Kap3: Ein Tag wie Urlaub

Sonntag 2_001

Am späten Vormittag, nachdem die „Schule“ beendet war und Red sich zu einem Ausflug aufs Festland verabschiedet hatte, beschloss Jamie seine wenige Habe aus der Scheune ins Haus zu bringen. Nun da er offiziell Aranza vertrat, würde er wie immer in solchen Fällen im Hausboot logieren. Auf dem Weg zur Scheune hatte er etwas quietschen gehört. Als er hinblickte, musste er schmunzeln – Isar erklomm den Berg mit Schwimmflügeln an den Armen und dem noch tropfenden Schwimmring. In seiner unbekümmerten Art hatte er die Hilfsmittel ins Gras fallen lassen und Jamie verdrehte innerlich die Augen. Nein, Ordnung war wirklich nicht das Steckenpferd des Satyrhybriden.

Dieses Drängen. Kaum hatte er Isar gesehen entstand dieses Drängen ihn an sich zu ziehen, den vom Wasser der Bucht vermutlich Kühle ausstrahlenden milchweissen Leib zu umarmen, ihn festzuhalten und die Sensation von fremder Haut an seiner zu spüren.Er hatte die Arme ausgebreitet.

Sonntag 3_001

Nach einer zärtlichen Begrüßung und dem Hinweis man wohne nun im Hausboot und Isar möge doch die Schwimmutensilien mit nach unten nehmen, hatte er dann seine Sachen aus der Scheune aufgesammelt und sich ebenfalls zum Haus begeben. Natürlich war der Satyr neugierig – so ließen sie sich erst einmal auf dem Steg nieder, und Jamie versuchte in Kürze die wichtigsten Neuigkeiten zu verkünden. In Kürze war bloß nicht wirklich sein Ding………schon gar nicht wenn einen ein nasser, muskulöser Körper von hinten umarmt!

Sonntag 5_001

Tapfer hatte Jamie seine Tagesordnungspunkte abgespult: Red war angekommen, wohnte im Zelt am Wasserfall und war sein Lehrer, und nein, Isar musste ihn nicht meiden oder fürchten, im Gegenteil. Aranza würde eine Weile mit dem Kind auf dem Festland bleiben weshalb er sie nun vertrat. Sie würden jetzt im Haus wohnen welches er Isar gleich zeigen wollte. Eine Fähre passierte die Insel zweimal täglich und da wäre es wohl besser sich nicht in Satyrgestalt sehen zu lassen. Während er sprach fiel es ihm ob der höchst erotischen Zärtlichkeiten von Seiten seines Umbra-Gespielen schwer, den Faden nicht zu verlieren.

Kam es ihm nur so vor, oder bereitete es dem sinnlichen Naturell Isar’s grösstes Vergnügen ihn aus dem Konzept zu bringen? Seit der ersten Begegnung in seinem New Yorker Loft waren ganze zweieinhalb Tage vergangen, und dennoch hatten Isar und er so gut wie keine Zeit miteinander verbringen können. Überhaupt! Die Zeit schien seitdem zu galoppieren, es war als hätte jemand der Weltzeituhr eine Prise Speed versetzt. Zwei Nächte in der Scheune an Isar’s Seite aber höchst abstinent…..kein Wunder, dass Jamie dieses Drängen empfand.

Sonntag 4_001

Spätestens als sich Isar’s Hand forschend zwischen dem Bund seiner Badehose und seinem Bauch hindurch schob war es Zeit, das Haus zu zeigen! Er hatte sich also widerwillig Isar entzogen und erklärte ihm flüchtig die Räumlichkeiten – womit man bei einem Zwei-Zimmer-Küchenecke-Hausboot definitiv nicht überfordert war. Isar’s Sorge etwas kaputt machen zu können das er nicht kannte, brachte ihn erneut zum Schmunzeln, auch wenn die Sorge sicherlich berechtigt war.

Sonntag 6_001

Jamie besaß keinerlei Reichtümer, so einträglich war sein Job an dem kleinen Theater nicht. Eine eiserne Reserve hatte er sich zusammen gespart, er wollte irgendwann eine etwas geräumigere Bleibe mieten. Im ungünstigsten Fall würde er an diese Reserve müssen um Aranza Teile ihrer Einrichtung ersetzen zu können – aber das war dieses Abenteuer allemal wert!

