderen Stimmung entsprang. Hatte der Junge zuvor freudig und aus purer Lust an der Bewegung trainiert, so schien die Feder seines Antriebs nun ein fast schon aggressiver Trotz zu sein. „Kannst du nicht einen Moment aufhören und mir Deine Aufmerksamkeit schenken, Jamie?“

„Die ist bei Dir. Dafür muss ich nicht aufhören! Ich wüsste zu gern wieso Du meine Nächte zu beobachten scheinst!“

Die Sonne war höher gestiegen und beide fühlten auf der Haut die beginnende Hitze des Tages. Langsam glitt der Schamane von der gebeugten Haltung in eine kniende und schüttelte mit einem fast väterlichen Ausdruck im faltigen Gesicht den Kopf. „Nichts liegt mir ferner. Doch konnte ich ja nicht ahnen welcher Beschäftigung ihr nach geht, als ich dich nach meiner Rückkehr vom Festland suchte! Und nun denk‘ nach! Es hängen Leben davon ab!“ Scheinbar musste er Jamie die Brisanz mit dem Vorschlaghammer präsentieren…

workout 14_001

„Grosser Gott, du tust ja gerade als wären Armeen von Geistern hinter uns her, Red!“

„Einer von den falschen genügt, Jamie. Und im Rausch der Extase hört und seht Ihr nichts! Natürlich kannst Du nichts dafür, dass Du verliebt bist, aber Liebe macht bekanntlich blinder als ein Maulwurf!“

„Scheisse, ich bin nicht verliebt!! Und ich bin beim Poppen auch nicht blind, Red!“ Jamie schnauft unwillig, streicht sich den Schweiss von der Stirn und mit seinem Zorn steigert sich auch das Tempo seiner Gymnastik. „Bist Du nicht, nein?“ Der Blick der alten Augen spricht Bände, und endlich fällt bei Jamie der Groschen.

„Ach – DU warst die Präsenz die Isar spürte…….. er fragte mich ob es eine Katze gewesen sein könnte………und nein, bin ich nicht. Ich bin………..ich………“

„Ja. Du bist verliebt. Das sieht ein Blinder mit Krückstock! Und egal ob Du es Dir nun eingestehen willst oder nicht, Du hast Dein Herz an einen Satyrhybriden gehängt, der in dieser Welt fast hilfloser ist als besagter Maulwurf auf einem Fussballfeld mit Flutlicht! Du hast mich nicht wahrgenommen. Es wird Zeit für die nächsten Lektionen, Jamie. Fangen wir an?“

Jamie’s Miene wirkte vernkiffen und er hatte sein Tempo eher noch gesteigert. „Nein. Ich werde diesen Workout abschließen bevor meine Hanteln Rost ansetzen! Und……vielleicht können wir warten bis Isar wach ist? Er wollte gerne teilnehmen.“

Red nickt bedächtig. „Du solltest einen Zauber haben mit dem Du Euch während Eurer Liebesspiele schützen kannst, Junge. Also warte nicht so lange. Ich bereite derweil alles vor…..“ Nachdem er sich wieder erhoben hatte, überraschend geschmeidig, hatte er kurz gewunken und war dann wieder zurück zu seinem Zelt geschwommen um sich etwas anzuziehen.

workout 19_001

Es waren wohl nicht nur die Bäche von Schweiss, die es aussehen ließen als dampfe Jamies gesamter Leib in der frühmorgendlichen, hellen Sonne! Mit einem unwilligen Laut hatte er Red verabschiedet, sich dann seine Hanteln aus dem noch etwas feuchten Gras gegriffen und während er mit den Gewichten zu hantieren begann, hatte er leise geknurrt. Ja. Wie (fast) immer hatte Red den Nagel auf den Kopf getroffen. Jamie konnte nun auch vor sich selbst nicht mehr verleugnen das er sein Herz verloren hatte.

Mist, verdammter! In seinem Hinterkopf hört er Isar’s leise Stimme wie ein Echo vom Vorabend: „Du bist viel zu ernst. Das Leben ist zu kurz, um sich ständig Sorgen zu machen. Du hast jetzt plötzlich viel vor .. und irgendwie ist das wohl meine Schuld …..aber Du darfst dich nicht davon auffressen lassen. Veränderung ist gut. Bringt dich voran.“

Halblaut murmelt Jamie in den warmen Morgen „Du hast gut reden, mein Prinz!“

workout 22_001

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s