Es kam was kommen musste…….im Schlafzimmer angekommen war er ziemlich schnell neben Isar auf dem Bett gelandet. Während die Leidenschaft beide fest im Griff hatte, bemerkte Jamie nicht den Schatten an der Glastür, nicht das wissende und amüsierte Grinsen in Red’s Miene. Auch die dumpf durch das Glas dringenden Worte „Sicher. Ein Satyr!“ erreichten seine Ohren nicht, und Red hatte sich dann wieder schnell nach unten begeben.

Sonntag 8_001

Gefühlte Ewigkeiten später und um eine Menge Fruchtbarkeitselexier ärmer, entspann sich dann eine höchst interessante und philosophische Unterhaltung, begleitet von einer entspannt-zärtlichen Kuschelorgie.

Isar’s Frage bewies deutlich, dass dieses Wesen doch sehr viel empfänglicher für Energien war als der handelsübliche Mensch (auch wenn dieser durchaus spirituell unterwegs war).

„Ich habe irgendeine Präsenz gefühlt. Ist eine der Katzen während dessen rein gekommen oder habe ich mich geirrt?“

„Eine Katze? Nein, die Tür ist nach wie vor verschlossen. Vielleicht zog ein namenloser Geist vorbei? Ich hoffe ihm gefiel was er sah!“

Offenbar war Isar nur halb so schläfrig wie Jamie sich jetzt fühlte. Und ebenso offenbar hatte er viel über das Leben der Menschen in dieser Welt gehört…….sicher, seine Halbschwester dürfte ihm durchaus aus dem London anderer, ferner Zeiten berichtet haben. In welcher Zeit genau sie dort lebte, war ihm immer noch schleierhaft. Jamie war daher nicht sehr verblüfft als er die nächste Frage vernahm:“Es wundert mich, dass du offen damit umgehst auch mit Männern zu schlafen. Ist das bei euch kein Tabu?“

„Doch ist es. Es hat sich in den letzten Jahrzehnten etwas gelockert, aber es ist immer noch ein Tabu, wenn auch ein etwas Aufgeweichtes. Und homosexuelle Neigungen sind sonderbarerweise auch etwas, das man meinem Beruf andichtet. Wobei ich nicht schwul bin, meine Identität in sexuellen Angelegenheiten lässt sich am ehesten als pansexuell bezeichnen.“ Er endete mit einem amüsierten Glucksen, pan…… wie treffend!

Sonntag 10_001

Isar schien Probleme zu haben, dieses Konzept zu verstehen, schließlich hatte er vorsichtig  genickt. „Also .. es ist für Menschen also nicht natürlich, ihre Sexualität mit der Person auszuleben, die sie anziehend finden, außer diese Person besitzt auch noch das gegenteilige Geschlecht. Gut, das klang schon bei Carlas Erzählung bekloppt. Aber Du bist normal und das ist gut so.“ Ein zufriedenes Nicken.

In diesem Moment war Jamie das Herz aufgegangen! Wie wundervoll, sich nicht mehr für die eigene sexuelle Identität ausgegrenzt zu fühlen! Wie unglaublich, so wie er war als „Normal“ betrachtet zu werden!

„Schön das so formuliert zu hören. Ja, es ist bekloppt wie meine Gesellschaft ihr Weltbild in puncto Sexualität gestaltet. Aber es gibt mehr pansexuelle Menschen als man denkt. Nur können sie es oft nicht formulieren weil sie nicht einmal den Begriff kennen. Ich habe schon in sehr früher Jugend beschlossen, dass ich mir vom Zeitgeist nicht vorschreiben lasse wen ich ficke, ob nun ein Mann, eine Frau, ein Hermaphrodit oder was auch immer……….wenn die Essenz stimmt, wenn die Seelen harmonieren……… dann ist das doch alles was zählt! Und das ich offen damit umgehe ist zuweilen gefährlich aber das Risiko gehe ich ein. Genau so wenig wie ich mir vorschreiben lasse wen ich ficke, sehe ich ein mich dafür zu schämen!“ Während die Worte nur so aus Jamie heraus gesprudelt waren, hatte er zärtlich mit den noch feuchten Dreads des Changelings gespielt, der nun lachte, nach Jamies Hand griff und die Handfläche küsste.

Sonntag 14_001

„Klingt vernünftig. Sehr vernünftig. Ich vermute, dann glaubst du auch nicht an Monogamie?“

Jamie’s Gedanken waren tatsächlich im Bereich Monogamie unterwegs, und diese „Gedankenübertragung“ hatte ihm ein dunkel perlendes Lachen entlockt. Er war schon immer der Ansicht das der Mensch nicht monogam geschaffen wurde.

„Das wäre mein nächster Gedanke gewesen. Es gibt wenig polyamore Paare in meiner Gesellschaft, und die die diesbezüglich ‚erwacht‘ sind haben es nicht leicht die anerzogenen Seelenreflexe in den Griff zu bekommen. Ich persönlich halte nichts von Eifersucht. Kenne sie aber. Sie ergreift mich genau dann, wenn ich das Gefühl habe nicht mehr satt zu werden. In einer polyamoren Beziehung ist es wichtig die Aufmerksamkeit sehr gleichmässig zu verteilen. Und das fällt vielen schwer.“

„Viel zu kompliziert. Ich denke, jeder sollte einfach kommunizieren, wenn er mit etwas nicht klar kommt. Und dann löst man das.“

„Ja, die Kommunikation ist wichtig, aber über Emotionen sprechen kann schwierig sein, da Gefühle sich nun einmal nicht rational packen lassen. Und Arbeit ist es allemal. Aber die lohnt sich!“ Jamie hatte tatsächlich einmal versucht eine polyamore Beziehung zu leben, aber das war in dieser Welt alles andere als akzeptiert, einfach oder auch nur bequem gewesen. Isar’s Gegenwart hatte ihn allerdings schnell diese Erinnerung wegschieben lassen.

Das Gespräch wurde persönlicher je später es wurde, viele höchst interessante Details jenseits der Frage der Sexualmoral der so unterschiedlichen Gesellschaften denen sie entsprangen. Isar’s Familie, der Besuch seines Vaters, den Jamie ihm einfach nicht verschweigen wollte und konnte, das Naturell der Greifdame die Isar’s Mutter war.

Was aber in Jamies Kopf hängen blieb war die Erkenntnis, dass er offenbar zur falschen Zeit in der falschen Gesellschaft geboren worden war.

Sonntag 7_001

Schließlich war er schläfrig geworden, möglicherweise auch ein Versuch sich davon abzulenken was er deutlich fühlte, aber beim besten Willen nicht wahr haben wollte: Dieses Wesen hatte sich längst eine Komfortwohnung in seinem Herzen erschlichen. Er hatte den Wunsch nach einem Nickerchen geäußert, und Isar hatte zugestimmt. Auch wenn der Satyr nach einem Liebesspiel offenbar nicht dazu neigte schläfrig zu werden sondern vielmehr an Energie zu gewinnen schien.

„Hm. Gut! Aber vielleicht stehe ich nachher noch auf und esse etwas“, hatte Isar verkündet.

„Ja. Du findest etwas das ich Dir vorbereitet habe im Kühlschrank………..es sind Fladenbrote mit kleinen Kugeln aus Kichererbsenbrei……und Gemüse. Es klebt ein Bild eines Flügels an der Folie damit du sie erkennst. Halte sie in der Folie übers Feuer damit sie warm werden…man nennt es Falafel, auch wenn es nicht aus meinem Kulturkreis stammt mag ich es sehr!“ Wohlweislich hatte Jamie Isar ganz bewusst nicht empfohlen, die in Alufolie verpackten Falafel im Ofengrill zu erhitzen….er war sich sicher das es keine Elektroherde im tiefen Umbra gab.

„Das hört sich großartig an! das werde ich nachher probieren. Aber erst ein bißchen hier bei Dir liegen.“

Und so war Jamie in inniger Umarmung eingeschlafen. Die Nacht war erfüllt von wilden, verrückten, spanndenden, erotischen und auch beängstigenden Träumen, und er hatte nicht mehr gehört das Isar tatsächlich später in der Küche poltern herum gefuhrwerkt hatte. Seine Träume hielten ihn bis zum nächsten Morgen fest im Griff.

 

 

 

 

 

 

 

 

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